Kefir: Kulturrevolution im Glas

Von Bakterien und Mikroben vergorenes Wasser mit Kohlensäure und leichtem Fruchtgeschmack. Klingt eklig, oder? Aber das ist Kefir, mein neuer Mitbewohner.

Genauer gesagt, das ist das Getränk, das mein neuer Mitbewohner mir zubereitet. Alle zwei bis drei Tage kann ich die kleinen, glibberigen „Kristalle“ (ein Euphemismus, aber das korrekte Wort) abseien und das vergorene Getränk umfüllen. Kefir wurde mir von einer Freundin geschenkt – d.h. ich musste Kefir nicht einmal kaufen. Die Zubereitung ist auch kein Hexenwerk und lässt sich einfach googeln. Zucker in Wasser auflösen und Kefirkultur dazutun. Kefir kann ziemlich viel: den Geschmack des Getränks kann man durch Trockenobst oder andere Zutaten beeinflussen, die man der Kefirkultur füttert. Kefir ist mein kleines Experiment in Sachen Selbstversorgung (Zucker und Trockenobst kann ich leider noch nicht selbst herstellen, kommt noch).

Wie bei jedem Spielzeug, hat Kefir am Anfang mehr Spaß gemacht. Zwischendurch hatte ich schon Angst, ich hätte den Kefir umgebracht. Er roch ein bisschen streng, geht uns allen ja so. Aber mit einer Fastenkur (zuckerfrei) und Zitronenscheiben ging es Kefir wieder gut. Puh. Die Zitronen sollen alle unerwünschten Pilze und Mikroben im Kefir abtäten. Glück gehabt. So ein Kefir ist aufwendiger in der Haltung, als mir zu Beginn meines Enthusiasmus klar war. Die Kultur darf auch nicht zu lange stehen gelassen werden, dann kippt sie (wobei man nach 4 Tagen einen leichten Alkoholgehalt erreicht, über 2% kommt man dabei nie). Sie kann aber auch im Kühlschrank überwintern, d.h. man muss sich keinen Kefir-Sitter suchen, während man mal in Urlaub fährt. Nicht, dass der dem Kefir am Ende auch noch was falsches füttert und Kefir dick nach Hause kommt. Kefir allein zu Haus kann sich auch vermehren. Das harte Berliner Leitungswasser hat den Vorteil, dass es viel Kalk enthält. Was normalerweise kein Vorteil ist, weder für Haare, noch für Waschmaschinen, bringt dem Kefir eine Lebenswichtige Wachstumsquelle: Calcium. Damit vermehrt der Kefir sich alle paar Tage bis zu 75%. Leider zahlen die schleimigen Kristalle dafür nicht mehr Miete für ihr kleines Glas. Ist die eigene Kefir-Kapazität erreicht, muss man sich neue Freunde suchen, die Bock auf Kefir haben. Ich bin einer dieser Freunde. Und ich hab Bock auf Kefir.

Kefir ist präbiotisch und probiotisch gleichzeitig. Konkret bedeutet das: Kefir enthält wichtige Nährstoffe für die Mikroorganismen, die in deinem Darm Leben und liefert zugleich neue Freunde, für die Mikroorganimsen in deinem Darm. Ziemlich cool.Auch wenn ich hier von Kefir im Singular spreche, ist Kefir doch eigentlich viele. Und so sind wir auch eigentlich viele. Wie wichtig die Mikroorganismen auf unser Haut und in unserem Darm sind, beginnen wir erst in den letzten Jahren zu verstehen. Das Mikrobiom in uns, in dir, in dir mir, in deinem Hund, in allen Menschen, die dir in der U-Bahn gegenüber sitzen und auch in deiner Mutter, ist größer, als alle Menschen, die auf der Welt leben. Es gibt mehr Mikroorganismen auf und in dir, als es Sonnen in einer durchschnittlichen Galaxis bist. Na moin, du kleines Universum. Und dieses Biom hat einen großen Einfluss uns. Es sorgt dafür, dass unser Immunsystem funktioniert. Serotonin, ein wichtiger Neurotransmitter, die neuro-chemische Entsprechung von Glück, wird in deinem Darm produziert. Krankheiten werden hier abgefange, Giftstoffe gelöst und Nahrung verdaut. Wenn wir essen, ernähren wir auch die ca. 2 – 3kg Mikrobiom in und auf uns.

Leider gehen wir mit unserem Mikrobiom nicht sehr gut um. Wir beschütten es mit Chemikalien und Rotten ganze Kulturen mit Antibiotika aus. Wir rauchen und nehmen Nahrung zu uns, die kaum noch präbiotisch wertvoll ist. Wir lassen unsere kleinen Freunde, die wir in unserem Darm und auf unserer Haut spazieren tragen, verhungern. Leider können sie uns dann auch nicht mehr helfen. Dieses Biom geben wir dann an unsere Kinder weiter, denn das Starter-Kit an Batkerien und anderen Organismen in deinem Körper, das kommt aus deiner Familie. Genauer gesagt: schon bei der Geburt werden von der Mutter auf das Kind alle Bakterien übertragen, die es braucht. Eine Disbalance im Darm führt zu Allergien, zu Irritationen der Haut und zu Depressionen.

Wir sind also viele. Wie können wir uns da noch als Organismus bezeichnen? Als Individuen? Wenn für jede unserer Zellen mindestens eine Zelle einer Bakterie in uns wohnt, wie können wir dann von uns als Einheit ausgehen, wenn wir eine Vielheit sind? Die Bakterien in uns sind nicht nur einfach in uns, sie verlassen uns auch und wandern. Sie tauschen Informationen aus und geben Gene weiter. Sie kommunizieren miteinander und beeinflussen so unser eigenes Genom von innen. Nicht nur die Fortpflanzung bringt Variation in unsere Gene, sondern auch die pulsierende Kultur von Mikro-Lebewesen in uns. Dabei sind sie keine Parasiten, wir sind auch keine Wirte. Sie sind mit uns zusammen entstanden, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind und sie spielen eine entscheidenen Rolle für das, was wir in Zukunft sein werden. Ohne Mikrobiom keine Zukunft. Kefir selbst ist eine Kultur aus verschiedenen Mikroorganismen, mit der kommunizieren können und durch deren Hilfe wir gesund bleiben.

Kefir trinken heißt also auch unser Mikrobiom pflegen.  Wir sind keine Fleischhüllen mit ein paar mechanistischen Organen in uns, die uns durch die Gegend laufen lassen. Wir sind ein pulsierender, vielstimmiger Kosmos, der selbst in einem vielstimmigen, pulsierenden Kosmos eingebettet ist. Wenn wir auf die Welt in uns aufpassen, dann müssen wir auch auf die Welt um uns herum aufpassen. Kefir trinken rettet vielleicht nicht die Welt, aber es hilft mir dabei, zu verstehen, wie komplex das Leben ist und wie ich meinen Teil dazu beitragen kann, diese Komplexität zu erhalten.

Illustration: Andrés Aragoneses

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