Bitcoins: Rausch in Nachkommastellen

Man soll ja alles mal gemacht haben. Auch wenn der Trend schon durch ist. So ging es mir mit Bitcoins. Zum ersten Mal kam ich mit der Kryptowährung in Kontakt, als mir ein Kumpel vor einigen Jahren die unendlichen weiten des Darknet eröffnete. Das ist dieses Internet neben dem Internet, wo man die ganzen coolen Sachen machen kann: LSD bestellen, Waffen kaufen oder auch – wenn die Glitterbombe nicht reicht – gleich einen Auftragskiller. Hier landet also alles, was im normalen, mittlerweile gutbürgerlichen Internet, keinen Platz mehr bekommt. Für diesen Schattenmarkt der Illegalitäten musste man sich damals auch Bitcoins besorgen. So viel zu einem Abenteuer: mein Einkauf im Darknet scheiterte am Umtausch in die global-lokale Fremdwährung. Kryptowährungen waren für mich am Ende leider doch ein Buch mit sieben Siegeln und irgendwie hatte ich Angst davor. So wie manche Menschen lieber alles in Bargeld zahlen und niemals ihre Karte an der Kasse zucken würden, so wollte ich damals nicht in diese komische Währung investieren. Jetzt sage ich investieren, für mich wäre das damals kein Invest gewesen, weil ich nicht wusste, dass ein unschuldiger Bitcoin heute mehr als 13.000 Euro wert ist.

Hätte ich damals aus Versehen ein paar Bitcoins auf einem Account gelassen, wären die jetzt 4.300 mal mehr wert als damals. Aus einem 1€ wären dann 4.300€ geworden. Verrückt, oder? Jetzt bin ich nicht naiv. Mir ist schon klar, dass das keine neue Entdeckung ist und dass viele Menschen so ihr Geld verdienen. Rational ist mir klar, dass der globale Finanzkapitalismus aus einem testosteronschwangeren Spieltrieb heraus funktioniert. Lange dachte ich, ich würde einfach nicht verstehen, wie die Finanzwelt funktioniert. Ich dachte ich sei zu dumm, mir müsste irgendwas entgehen. Vielleicht war da irgendein Detail, irgendein Denkfehler. Bis mir aufging: es ist so einfach und dumm wie es klingt. Menschen schöpfen aus nichts Wert und spielen damit weiter und weiter und weiter. Sie berauschen sich an Gewinnen. Sie geilen sich an sich auf. Jetzt ist es eine Sache, wenn dir etwas rational klar wird. Es ist ein ganz anderer Prozess, der sich im Geist vollzieht, wenn man sich einer Situation aussetzt.

Alles fing damit an, dass ich auf Artikel über Bitcoins stieß. Dieser Artikel legt dar, warum und wie Bitcoins durch die dahinter stehende Technologie riesige Mengen von Strom verbrauchen. Bitcoins haben das Potenzial in weniger als 5 Jahren zu einem der größten Energieverbraucher der Welt zu werden. Wer sich das nicht vorstellen kann, ist nicht allein. Geht mir genauso. Das klingt mehr nach Dystopie, als nach Realität. Die Rechenaufgaben, die zu lösen sind, um Bitcoins zu tranferieren und zu generieren, sind so aufwendig, dass Netzwerke global transportiert werden und in Ländern mit günstigem Strompreis andocken. Diese globale Entgrenzung von Warenfluss klingt nicht wie die Gegenwart, aber sie ist Realität. Wir sind komplett entfremdet von den Auswirkungen unserer Klicks im Netzt, denken, dass die Pakete von Amazon durch Magie bei uns laden (und nicht durch Ausbeutung) und dass Bitcoins durch unsichtbare Netzwerke geschickt werden (und dabei keinen Strom verbrauchen).

Jetzt ist Bitcoin auch nicht mehr die einzige Kryptowährung, sondern eine von vielen, aber bei weitem die am höchsten dotierte. Anleger jagen schon nach kleinen, coolen Währungen, die demnächst im Wert steigern könnten. Zudem kann man von Währung zu Währung springen, findet Websites über Websites, die Rankings zeigen und nebenbei erklären, wie und wo man am besten investiert. Bitcoins sind zudem ein Medienthema geworden. Jeder spricht darüber und ein bisschen hat jeder eine Meinung dazu. Und irgendwie sind Bitcoins auch ein bisschen cool.

Kryptowährungen sind damit nicht mehr eine Gegen-Währung, die auf einer intelligenten Technologie basiert. Sie sind nicht mehr der radikale Gegenentwurf zu einer von Zentralbanken und Politik gesteuerten Währung. Der Staat als Souverän über das Geld ist nicht mehr gesetzt. Aber der Markt (und damit sein Daddy, der Kapitalismus) hat sich der Revolution des Geldes angenommen und es inkorporiert. Aus einer Erfindung von Nerds, ist jetzt eine global gehandelte Einheit geworden, die vielen Menschen viel Geld bringt. Zumindest theoretisch. Also habe ich selbst in Bitcoins investiert.

Dazu braucht man zunächst ein Wallet. Das geht als App oder Website und funktioniert wie Paypal. Mit den Ausweisdaten verifiziert man sich und per Banktransfer lässt sich Geld einzahlen. Ich entschied mich für eine Seite mit schönem Layout (Hautpsache die Verpackung stimmt) und überwies Geld auf eine Bank in Estland. Am nächsten Tag war das Geld in meinem Wallet. Gegen eine kleine Gebühr ließ sich Bitcoins kaufen. Geld fühlt sich für mich ohnehin immer unecht an, aber ich zumindest an den Euro bin ich gewöhnt (ich gebe zu, eine Kugel Eis für 3,60 Mark finde ich immer noch überzogen, aber ich rechne auch nicht alles um). Bitcoins sind durch das Fehlen von Münzen noch unrealer. Für meinen Wetteinsatz von 20€ bekam ich noch nicht mal eine ganze Bitcoin, sondern nur einen Bruchteil. Null Komma Null Null Null und dann irgendwann erschien die erste Zahl. Wie viel eine Kugel Eis kostet? Wahrscheinlich ca. 0.00007 Bitcoins, Bio-Eis kostet mehr.

Genau an den Tagen, an denen ich in Bitcoins investierte, machte der Preis der Kryptowährung riesige Sprünge. In den ca. 72 Stunden in denen ich im Besitz von Bitcoins war, erlebte ich, wie mein Geld mal mehr, mal weniger wert war. Damit verlor ich theoretisch Geld oder verdiente Geld. Das machte etwas mit mir. Es erweckte in mir den Drang mindestens einmal die Stunde auf die App zu gehen und nach dem aktuellen Bitcoin-Kurs zu schauen. Ich überlegte jedesmal, ob ich warten sollte, mehr Bitcoins kaufen oder einfach auscashen sollte. Aus dem Spiel wurde schon so etwas wie eine kleine Sucht. Die gleiche Art von Befriedigung bringt es, wenn man auf einer Dating-App rumscrollt. Ob jetzt ein hotter Kerl oder ein Bitcoin-Kurs über 16.500 Euro – der Rausch ist der gleiche. Dopamin gepeitscht erzählte ich, warhscheinlich viel zu aufgeregt, in jedem Smalltalk von meinen Bitcoin-Eskapaden. Ich fantasierte bereits davon auszusteigen und mit Bitcoins reich zu werden. Dann kam die Vernunft und sagte: werd das Zeug schnell wieder los.

Bitcoins sind per se nicht schlecht. Die Idee von Kryptowährungen an sich ist revolutionär. Wahrscheinlich wissen wir noch gar nicht, wie krass die Disruption sein wird, die diese Währungen mit sich bringen. Die Menge an Kryptowährungen, die auf den Markt kommt, zeigt uns auch: die Innovationsfähigkeit dieser Technologie ist riesig. Die Welt, in der wir leben, wird durch die Technologien, die wir nutzen, immer komplexer. Oft muss man Nerd sein, um da durch zu steigen. Aber der Kapitalismus fragt nicht nach Wissen, er fragt nach Gewinn. Und genau deswegen sind Bitcoins jetzt auch zum Spekulationsobjekt geworden. Dennoch behalten Bitcoins den Charme einer Tat des Widerstands. Dieser Charme ist aber nur noch der Rest einer Aura. Leider sind Bitcoins kein Widerstand, sie sind Futter für ein System, das alles inkorporiert, was sich zur Ware machen lässt.

Was mir der Ausflug in die Kryptowährungsspekulation aber klar gemacht hat, ist, dass die Spielsucht, die hinter dem Finanzkapitalismus steckt, nicht mehr ist als das, was sie scheint. Die Sucht nach Rausch, nach Dopamin und nach Erfolg. Wenn es nicht so traurig wäre, dann wäre es lustig. Noch nie habe das Patriarchat so nackt vor mir gesehen. Und noch nie wollte ich ihm härter in die Eier treten.

Kommentare (2)

  1. Leopold Stotch

    Schön, von dir was zu Bitcoin zu lesen! Ich kann dir sagen, dass der Rausch nur beim ersten, oberflächlichen Kontakt der gleiche wie auf der Dating-App ist. Wenn man sich mal richtig eingearbeitet hat und mitmacht, seinen eigenen bescheidenen Beitrag zum Untergraben des Bankwesens leistet – so hot kann gar kein Kerl sein, um da heranzureichen.

    Kryptowährungen haben immer noch alles Potential, das sie vor dem Craze hatten. Sie werden immer noch genutzt, um per Darknet friedlich und sicher die Drogenprohibition zu umgehen, um Verwandte in Drittweltländern zu unterstützen, ohne Wuchergebühren an Western Union abzudrücken, und für vieles andere auch. Dass sie außerdem auch zum Glücksspiel trivialisiert werden, kann man bedauern, das Eindringen des Marktes in die heile Kryptowelt zu beklagen halte ich aber für Unsinn.

    Wozu soll eine neue Form von Geld gut sein, wenn nicht um Handel zu ermöglichen, anders ausgedrückt: einen Markt einzurichten? Bitcoin war von Anfang an ein marktanarchistisches Projekt. Es beruht auf der Idee, dass der Markt schon lange gegen den alten Daddy Kapitalismus rebellieren will und man ihm nur mal dabei helfen muss:

    Kapitalismus in seiner heutigen Form kann es nicht ohne Währungsmonopol geben. Innerhalb der letzten zehn Jahre musste nahezu jede existierende Bank direkt oder indirekt „gerettet“, also von den für die anderen geltenden Regeln ausgenommen und künstlich in ihrer Machtposition gehalten werden. Das ging nur mit einer Zentralbank, die das Geld kontrolliert, und dazu braucht sie unter anderem ein Monopol auf Geld. Kryptowährungen schaffen einen Markt, wo es gerade keinen geben darf, auf der Ebene der Währungen. Das Ziel ist die freie Entscheidung, ob man Euro, Dollar, Rubel usw. nebst der mit ihnen betriebene Politik haben will oder nicht.

    • wolfauftausendplateaus

      Danke dir für die ausführliche Antwort – das hat meinen Horizont zum Thema nochmal erweitert. Mein Fokus war viel stärker von einer negativen Herangehensweise geprägt. Was du über die freie Entscheidung sagst, finde ich unheimlich spannend. Das bringt eine Disruption, die wir wahrscheinlich noch gar nicht einschätzen können. Der Umgang mit einer nicht-staatlichen Währung ist tatsächlich unheimlich aufregend und ich bin gespannt, was da in Zukunft noch auf uns zukommt.

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