Gay Pride? Das Ende des Stolzes.

Letztens war Pride Month – der Monat des Stolzes. Der Monat, in dem weltweit Regenbogenflaggen gehisst werden und in Großstädten die Demonstrationen, Paraden und Parties stattfinden, die sexuelle Vielfalt zelebrieren wollen. Oft als Gay Pride abgekürzt, manchmal auch LGBTPride, seltener Queer-Pride, soll in Erinnerung an den Aufstand in der New Yorker Christoper Street im Jahr 1968 stattfinden. So einer ist dieses Wochenende auch in Berlin. Mit Paraden und Trucks von Firmen, Parteien und Verbänden. Dass aus dem Aufstand mittlerweile ein neoliberales, normiertes und gestriegeltes Fest der Eitelkeiten geworden ist, mag einem sauer aufstoßen. Aber darauf hinzuweisen mittlerweile auch obsolet – reine Kritik ohne Lösungsansatz kann genauso sauer aufstoßen. Das hetero-patriarchale System, gegen das sich die Aufstände in den 60ern und die gesamte darauf folgende Politisierung der sexuellen Widerstandsbewegung richtete, waltet noch immer und nur weil „wir“ heiraten dürfen, haben wir noch lange nicht alles erreicht. Aber wem erzähl ich das.

„Tunten sind nicht so verlogen, wie der spießige Schwule. Tunten übertreiben ihre schwulen Eigenschaften und machen sich über sie lustig.“

Der kleinste Gay Pride der Schule

Ich war in der 8. Klasse und Eastpak war gerade in. Meine Eltern schenkten mir einen mit Leder unten, darauf war ich besonders Stolz. Doch nicht nur darauf: stolz war ich auch auf meine gerade entdeckte sexuelle Identität. Früh in die Pubertät gekommen, merkte ich schnell, dass ich mich nicht in die Narrative einreihen wollte, die mir vorgelebt wurden. Doch zum Glück gab es das Internet und Popkultur, die mir zeigte, dass schwul sein eine valide Möglichkeit ist. Das Internet unterrichtete mich auch, trotz Modem, vielleicht hatten wir auch schon ISDN zu Hause, das kann ich nicht rekonstruieren, dass man Stolz darauf sein durfte, schwul zu sein. Gay Pride hieß das. In meinem 8.Klässler-Englisch bastelte ich mir einen Slogan zusammen: proud to be gay. Den schrieb ich mir mit Textilfarbe auf den neuen Eastpak. Dazu malte ich einen Regenbogenflagge. Die Werkzeuge konnte ich im Internet bestellen – ohne, dass meine Eltern mir dabei helfen mussten. Die sprachen auch kein Englisch und wussten nicht, was sich da auf meinem Rücken zusammenbraute. Hinter dem gleichen Rücken wurde über mich gelästert: der ist doch bestimmt schwul. So ne Schwuchtel. Igitt. Pfui.

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Zwei Dinge spielten mir in die Hand: das bessere Englisch und mein Stolz. Ich flippte die Situation. Lieber hatte ich keine Freunde auf dem Schulhof und einen coolen Rucksack mit einer Regenbogenflagge darauf, als falsche Freunde und Geläster über meine sexuelle Identität. Gerade erst entdeckt, wollte ich mich nicht verstecken.

Am ersten Tag ging ich mit Stolz geschwellter Brust damit zur Schule. Meine Englisch-Lehrerin schloss die Klasse auf, lief mit uns hinein und hielt inne. Sie fragte mich: „Du weißt schon, was da steht, oder?“ Ich schaute ihr in die Augen und entgegegnete: „Ja.“

Das reichte. Sie klopfte mir auf die Schulter. Ich spürte Anerkennung und Unterstützung von ihr. Das war nicht selbstverständlich. Im Laufe meiner Schuljahre sollte ich von Lehrern frontal, meistens aber hinter meinem Rücken, für dem offenen Umgang mit meiner Sexualität angegriffen werden. Stolz war meine Waffe. Stolz war das Gegenmittel für die Scham. Stolz half mir dabei, zu überleben. Sonst wäre ich unter der Last meiner Ängste und der Last der Einsamkeit erstickt. Ich hatte nichts außer meinem Rucksack – und dem Internet, das mir versicherte, dass ich war, wie ich war, und mehr noch, Stolz sein durfte.

Stolz erwächst aus Scham

Das Gefühl von Stolz ist eine Reaktion auf Scham. Sie bedingen einander. Scham, die Angst ausgestoßen zu werden, gehört zu den schwierigsten Emotionen und Stolz kann uns dabei helfen, sie zu überwinden. Was aber weder Scham noch Stolz installieren, ist Selbstverständlichkeit. Wenn wir auf etwas stolz sind, dann weil wir unsicher sind. Unsicherheit ist ok – aber sie ist auf Dauer kein Modus. Sie kann immer nur Transit sein. Erst wenn etwas kein Thema mehr ist, die Scham überwunden, die Angst vor Ausschluss weg, dann kann auch der Stolz weg. Stolz will Anerkennung, er fordert sie aktiv ein. Deswegen bleibt mir die Begegnung mit meiner Englisch-Lehrerin bis heute so stark im Gedächtnis. Sie hat mich anerkannt – und ihr stiller Respekt gab mir mehr Kraft, als mein eigener Stolz mir je hätte geben können. Auch wenn der Stolz notwendig war um mich aus der Scheiße dunkeldeutscher, bourgeoiser Angst vor Andersartigkeit zu retten, fütterte er die Scham, vor der ich zu flüchten versuchte. Doch ich konnte der Scham nicht entrinnen. Sie folgte mir auf Schritt und Tritt. Und je politischer ich wurde, je mehr ich erwachte, je mehr ich mich mit anderen Verbunden fühlte, desto mehr spürte ich: wir sind alle beschämt. Stolz kann diese Scham nicht lösen. Wir müssen uns mit der Scham konfrontieren.

„Schwule schämen sich ihrer Veranlagung, denn man hat ihnen in jahrhundertelanger christlicher Erziehung eingeprägt, was für Säue sie sind.“ 

Konfrontation tut weh, poetisieren wir sie!

Erst in dem Moment, als ich anerkannte, dass es weh getan hat, ausgestoßen zu werden, dass ich Angst hatte, alleine zu sein und dass auch das schmerzte, konnte ich der Scham Raum geben. Erst als ich mir bewusst machte, dass ich die Anerkennung, die Validierung für meine eigene Sexualität nicht im Außen, nicht bei anderen, sondern nur tief drin im kreativen Potenzial meines eigenen Begehrens finden kann, löste sich der Knoten der Scham langsam. Die Genese meines Begehrens darf ich nicht in die Hände der diskursiven Umstände geben: sie drücken mir Homosexualität auf, definieren, dass ich als Cis-Mann andere Cis-Männer liebe. Wenn ich schon nicht krank bin, dann immerhin anders, und wenn schon nicht ganz anders, dann doch immer ein bisschen. Aber anders als was? Anders als die Technologien von Normierung von Körper und Geist, von Fleisch und Gedanken. Aber daraus entsteht ein Konflikt: wir werden immer von der Norm abweichen, weil sie als Ideal, als Technologie, zu clean ist, um Realität zu sein. Jede Norm verurteil uns dazu an ihr zu scheitern. Sie nimmt uns die Freude an der eigenen Erfahrung, und die birgt in sich kleine Revolutionen, die ausarten könnten. Aber die Revolution des inneren Dialogs ist eine Revolution der eigenen Sexualität. Das eigene Begehren kann nur erlebt, gefühlt und realisiert werden – Beschreibungen können es lediglich poetisieren. Wir können uns unserem eigenen Begehren nur nähern, es kann uns jederzeit überraschen. Bleiben wir neugierig.

Wir brauchen ein neues Affektregime

Die Herrschaft des Stolzes muss aufhören. Wir brauchen eine Neuverhandlung des Affektregimes. Wir müssen den Stolz loslassen, er hat uns ausgedient. Er war für lange Zeit der wichtige Motor, um uns in das Bewusstsein einer normierten, gelähmten Gesellschaft zu katapultieren, aber er ist Stumpf geworden. Er lässt sich als Hashtag bunt einfärben und kann von jeder beliebigen Marke besetzt werden. Er inszeniert sich als Spektakel und leistet der Normierung von Körper und Identitäten Vorschub. Doch die, die den ersten Stein warfen, waren Stolz, weil sie in ihrer Scham bereits verloren hatten. Sie waren bereits ausgegrenzt – ihre Angst hatte sich voll realisiert. Und diese volle Realisierung der Angst, der volle Ausschluss, ließ sie zurückschlagen. Ehren wir die Ahnen unserer Bewegung und geben wir den Stolz zu Gunsten einer neuen Selbstverständlichkeit auf. Lassen wir die Scham hinter uns und fangen an uns um uns selbst und umeinander zu kümmern.

„Für mich selbst zu sorgen ist kein persönlicher Luxus. Es ist Selbsterhalt und damit ein Akt politischer Kriegsführung.“ — Audre Lorde

Der Stolz vergiftet

Der Stolz beginnt zu wuchern, er macht arrogant. Worauf sind wir denn Bitteschön noch stolz? Es ist das Revolutionäre, das Widerständige, das den Stolz gebar, und jetzt wird er zum Treiber neuer Verfahren der Inklusion, die Ausschlüsse produzieren. No black, no asians, no twinks – all das sind die negativen Auswüchse eines Stolzes, der vergessen hat, dass er aus Scham entstand. Die Komplexität von Geschlechterverhältnissen lässt sich weder durch großen Stolz, noch durch Paraden verstehen. Der Konflikt zwischen politischen Regimen, die sich vor sexueller Vielfalt fürchten und der Lebensrealität des menschlichen Begehrens, darf nicht vergessen werden. Aber wenn wir uns international solidarisieren wollen, kann auch hier der Stolz nicht die Antwort auf alles sein. Wir müssen neue Formen der Solidarität aufspüren, sie austesten und mit ihnen spielen. Befreien wir uns vom Stolz, überwinden wir die Scham, bekommen wir neue Steine, die wir den Holzköpfen entgegen Schleudern können. Vergessen wir nicht: es ist unsere unmittelbare Erfahrung der Welt, unser deviantes Begehren, das zuerst da war. Erst dann kam die Scham, die Angst und dann der Stolz. Kehren wir zurück in den Moment, an dem sich unsere Sinne an etwas entzündeten, das nicht planmäßig so sein darf und lernen wir uns selbst dafür zu lieben. Daraus kann echtes, nachhaltiges Selbstbewusstsein entstehen.

„It’s (…) a question of accepting the completely technoconstructed, undeniably multiple, malleable and mutable nature of bodies and pleasures.“ — Paul B. Preciado

Das Ende des Stolzes ist nicht das Ende des Kampfes

Doch wir sind an den Stolz gewöhnt. Er bietet uns Sicherheit. Es ist das Extrovertierte, Wütende des Stolzes, an das wir uns hängen können. Der Stolz ist uns vertraut und viele von uns sind mit ihm aufgewachsen. Er bringt dieses warme Gefühl von Verbundenheit in der Brust, wenn man auf eine Parade geht. Aber das muss aufhören. Wir werden zu bequem. Wir hören auf zu kämpfen. Doch der Kampf ist nicht zu Ende: wir müssen uns mit anderen devianten Identitäten solidarisieren. Gay Pride macht keinen Sinn, ohne den Kampf für die Anerkennung und mehr noch das selbstverständlich werden von trans und queeren Lebensweisen. Erst wenn das Leiden im Alltag aller Menschen frei von sexueller Identität und voll von sexueller Vielfalt ist, kann der Kampf aufhören. Der Weg bis dahin ist weit – der Stolz war ein guter Gefährte. Aber erst wenn die Arbeit getan ist, können wir uns ausruhen. Wie wichtig der Widerstand ist, zeigt ein Blick in die Welt außerhalb unserer Milieus. Wenn in Istanbul ein queerer Pride verhindert wird, dürfen wir das nicht hinnehmen, sondern müssen uns solidarisieren. Wenn in Russland Regenbogenflaggen verboten sind, dann müssen wir auch das unterwandern. Ein Ende des Stolzes ist kein Ende des Kämpfens – aber eine neue Phase.

Die gesellschaftlich geschlagenen Wunden müssen ausheilen

Die Wunden bleiben und sie müssen ausheilen. Der Stolz erlaubt uns aber nicht, uns selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Er blockiert uns in unserer Weiterentwicklung: als Individuen, aber auch als Bewegung. Anstatt temporäre Räume des Stolzes aufzubauen sollten wir lernen Räume der gegenseitigen Pflege zu schaffen. Kümmern wir uns um uns selbst und andere. Erkennen wir an, dass es wehtut in hetero-patriarchalen Gesellschaften queer zu sein. Es liegt keine Scham darin, die eigenen Schmerzen anzuerkennen. Lernen wir voneinander uns um uns selbst zu kümmern, damit aus einer stolzen Bewegung eine mitfühlende wird. Dieses Mitgefühl, mit uns selbst und mit anderen, erlaubt uns auch, über den Tellerrand definierter Identitäten hinwegzuschauen. Dann muss keiner mehr ins Fitness Studio rennen, nur um für den CSD-Truck noch schnell die Titten aufzupumpen. Dann müssen wir nicht einmal im Jahr ostentativ Stolz sein, sondern können uns jeden Tag, jede Stunde mit uns selbst im Reinen fühlen. Doch der Weg dahin führt über Ehrlichkeit – und die tut manchmal weh.

 

 

*Zitate von Martin Dannecker aus dem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“

Illustration: Andrés Aragoneses

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