Wer war Osho?

Hast du von Osho gehört? Letztens hat eine Freundin ein Bild von Bücher mit seinem Namen auf dem Cover gepostet. Die Caption war sowas wie white girl spirituality. Der hat gesessen. Osho hat viel geschrieben. Muss man nicht gelesen haben, aber kann man. Wenn man nach Zitaten über Spiritualität googelt, stolpert man immer über ruppige Aphorismen von dem Mann mit dem Rauschebart. Osho scheint, auch wenn ich (noch) kein Buch von ihm gelesen habe, die Sprache der Menschen zu sprechen. Er soll Zen-Buddhist gewesen sein. Das halte ich für eine Übertreibung und eine exotisierte Perspektive auf einen Mann, der sich in vielen spirituellen Traditionen auskannte, aber dennoch Eindeutig auf indischen Füßen stand. Zen kennt den Guru, den Meistern, nicht in der gleichen Weise, wie ein Osho (auch als Bhagwan bekannt) sich inszenierte. Wohl war er  ein Mann der weisen und zugleich einfachen Worte. Ein Mann derfür Spiritualität steht, wie kaum ein anderer. Eine der Figuren, die sich aus dem fernen Osten zu uns auf den Weg gemacht haben, um mit den geistig armen Materialisten aus dem Westen sprechen. Damit reiht er sich ein neben Krishnamurti, Yogananda und anderen. Osho hat, wie zum Einstieg erwähnt, eine Vielzahl von Büchern unter seinem Namen veröffentlichen lassen, die auf seinen Reden und Vorträgen fußen. Es gibt ein „Osho Zen Tarot“, dessen Name einen spirituellen Eklektizismus offen legt, den man nicht sympathisch finden muss. Osho-Zentren weltweit vertreten die Leere des verstorbenen Gurus bis heute. Osho steht wie kaum ein anderer für die Brücke zwischen einer Sinnsuche in Einklang mit der materiellen Realität einer post-industriellen Gesellschaft. Konsequent präsentiert sich die Produktwelt von Osho als ein Kosmos der Kommoditäten. Trotz seines Ablebens ist Osho noch immer präsent. Seinen Zenit hat der Osho-Hype aber schon lange überschritten. Mehr als 30 Jahre, also eine ganze Generation, ist Osho schon nicht mehr Impulsgeber schlechthin, auch wenn er aus dem New Age-Kontext kaum wegzudenken ist. New Age, das ist doch eigentlich auch schon ein alter Hut.

Warum fasziniert eine Dokumentation über Osho dann gerade jetzt so sehr? Mit Wild Wild Country steht derzeit eine Serie auf Netflix, die in meinem Umfeld wie kaum eine andere Serie von so vielen Menschen diskutiert wurde. Alle interessieren sich dafür, unabhängig von ihrer Einstellung zum Thema Spiritualität. In sehs Teilen erzählt die Netflix-Doku die Geschichte eines Experiments. Bhagwan, und so wollen wir in für diese Zeit nennen, begann als Guru in Indien, wie es viele Gurus in Indien gibt. Die Beziehung eines spirituellen Meisters zu seinen Anhängern ist ein fester Bestandteil der indischen Kultur, der denen fremd vorkommen kann, die nicht damit aufwachsen. Noch fremder kommt sie denen vor, die in Gesellschaften leben, in denen Diktaturen regiert haben. Die Alarmglocken gehen gleich an. Vorurteil oder berechtigte Skepsis – das Feld ist weit. Historischer Fakt ist: Bhagwan zog schnell auch westliche, d.h. vor allem europäische und amerikansiche Anhänger an sich. Seine Lehren predigten die Akzeptanz und die Konfrontation mit der materiellen Welt. Bhagwan spricht von Sexualität als Geschenk. All das muss den weißen Kids gefallen haben. Dabei hat Bhagwan diese Haltung nicht erfunden, wohl aber gefunden und charimatisch vertreten. Sexualität spielt in vielen spirituellen Traditionen eine wichtige Rolle: die Philosophie des Tantra beschäftigt sich unter anderem damit, aber ist viel umfassender. Oft wird im Westen Tantra mit „tantrischem Sex“ gleichgestellt, was viel zu kurz greift. Auch der in China entwickelte Taoismus spricht von Sexualität und sexueller Energie. Techniken aus beiden Lehren sind sich ähnlich, ergänzen sich und für jeden, der einen Körper hat, erlernbar. Schaut man in diese Lehren, erkennt man viel von Bhagwans Thesen wieder. Der belesene Meister gibt wieder, was auch anderswo gelesen werden kann. Dabei liegt Bhagwans Stärke in seiner Rhetorik: er war die Stimme, die die Sinnsucher der 70er und 80er hören wollten. Und er wurde gehört. Menschen aus der ganzen Welt widmeten sich Bhagwan.

Wild Wild Country zeigt das Charisma von Osho immer durch die Brille seiner Anhänger. Die Dokumentation spannt das Narrativ entlang von Menschen, die Osho begleitet haben und in seiner Nähe waren. Zugleich sehen wir auch die Perspektive einer anderen Gruppe: zugespitzt sind es die Gegner von Oshos Bewegung. Dazu ein kurzer Exkurs in die Geschichte: In den frühen 80er Jahren zogen die Rajneeshees, oder auch Sannyasins, wie Oshos Bewegung sich nannte, von Indien nach Oregon. Die Gründe dafür waren vielfältig: Steuern, der Drang nach Wachstum, der in Indien nicht befriedigt werden konnte. In Oregon fand die Bewegung eine neue Heimat. Sie kauften eine riesige Ranch, erbauten dort eine Stadt (ja, eine ganze Stadt) und erschufen sich ein Reich der Geistesverwandschaft und Umarmungen. Allerdings hatten die Nachbarn darauf keinen Bock. Neben der Ranch, die zur Stadt Rajneeshpuram umbenannt wurde, liegt das kleine Dorf Antelope. Hier lebt ein Haufen pensionierter Midwestler tief christlichen Glaubens. Für sie waren die Sannyasins erst weird, dann unerträglich. In diesem Konfliktfeld bewegt sich die Serie.

Zwischen diesen beiden Perspektiven oszillieren auch wir als Zuschauer: Sympathie für die eine Seite, dann für die andere. Unverständnis folgt auf Empathie folgt auf Schock. Oshos Weltbild, sein Ansatz wirkt so schön und ehrlich. Dann kommt Sheela, seine langjährige Assistentin und rechte Hand ins Spiel. Ihr Größenwahn kollidiert mit ihrem Charme. Wer lenkt hier wen? Wer gibt was wieder? Immer wieder fragt man sich: Wo ist sie, diese reine Lehre?  Tief drin will man an Osho glauben, will aber auch, dass seine Anhänger sich als verrückt entlarven. Über alle Folgen hinweg bleiben die Menschen sympathisch (nur ein röhrender Ranch-Besitzer und Pseudo-Cowboy bleibt unsympathisch. Zu rough). Weder Bhagwan, noch Osho, noch Sheela noch die Bewohner von Antelope kennen sie, diese Wahrheit. Auch nicht die ehemaligen Sannyasins, die zum Teil mit Osho gebrochen haben, zum Teil noch immer um ihn trauern. Wir als Zuschauer setzen uns einer ambivalenten Erzählung aus, die keinen Sieger kennt und keinen Verlierer. Was wirklich passiert ist, können wir nicht wissen.

Doch unser Interesse an dieser Serie, die wir medial die Aufregung um die Neo-Sannyasins (wie sie sich heute nennen) verpasst haben, kommt nicht von ungefähr. Der Fall Osho zeigt uns, dass der Hunger auf spirituelle Nahrung eskalieren kann. In Zeiten des kalten Krieges entstand ein Wettrüsten zwischen einem Stadt gewordenen Ashram in Mitten der USA. In Zeiten des späten Kapitalismus wird alles zum Produkt. Die Sannyasins faszinieren so sehr, weil auch wir einer von ihnen hätten sein können. Vielleicht zumindest. Wild Wild Country wirkt aus dieser Sicht wie eine Warnung. Wahrscheinlich kommt auch von dieser Legende der Vorbehalt gegenüber Gurus im Westen. Nicht unwahrscheinlich, dass das fremdartige und zugleich nahbare von Osho in unserer Kultur einen Schock ausgelöst hat, der erst jetzt zu heilen beginnt.

Aber Spiritualität ist ein Thema, das immer mehr Menschen beschäftigt. Die Hemmungen fallen und vielen wird klar: wir brauchen mehr Sprechen über den Geist, über unser Inneres und die Möglichkeiten, die uns dadurch offen stehen. Das kann man als „eso“ abtun, ist es oft auch, aber öfter ist es das nicht. Wir sind spirituell verarmt, weil der christliche Glauben schon lange nicht mehr für mehr als den Kapitalismus funktioniert. Wenn wir unsere Seele abschirmen, geht sie nicht weg. Die Angst vor dem eigenen inneren Macht einer Neugierde auf Erfahrungen jenseits von Ketamin, Ayahuasca und Vinyasa-Yoga Platz. Statt sich abzuschießen, wir das stille Hinsetzen und die innere Einkehr für immer mehr Menschen eine Option. Stehen wir vor einer neuen spirituellen Revolution? Einen Osho wird es so jedenfalls nicht mehr geben. Aber das spirituelle Ego, es ist das größte Ego. Und so wird Wild Wild Country auch ein bisschen eine Warnung vor uns selbst: unseren Bedürfnissen, aber auch unserem Potential. Egal, wo wir auf dem Weg stehen. Es kann immer eskalieren. Irgendwie tröstlich.

 

Illustration: Andrés Aragoneses. Folgt ihm auf Instagram!

Kommentar verfassen