I GOT HUNNID

Meine persönliche Beziehung zu Hiphop und Rap war immer eher distanziert. Auch wenn Frank Ocean bombe hübsch und Cazwell mal mit Peaches kollaboriert hat – irgendwie hat es zwischen Sprechgesang und mir nie geklickt. Da war immer eine Hemmschwelle, die ich nicht überwinden konnte. Die Idee, dass das Genre einen homophoben Einschlag hat, ging mir nicht aus dem Kopf. Jemand sagte mal zu mir: „Du schreibst doch, und die arbeiten mit Sprache. Das muss dir gefallen!“ Ich musste also den intellektuellen Umweg zur Musik wählen. Nasty King Kurl hat mir den Weg mit seinem neuen Track „Hunnid“ ziemlich leicht gemacht.

Als wir uns treffen, um über seine Musik zu reden, kommt ein Thema immer wieder hoch: kulturelle Aneignung. Wie kann es ein, dass ein Genre wie Ghetto House gerade durch die Decke geht? Wie kann es sein, dass alle auf Disko gefeiert haben, aber ausblenden, dass auch Disko homophoben Content kennt? Der Spaß an der Musik geht über die Befindlichkeit und das oft auf Kosten der Inhalte. Anstatt einer offenen Debatte, geben wir uns einfach die Musik, ohne sie zu reflektieren. Das ist die schlimmste Form der kulturellen Aneignung: sich die Rosinen rauspicken. Sich dazu entscheiden, nicht angegriffen zu sein, von dem Anfeindungen einer Gruppe, die anders markiert ist. Konkret gesagt: was soll eine schwarze Frau einem weißen Mann schon anhaben? Oder ein schwarzer Mann einer weißen Frau? Geschlechtlichkeiten, Rassismen – das alles ist nicht einfach zu lesen, weil wir im Sprechen darüber unsere eigene Mittäterschaft zugeben müssen. Wenn wir darüber sprechen, müssen wir vorsichtig sein. Aber wenn jemand darüber rappt?

Nasty King Kurl nimmt sich durch „Hunnid“ das ganze Repertoire an Sprache vor, dass der frühe Rap zu bieten hat. Er würfelt ihn neu zusammen und baut daraus einen Meta-Track, einen Kommentar in verstellter Stimme und mit VHS-Filter im im Blick. Verantwortlich dafür ist Konstantina Levi als kreativer Sparringpartner hinter der Kamera. Dabei schafft er es die Phrasen so herauszuschälen, dass sie für sich stehen. „I GOT HUNNID“ heißt es durchgehend und in Loop. „Fuck that shit you’re messing with“ prangt neben einem „some straight up gangster shit“ auf Tonspur unter Untertiteln. Die Sprache, der sich der Sprechgesang bedient, ist in Melodie, Vokabular und Bedeutung verschweißt.Das ist die Grammatik des Reap. Die soziale Realität, die dahinter steht, zu verstecken, würde bedeuten die Herkunft dieser Sprache zu verdecken. Es ist die Leistung des Künstlers, den Versuch zu wagen, etwas zu extrahieren und zu konterkarieren, was unseren Vorstellungen des Zusammenlebens nicht entspricht. Oder anders gesagt: wie kann ich micht eines Genres bediene, dass ich geil finde, ohne sexistische Inhalte zu reproduzieren?

Die Antwort findet Nasty King Kurl auf der Bildebene. Aus den Bitches im Text werden echte Bitches: Hunde sind neben dem Rapper die einzigen Figuren im Video. Die Hündin ist in vielen Sprachen ein Schimpfwort für Frauen (und Schwule), und das schon seit dem späten Mittelalter. Bitches, chienne, pera – alles Beschimpfungen, die Weiblichkeit degradieren. Wenn der Track also hingeht und die Bitches wörtlich nimmt, dann sieht das nicht nur unfreiwillig süß aus, sondern auch lustig. Diese subversive Form der Aneigung erlaubt es dem Text sich zu entfalten, sich auszustellen, aber erst durch das Bild wird er ein als ganzes lesbares Artefakt. Es wäre einfach zu sagen: ey, warum macht denn der Hipster aus Neukölln so ne sexistische Musik? Geht ja gar nicht. Aber was der Rapper aus der Neukölln da eigentlich macht, ist einen Zugang zu legen. Er stellt die Frage: wie kann Rap seine kreative Kraft behalten, ohne politisch fragwürdig zu sein?

Beisshemmungen hat Nasty King Kurl keine. So kann man sicherlich zur Debatte stellen, ob der angedeutete Blowjob im Video wirklich notwendig war (dabei kamen keine Tiere zu schaden, so viel sei versichert). Schauen wir uns an, wie der Performer selbst im Video inszeniert wird, so sehen wir ihn halbnackt und durch die Slowmotion auch als erotisches Objekt lesbar. Dazu kommen Szenen, in denen er sich den Hunden gegenüber wie ein Hund verhält, mit ihnen spielt und auf ihr Verhalten einlässt. „Bitches you just play thugs/ This is how I came up“ bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung und wird in seiner Drastik entschärft. Mit dem Rapper als Objekt, den Hunden als wörtliche Bitches und den Lyrics im Untertitel, ist „Hunnid“ offensichtlich mehr als seine Oberfläche. Der Track ist ein smarter Kommentar auf ein Genre, das so produktiv ist, wie noch nie.

Nasty King Kurl schickt sich mit diesem Track an, seine Perspektive auf die Schnittstelle von Rap und Clubkultur weiter auszubuchstabieren. Mit „Voice of a Generation“ hatte er sich schon Breakbeat vorgenommen und in einer kontemporäre, abseitig-clubbige Form gegossen. Es ist sein Gefühl für Genres ihre Grammatik, die Nasty King Kurl so sexy machen.

Mit diese Attitüde, die sich jedem Aspekt eines kulturellen Artefakts annimmt, und nicht nur das rauspickt, was sich gut verkauft, ist kulturelle Aneigung weit entfernt. Der Dialog und die Debatte um Grenzen und Genres wird so erst möglich. Wenn mich jemand dazu bringt, Rap zu hören, hat das schon was zu heißen. Ich mach jetzt mal meine Hausaufgaben in Musik Geschichte. Princess Nokia soll auch ganz geil sein.

Nasty King Kurl – Hunnid, erschien auf Noiseköln.
Video in Zusammenarbeit mit Konstantina Levi (Kamera, Regie und Cut).

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