Hitzschlag

Es ist der heißeste Sommer, schon wieder. Das 21. Jahrhundert macht sich dazu auf das hotteste Jahrhundert zu werden ?, geil. Die hohen Temperaturen zwingen uns alle dazu mehr Haut zu zeigen. Die hohen Temperaturen machen uns das Denken schwieriger. Wir sind abgelenkter – voneinander und voreinander. Die Erotik der Hitze liegt in der Liebe der Sonne ☀, die uns unablässig das Leben ermöglicht, aber zugleich auch die Ernten vernichtet, die junge Götter in ihren Birkenstock zertrampeln. Die Erotik ? der Hitze liegt in der Aufweichung, nicht nur des Teers auf unseren Straßen, sondern auch der Grenzen von Körperklassen. Schultern zeigen gehört sich vielleicht in Büros mit Anzugpflicht nicht, aber die Erwerbsarbeit ist nicht mehr Leitkultur. Akzeptieren wir die 40-Stunden-Woche auch noch bei 40 Grad? Die Hitze weicht auf, was an Codes in den Kleidungsstücken ? sitzt und radikalisiert unsere Körper. Die extremen Temperaturen erlauben uns eine Demokratisierung der fleischlischen Hüllen. Wir entblößen uns voreinander. Rutschen wir nicht ins Pornographische ab.

Alle Marker von Körperklassen weichen auf, fallen weg, unterliegen nur noch der Praktikabilität angesichts der Temperaturen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis das Cruising aus seinen abgesteckten, periphären Zonen wie ein kalter Somerregen auf die Gesamtgesellschaft einregnet. Aufgeweicht wird alles Begehren, das nicht ausbrechen darf. Und das auf einem Planeten, dessen Bewohner im Treibhaus noch mit Steinen werfen. Hoffentlich bekommen wir keinen Hitzschlag ? in die Fresse. Lutschen wir lieber das Eis von den Polen, damit es schneller geht. Ertrinken wir an jetzt in den Achselhöhlen fremder Menschen, die uns aufgedrückt werden? Demokratisierungsprozesse und Prozesse der Radikalisierung: das heißt alle tragen Shorts. Die Machos sind zu müde zum Pfeifen. Der Klimawandel liest sich als Technologie des freien Kapitals. Epistemologisch kommen wir dem Wandel nicht näher, wenn wir nicht die Überhitzung des Systems mit der Überhitzung des Planeten ? gleich setzen. Doch die Überhitzung macht uns auch alle hotter, und weil wir hotter ? werden, bricht sich neues Begehren Bahn.

Die Ökonomie der Hitze schlägt eine neue Grammatik vor. Niedergestreckt von der Exzessen unseres eigenen Konsums ersticken wir entweder an Plastik, verroten an Krebs oder verbrennen in der Hitze des uns liebenden Universums ✨. Biopolitsche Entscheidungen werden in Zukunft entlang von der Ernährbarkeit neu Gedeihtens abgewägt werden müssen. Die Geburtenquote im Prenzlauer Berg soll 2022 wieder sinken ?, weil die Verpackungsintensität bei Geburten zu groß ist. Das bedeutet einen Einbruch im Schwangeren-Yoga, dafür können die Leute sich jetzt weiter nach vorne Beugen, weil es so warm ist. Weitere Prognosen kann keiner Stellen, weil auch die Politik nicht weiß, wen sie fragen soll, weil keiner weiß, was wir hier eigentlich tun. Vielleicht kann jemand, der im neuen Millenium geboren ist, sagen, was hier passiert. Schließlich ist diese Person, dieser imaginierte Körper ?, dieser Bote der neuen Gesellschaft, der Welt im Wandel, jetzt schon volljährig. Schließlich ist auch dieses Jahrtausend jetzt schon Volljährig, nur um in 982 zu sterben, wenn dann noch jemand mitzählt.

Ich hol mir jetzt ein Eis. ?

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.