Tschüssi Blog

Ein guter Text lebt von einem guten Einstieg. Das habe ich in den letzten fünf Jahren, die ich auf dieser Plattform über Gott, die Welt, das Berghain, Darkrooms, Drogen, das heterosexuelle Patriarchat, Musik, Mode, Kokosöl und Lyrik geschrieben habe, gelernt. 2013 ging der erste Text online, damals noch auf einer Blogspot-Domain, der Name eher ein Schnellschuss, als Programmankündigung. Der Blogname blieb, die Domain hatte bald eine .de-Endung. Begonnen hatte wolf auf tausend plateaus als persönliches Archiv. Daraus wurde eine der schönsten kreativen Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Selbstverantwortlich Texte online stellen, gelesen werden, in Austausch treten: das ist ein Geschenk. 

Leider ist dieses Geschenk nicht mehr zeitgemäß. Viele von euch werden Artikel über Facebook gefunden haben. Das sagen die Statistiken (ein bisschen Analyse muss sein) und die sagen auch, dass die Zugriffe, die über Facebook kamen, weniger wurden. Weil ich nicht nur blogge, sondern auch entgeltlich in der Lohnarbeit mit dem Internetz arbeite, weiß ich aus erster Hand: die Algorithmen von Facebook haben sich seit 2013 Schritt für Schritt dahin verschoben, dass sie Werbetreibende bevorzugen. Das heißt der Content, der in der Timeline landet, baut nicht nur eine Filterbubble, er gibt auch unabhängigen Publishern immer weniger Zugang zur eigenen Fanbase. „Aber ich hab doch die Page geliked“ reicht leider nicht mehr aus, um den Content auch zu sehen. Für ein kleines Blog wie dieses hieß das: weniger Leute kamen auf die Seite, der Traffic nahm ab. 

Blogs haben ihre beste Zeit ohnehin gesehen. Der Traum von den kleinen, coolen, unabhängigen Magazinen, die der Medienlandschaft zeigen, wie man im Internet Inhalte macht, ist ausgeträumt. Content können jetzt alle und Inhalte mit redaktionellem Anklang macht jeder Konzern und jede Pups-Marke. Daran bin ich, in kleinem Umfang, nicht unschuldig. Nicht durch das Blog, aber durch die Arbeit, die mir das Blog verschafft hat. Ach du kannst bloggen? Ja dann stellen wir dich in unserer super coolen Digitalagentur an und du machst coole Sachen für Konzerne. Ja, nee, das ist keine Werbung. Isses doch: Influencer-Marketing dient hier als anschauliches Beispiel. Jede Fashion-Ikone mit 300 Followern hat jetzt #werbung vor dem Post stehen, auch wenn alles selbst gekauft ist, nur um auch cool zu sein. Werbung ist cool geworden. Und mussten eben jene Fashion-Ikonen 2013 noch mühsam Bilder auf ihr Blog laden, reicht heute ein Instagram-Profil. Geil, weniger schlechte Texte. Schreiben konnten nämlich die wenigsten Blogger – nur so ne Meinung. 

Vom Schreiben aber hat dieser Blog gelebt. Influencer werden, das Blog monetarisieren, das waren vielleicht auch mal Ziele, lol dazu, aber vor allem ging es mir darum die (queere) Gegenwartskultur zu kommentieren. Perspektiven aufzuzeigen, Diskussionen anzustoßen. Müsste ich jeden der hier veröffentlichten Artikel in einem Magazin pitchen, wäre wahrscheinlich nur ein Bruchteil davon in die Welt gekommen. Das unabhängige Schreiben hat mich selbstbewusster gemacht: als schwuler Autor ist das keine Selbstverständlichkeit. Dafür bin ich dankbar, und auch wenn das jetzt kitschig wird, hab ich ein bisschen Pipi in den Augen, das Blog einzutüten.

Ist also alles Facebook Schuld, diese böse Maschine, die uns dazu manipuliert noch mehr zu kaufen. Ganz daran glauben will ich nicht. Meinerseits war es naiv, die ganze Informationsstruktur auf Facebook aufzubauen. Ein Newsletter kann auch Traffic bringen – Möglichkeiten gibt es viele. Und auch wenn die transmediale ihren Facebook-Account abstellt, um neu anzufangen, ist das für mich keine Option. Wir haben alle verlernt Blogs zu lesen. Wir haben scheinbar auch keinen Bock mehr darauf. Das Internet hat sich weiterentwickelt und ich glaube auch nicht, das Blogs noch zeitgemäß sind. Gute, solide Texte auf Bildschirmen lesen: das scheint mir sinnvoll zu sein. Aber Blogs sind so oft Einzelpersonen, selten mal zwei, drei Leute. Individualismus klingt so nach 00er-Jahren. Die Herausforderungen der Gegenwart sind andere. Sie lassen sich solidarisch, nicht isoliert, bewältige.

Wenn wir aber weiterhin unabhängige Medien konsumieren wollen, egal ob von Individuen oder Kollektiven, dann müssen wir uns wieder von Facebook frei machen. Wir müssen wieder Feedreader nutzen, Lesezeichen setzen und aktiv surfen. Lasst euch nicht berieseln – nehmt das Internet in die Hand und surft euch durch. Geht Risiken ein. Lest auch mal schlechte Texte, aber vor allem: vertraut niemandem außer eurer eigenen kritischen, selbstkritischen Reflexion. 

Das Blog der Zukunft, es soll ein Magazin sein. Das Blog der Zukunft, es soll kein 1 Wolf auf 1000 Plateaus sein. Es sollen 1000 Wölfe auf 1.000.000 Plateaus sein. 

Wer nochmal Tschüssi sagen will, der kann am 10.11. auf einen Schnapps vorbei. Wer’s virtuell halten will, klickt hier. Ich unterrichte mittlerweile, also kommt mal rum und sagt Hallo auf der Matte!

Danke für eure Aufmerksamkeit, Geduld, Kritik, Kommentare, Liebe, Gedanken, Anstöße, Sprüche und Zeit.

xx
K

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