Urlaub vom Essen

Hast du dir schon mal Urlaub vom Essen gegönnt? Das ist der platteste Spruch, der mir nach drei Tagen Fasten noch einfällt. Urlaub vom Essen – als ob es so einfach wäre. Aber der bewusste Verzicht auf feste Nahrung hat es in sich. Ein Selbstversuch. 

 

Vorbereitung

Wir wollen beide fasten, also suchen wir uns ein Datum aus. Aber dann hat leider jemand Geburtstag und wir kriegen es nicht auf die Kette. Dann schon wieder ein Geburtstag. Dann schon wieder Arbeit. Irgendwas ist immer. Erfahrung haben wir beide keine substanzielle: ich habe mal einen Tag lang das Fasten versucht, er auch, aber dann sofort abgebrochen. Der Wille ist offensichtlich da. Aus Experimentierfreude, aber auch aus Sturheit. Wir haben uns das jetzt in den Kopf gesetzt und keiner will vor dem anderen einknicken. Jedesmal, wenn jemand vom Fasten berichtet, werde ich neidisch. Irgendwas am Fasten fasziniert mich. Sonst werde ich grumpy, wenn ich eine Mahlzeit auslasse. Mein Yogalehrer sagt mir, es sei gut für das Selbstbewusstsein. Gekauft. Den Vorbereitungstag nehmen wir beide eher weniger ernst. Abends um 10 gibt es noch eine letzte Linsensuppe – mit Brot. Empfohlen ist das nicht, aber wir müssen ja nicht gleich perfekt sein. Gesättigt gehen wir ins Bett, jeder für sich.

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Tag 1

Aufwachen ist easy. Ich habe Termine, aber keine zu anstrengenden. Zumindest rede ich mir das ein. Weil ich mir keine Arbeit auf den Tisch gelegt habe, kann ich den Morgen gleich für ein paar Besorgungen nutzen. Im Kräuterladen frage ich nach einem Tee, der beim Fasten unterstützt.
– „Ja also wir hätten da Brennessel, der is ja blutreinigend. Birkenblätter reinigen die Nieren. Löwenzahn fördert den Stoffwechsel und entjiftet. Mariendistel hilft der Leber.“
Nehm ich alles mit.
– „Mindestabnahme ist 100g.“
Trockene Blätter haben mehr Volumen als Gedacht. Mit 400g Tee, die größer sind, als ich absehen konnte, laufe ich nach Hause und mische mir dort einen Kräutertee zusammen. Säuerlich-bitter schmeckt der, muss man schon mögen. Und ziemlich oft pinkeln muss man davon auch. Aber der Tee wird mir lieb. Er unterdrückt den Hunger ein bisschen, der ohnehin wegen der Aufregung noch nicht richtig durchgedrungen ist. Mein Termin ist ein Coaching für Existenzgründer. Ich sitze meiner Beraterin gegenüber. Sie fragt, ob ich Kaffee will. Ich verneine. Zögere. „Äh, ich hab meinen eigenen Tee mit.“ Sie flötet ein OK. Wahrscheinlich hält sie mich sowieso für schrullig. „Ich faste.“ setze ich entschuldigend hintendran. Sie hat meinen Stolz rausgehört. „Was fasten sie denn?“

Fasten kann man vieles, aber streng genommen verzichtet man dabei auf feste Nahrung. Dadurch kommt der Verdauuungstrakt zur Ruhe, der Körper startet einen Entgiftungsprozess und kann die Energie für andere Funktionen nutzen. Geistig geht man auch an seine Grenzen: ein wichtiger Input fehlt. Wenn wir essen, isst unser Geist mit. 

Das Gespräch mit der Beraterin läuft besser, als ich dachte. Meine größte Angst war im Vorfeld, die ganze Zeit pinkeln zu müssen. Sie tritt nicht ein. Ich nippe an meinem selbstgemischten Tee und lasse mir erklären, wie ich meinen Businessplan weiter polieren soll. Vom Gespräch verabschiede ich mich ein bisschen zu enthusiastisch. Der Hunger stellt sich nicht ein, aber ein latenter Wahnsinn. Ich stehe neben mir. Klar und gleichzeitig verschroben. Auf der Straße fliegen mir Gerüche entgegen, die alle ein Lied vom Essen singen. Der Hunger dringt mehr und mehr durch. Wir treffen uns bei ihm und gehen die letzte Aufgabe an: seine Steuererklärung. Eigentlich würde ich um einen Kaffee und eine Schale Nüsse bitten, wenn ich jemand anderes Steuererklärung mache. Ablenkung gibt es aber leider nicht. Oder zum Glück. Gesnackt wird nicht. Die Einnahmenüberschussrechnung bauen wir in einer halben Stunde und den Rest kriegen wir auch ohne Murren hin. Gereiztheit bei uns beiden. Aber wir sind positiv. „Ich hab gehört der erste Tag soll der schlimmste sein.“ Dafür geht’s echt noch.

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Tag 2

Zum Frühstück gibt es wieder Tee, aber weil es morgens ist, gibt es einen kleinen Löffel Honig dazu. Auch eine Zitrone hilft, weil sie sehr viele Mineralstoffe enthält. Als Unterhaltung schauen wir uns den Rest eines Dorris Dörrie Films an. In „Erleuchtung Garantiert“ stackst Uwe Ochsenknecht mit Gustav Peter Wöhler durch Japan, auf der Suche nach innerem Frieden und leider wird auch ziemlich viel gegessen. So wie es sich für einen Film über Japan gehört. An der Kartoffeligkeit der Figuren merke ich meine Gereiztheit, sie gehen mir auf den Sack. Er sieht aus seiner spanischen Perspektive darin Potenzial für Unterhaltung. Er findet sie süß, ich sehe mich in ihrer Borniertheit. Recht haben wir beide. Der Film ist laut Lexikon des Internationalen Films voller formaler Schwächen. Ich frage mich, ob Uwe Ochsenknecht schon immer so ein schlechter Schauspieler war, oder ob Deutsche wirklich so aufgeblasen sprechen, wenn es um ihre Gefühle geht. Beides scheint mir möglich. Irgendwie ist mir mehr und mehr egal.

Fastenkrisen können auftreten und sich in Form von Kopfschmerzen, Schlappheit oder Gereiztheit äußern. Wenn man sie aber durchsteht, machen sie Platz für eine neue Klarheit. Fasten ist kein Spaziergang, auch wenn Bewegung an der frischen Luft empfohlen wird. Leichtes Yoga ist auch erlaubt. Dazu gibt es spezielle, die Verdauung fördernde Übungen. 

Ein Ausflug auf den Boxi stellt sich als Abenteuer heraus. Normalerweise Frühstücken wir hier, aber heute gibt es für uns nichts. Wir schauen uns nur um. Ich könnte mir Blumen für den Balkon kaufen, aber ich kann mich nicht entscheiden. Ein netter Nebeneffekt des Fastens: man gibt kein Geld für Essen aus. Ein bisschen Honig probieren wir allerdings am Imkerstand und kaufen uns beide ein neues Glas Honig. Er Sonnenblume, ich Klee. Ein normaler Samstag also. Als ich eine Freundin auf der Straße treffe und sie mich fragt, wie es mir geht, erzähle ich auch vom Fasten. Die Reaktion anderer Leute ist interessant: alle haben davon gehört und alle haben eine Meinung dazu. Ich will mich dafür entschuldigen, dass ich neben mir stehe. Dabei könnte ich auch einfach einen im Tee haben. Samstags halt. Aber auch die Sorge um meinen Auftritt verpufft. Alles ist langsamer, auch meine Sorgen.

Am Abend vorher haben wir uns eine Brühe aus frischem Gemüse gekocht und das Gemüse fleißig abgeseiht, sodass wir wirklich nur die Brühe aufnehmen. Heute pürieren wir Obst und machen das gleiche: schon absieben, damit ja keine feste Nahrung aufgenommen wird. Das würde den Verdauungsprozess wieder in Gang setzen und genau das wollen wir ja vermeiden. Kopfschmerzen plagen uns beide. Mal geht es dem einen besser, mal dem anderen. Es pegelt sich über den Tag ein. Tag 2 ist defintiv schlimmer als Tag 1, darin sind wir uns einig. Trotz Einlauf am Abend.

Fasten ist fast wie krank sein: man ist geschwächt, sieht keine Leute und bleibt eher daheim. Es ist der Effekt, den mein Körper will, wenn ich mich überarbeite und eine Erkältung bekomme. Erzwungene Ruhe. Ich sage alle sozialen Verpflichtungen ab und sehe ein: in meinem Zustand kann ich knicken, was zu machen. Auch mal schön.

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Tag 3

Der letzte Tag des Fastens. Es ginge auch länger, wir könnten noch einen Tag dran hängen, aber dann würde sich alles verschieben. Nach dem letzten Vollfasten-Tag steht ein Aufbau-Tag an – das heißt auch der erste Tag nach dem Fastenbrechen ist kein Tag für einen Burger. Aus dem Bett kommen ist gar nicht so einfach, das Teemachen funktioniert automatisch. Zitrone und Honig im Tee machen sofort wach. Keiner von uns braucht gleich morgens einen Kaffee, also vermissen wir den zumindest nicht. Den Tag verbringen wir getrennt, um alleine zu sein. Auch das ist festzuhalten: Fasten introvertiert. Lesen fällt mir leicht, schreiben auch. Ich kann mich gut konzentrieren. Es findet tatsächlich ein Ordnungsprozess in meinem Kopf statt. Prioritäten setzen sich neu, der Geist jammert weniger. Überhaupt kann ich mir vorstellen, das nochmal zu machen. Regelmäßiges Fasten so vielen Krankheiten vorbeugen. Bis zu sieben Tage kann man ohne ärztliche Aufsicht fasten, danach sollte man sich um ärztlichen Rat bemühen. Mit meinen drei Tagen kommen mir sieben Tage weit weg vor. Das nächste Mal sollen es fünf werden. Noch zwei Stunden bis zum Fastenbrechen.

Wir fasten jeden Tag – zumeist über Nacht. Deswegen ist das Fastenbrechen, breakfast, auch eigentlich keine Besonderheit. Durch die Pause kommt die Verdauung zur Ruhe. Deswegen sind leicht verdauliche Speisen zum Fastenbrechen wichtig. Klassisch wird ein Apfel, roh oder gedünstet, gegessen. Später ist auch Porridge oder einfacher Haferschleim möglich. 

Irgendwie hätte ich gerne jetzt einen Geistesblitz. Eine kleine Erleuchtung. Eine große Erkenntnis. Aber ich muss sagen, dass weniger als eine große Erkenntnis, viele kleine Prozesse in mir angestoßen wurden. Verzicht zu üben – egal in was – tut gut. Gerade in einer Umgebung, in der wir von Nachrichten bombardiert werden, die uns zum Verweilen und Konsumieren einladen. Wenn ich schlapp vom Fasten durch die Stadt spaziere, dann fällt mir das umso mehr auf. Vielleicht gelingt mir der Verzicht jetzt öfter – dann, wenn ich will. Essen ist ein Geschenk. Eine Form der Kommunikation mit unserer Umgebung. Ich nehme mir vor, mehr Dankbarkeit beim Essen zu empfinden und bewusster zu essen. Mehr als drei Tage ohne festes Essen zu sein, das ist kein Weltrekord, aber es hat mir einiges über mich und meine Umgebung gezeigt. Vielleicht bin ich auch ein wenig stolz.

Nachtrag

Wir brechen das Fasten. Apfelmus. Nie war ein Löffel von gekochtem Apfel schöner. Dem ist nichts hinzuzufügen. Fasten will ich wieder – nicht nur weil dann das Apfelmus schöner schmeckt, sondern alles intensiver wird. Das Fasten hat mich neu priorisieren lassen. Ein Prozess, der auch Tage nach dem Fastenbrechen noch anhält.

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Illustrationen: Andrés Aragoneses 

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