Warum Spiritualität?

Ein Plädoyer für mehr Spiritualität in unseren Leben.

Das Universum liegt im Trend

Wer kann Esoterik von Spiritualität unterscheiden? Alltagssprachlich meinen wir damit oft ähnliche Bereiche. Dabei enfalten die beiden sich, sobald wir auf ihre Bedeutungsebene schauen. Esoterik, das ist eine Geheimlehre. Wörtlich dem “inneren zugehörig”, bleibt die Esoterik zugleich einem inneren Kreis vorbehalten und beschäftigt sich mit Themen des Inneren. Das Spirituelle dagegen beschäftigt sich mit dem Geist, wörtlich sogar mit dem Atem (lat. spiritus, der Geist aber auch der Hauch). Aber der Geist fuhrt nach innen und oft sind die Techniken, die den Weg dorthin zeigen, geheim. Zumindest so geheim, dass sie nicht Teil unserer Alltaskultur sind.

Wo stehen wir heute mit unserer Spiritualität? Beide, Esoterik wie Spiritualität, enthalten einander, aber ergänzen sich auch. Dabei kommt die Esoterik heutzutage schlechter weg, als die Spiritualität. Das Wahrnehmungsmarketing hat sich verschoben: Wer an Esoterik denkt, denkt an Messen und teure Objekte. Wir denken an Astro TV und energetische Bestellungen beim Universum per Telefon für 4,99€ pro Minute. Spiritualität dagegen hat den Hauch von hippen Hippies, von Coolness und von Yoga. Spiritualität liegt im Trend. 

Spiritualität gibt es auf Bali und in Indien – wer es nicht selbst dahin schafft, der kann einfach auf Instagram suchen. Der #spirituality hat bereits 6 Millionen Einträge.

Es ist ein Distinktionsmerkmal geworden, spirituell zu sein. Dabei war hier bis vor kurzem noch der Riegel eines Tabus vorgeschoben. Was hat hier was abgelöst? Sexualität hat ihre Tabuisierung soweit abgelegt, dass hier kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Wenn alle Heteros jetzt sogar poly sein können, was ist dann noch zu holen? Leben wir lieber gleich im Zölibat, das wir aus einer fernst-östlichen Philosophie entliehen haben. Das Denkgebäude ist egal, hauptsache den Begriff auf Sanskrit gelernt und damit rumgeprahlt. Wer braucht Kontext, wenn er Content hat? Wer sich jetzt gegen kulturelle Normen auflehnen will, der spricht vom Universum und hat einen Haus-Schamanen. Oder zumindest ein paar Kristalle rumliegen. 

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Wir sind spirituell verarmt

Alle diese schrägen Einflugschneisen in Themen, die uns zu Menschen machen, zu neugierigen Tieren mit unendlichem Potenzial, sind inhärent westlich. Sie sind das Ergebnis einer Entkernung der Spiritualität durch die Religionen, die hier gewütet haben. Wir haben die Religion zurecht weggeworfen – aber im gleichen Beutel auch etwas, das wir uns erst durch die Quantenphysik und die Astronomie wieder angeeignet haben: die Achtung und die Fähigkeit zum Staunen. Wir können nicht alles erklären – auch wenn wir es gerne wollten. Sobald wir uns dem Geist zuwenden, erkennen wir, wie er sucht, sich Muster zurechtzulegen. Strafen wir ihn dafür nicht ab.

Susan Sontag beschreibt die Spiritualität als eine Hausaufgabe, die jedes Zeitalter für sich selbst neu verhandeln muss.

Every era has to reinvent the project of “spirituality” for itself. (Spirituality = plans, terminologies, ideas of deportment aimed at resolving the painful structural contradictions inherent in the human situation, at the completion of human consciousness, at transcendence.)

Für sie ist in den 1960ern in der Retrospektive die Kunst der Hort der Spiritualität – da, wo der Mensch auf sein Bewusstein zurückfällt. Der Ort, an dem Bewusssein verhandelt wird. Der Ort, an dem er sich bewusst wird. Wenn etwas mehr als Dekoration sein soll, dann wohnt ihm diese Qualität inne – die Bewusstwerdung. Und die muss nicht immer ernst sein, sie kann durchaus zart und humorvoll passieren. Es gibt keine bestimmte Geste, die das Bewusstsein und seine Reflektion für sich beanspruchen kann. Es kann jederzeit passieren – auch spontan. Das kann uns LSD beibringen: unser eigenes Badezimmer wird zum Wunder. Die Straße, in der wir Leben, zum Abenteuer. Nehmen wir uns die Filter der Wahrnehmung, nehmen wir uns die Realität anders wahr. Wir nehmen die Wahrheit anders auf. Wir werden uns anders bewusst. Es müssen aber nicht immer kleine Papierfetzen mit Nanogram von Drogen sein. Es reicht, wenn wir die Augen schließen und zu uns kommen. 

 


Meditation muss nichts kosten

Es gibt dieses schöne Buch von David Lynch – Catching the Big Fish. Er erzählt da autobiographisch von seinem Umgang mit Kreativität (und wie er auf Eraserhead kam). Er ist großer Verfechter von Transzendentaler Meditation, eine Meditation, die man lernen kann. Ein Kurs ist nicht billig, um die 1.000€ kostet eine Inititation. Lynch schwört drauf. Er beschreibt, wie er in die Untiefen seines Bewusstseins taucht und immer weiter unten, da schwimmen die großen Fische. Da hört er irgendwann auf David Lynch zu sein und verbindet sich mit etwas größerem. Dem Universum, die Allbewusstsein, dem Unbewussten. Er träumt im Wachzustand und schöpft hier wieder Kraft. Nur schade, dass diese Meditationstechnik geheim ist und man ohne eine der Initiationen nicht wissen darf, wie sie funktioniert.

Aber hier bricht etwas auf, das drollig an der Spiritualität ist. Im Westen wird sie gleich zu einem Produkt verpackt. Geschützt von einem Preis, wird die Geheimlehre nur denen zugänglich, die willig sind auch dafür zu zahlen. Das Geheime der Lehre wird durch ihren Preis bewahrt, nicht durch ihren Wert. Dabei kann man die gleiche Meditationsform auch umsonst haben. Eine Recherche im Internet gibt Hinweise auf die Technik, die Transzendentale Meditation (TM) lehrt. Es geht um Konzentrationsübungen und Mantras. Die Technik selbst ist alt, im Yoga lange bekannt. Wer sich in einschlägige Literatur einließt, bekommt die Techniken genauso vermittelt. Ein kompetenter Yogalehrer kennt diese Techniken, auch im Westen. Ganz ohne TM zu kaufen, kann man sich die Techniken aneignen. Denn sie sind uns durch die Struktur unseres Wesens gegeben. Wir alle können meditieren lernen, wir müssen uns nur darin üben. 

Meditation muss nichts kosten, weil sie bereits Teil von uns ist. Wir schauen in andere Regionen und deren Religionen, um uns mit dem zu befruchten, was wir bereits in uns tragen. Das Christentum kennt Formen der Kontemplation, die nichts anderes als Meditationstechniken sind. Auch ein Rosenkranz, 108-mal gebetet, ist nichts anderes, als eine Meditationstechnik, die uns dabei hilft, tiefer in unseren Geist vorzudringen und andere Ebenen der Wahrnehmung zu öffnen. Was uns nah und bekannt ist, lehnen wir ab, weil es neben seinen spirituellen Wirkungen, in Machtsysteme eingebunden ist. Was esoterisch wirkt, was geheime Lehre zu sein scheint, ist gar nicht so geheim. Alle Kulturen blicken auf das Gleiche, nur mit einer anderen Brille. Vielleicht müssen wir geistig verarmten Westler das am besten Sehen, weil wir keine Brille mehr tragen.

Weil wir geistige und materialle Kolonialisten sind, die kamen, um Ressourcen zu klauen, und jetzt berauschen wir uns an Riten und Religionen.

 

Unser spirituelles Immunsystem ist zu schwach

Wer zögert, wer misstraut, hat nicht unrecht. Es ist nicht alles Lichtnahrung im Land der versprochenen Glückseligkeit. Leider sind wir nicht mehr geimpft, gegen die Gefahren, die Spiritualität mit sich bringt. Es heißt, das nichts schlimmer ist, als das spirituelle Ego. Reingewaschen von aller Weltlichkeit, wunderbar abgegrenzt von den Normalsterblichen, kann ein spiritueller Mensch sich dem Leiden hingeben, dass der Welt entspringt. Es ist zu einfach, sich in den Lehren anderer Kulturen zu verlieren, Halbwissen aus Yogaklassen mit Buddhazitaten zu vermischen. In unserer Copy-Paste-Kollagenkultur müssen wir nicht mehr alles Wissen verbürgen. Wahr ist, was nützlich ist. Nützlich unserer Selbstdarstellung. Nützlich, wenn wir einen Kopfstand machen und darunter einen Text über die Veränderung schreiben und es auf Instagram posten. Nützlich für unsere innere Einsamkeit. Sie geht vom meditieren nicht weg, aber sie lässt sich besser verkaufen. Als Erkenntnis für das Selbstmarketing.

Und so werden wir anfällig für die Lehren anderer. Wir projizieren unsere innere Armut auf Yogalehrer, von denen wir ein mönchsgleiches Leben erwarten. Einmal stand ich auf einem Bein in einem Yogakurs und die Yogalehererin sagte: “And we all take drugs and go to Berghain. Don’t think I’m better than you.” Sie hatte recht. Ich lachte und viel um – aus dem Baum wurde ein gefälltes Ego. Bis heute eine der schönsten Erfahrungen in meiner frühen Yogapraxis. Erfahrung ist, was Yoga lehrt. Nur durch Erfahrung kann dein Bewusstsein wachsen. Zu sagen, man würde jeden Tag meditieren, ist nicht das gleiche, wie jeden Tag zumindest den Versuch zu wagen, sich hinzusetzen und zur Ruhe zu kommen.

 

Hype it oder Hate it

Wenn Lehre nicht Leere sein soll, müssen wir uns mit ihr beschäftigen. Dazu müssen wir sie weder hypen noch haten. Aber das scheinen die einzigen Modi zu sein, in denen Spiritualität gerade funktioniert: hype oder hate. Zu einfach wäre es, das abzuwerten. Wir sind alle fehlbar, manchmal nervt das mehr oder weniger. Wir können nur ehrlich zu uns bleiben und immer weiter gehen. Ist dieser Yogalehrende der richtige für mich? Vielleicht war es gestern so und heute stimmt das nicht mehr. Will ich auf dieses Retreat fahren, nur um davon zu erzählen? Waum danke ich, dass Yoga nix für mich ist? Wir ändern uns, auch weil wir wachsen. Wir wachsen, in dem wir uns neuen Impulsen aussetzen.

Ich werde dir jetzt nicht sagen, wie viel Veränderung spirituelle Praxis in mein Leben gebracht hat. Damit würde ich dir nur ein Modell vorsetzen, vielleicht sogar versuchen diesem Artikel mehr Wert zu geben. Probier’s einfach selbst mal aus. Oder lass es. Das, was wir heute als Spiritualität verkauft bekommen, ist ein sich in seiner Form stetig wandelndes menschliches Grundbedürfnis. Für Susan Sontag ist es die Kunst, für die anderen Gott, für wieder andere die Schönheit von mathematischen Formeln. Aber wir kommen nicht darum herum uns die Frage zu stellen: was ist Spiritualität für uns, heute? Der Trend weist lediglich darauf hin. Definieren wir es also lieber selbst, bevor wir fremdbestimmt unsere Deutungshoheit über das Bewusstsein abgeben.

Kommentare (2)

  1. Regina

    Sehr interessanter Artikel! Ich war bisher auch sehr spirituell interessiert, bin dann aber auf den Begriff „Spiritual Bypassing“ (Victoria Rationi) gestoßen und musste leider zugeben, dass sich bei mir dahinter eine Reihe von klassischen psychologischen Themen versteckt hatte: Einsamkeit, berufliche Sinnarmut, familiäre Probleme … Vielleicht könntest Du auch darüber mal schreiben.

    Danke, LG Regina

    • wolfauftausendplateaus

      Hallo Regina,

      das ganze Thema „Spiritual Bypassing“ finde ich auch super spannend, da habe ich mich auch hin und wieder ertapp gefühlt. Hatte das fast im Text drin, aber dann ist es doch rausgeflogen. Werde das Thema aber unbedingt weiterverfolgen und schauen, dass ich das aufarbeite. Bypassing funktioniert super als kritische Leitplanke, finde ich. Danke dir für den Hinweis!

      Herzlich
      Kevin

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