Poetischer Pop

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Dillon ein neues Album herausbringen würde. Der Pop-Liebling der Berliner Musikszene legt mit „Kind“ ihr drittes Album vor. Am letzten Donnerstag spielte sie sich im Silent Green für ihre kommende Tour warm. Wer hört eigentlich Dillon? fragte mich jemand vor dem Konzert. Gute Frage: wer mag Dillon eigentlich? Wer findet gefallen an den poetischen Texten, der ätherischen Stimme und den fließenden Texturen? Die Frage lässt sich über die Vorband beantworten. Mikeyh, die Konzertgängern schon öfter als Warm-Up aufgefallen sein kann, machte mit ihrem balladenlastigen Pop und Gitarrenbegleitung den Auftakt im ehemaligen Krematorium. Stimme, Gitarre und Text stehen im Zentrum der Musik. Persönliches und poetisches wird zusammen verhandelt, bekommt ein Gesicht und damit ein Sprachrohr. Dillon zieht Menschen an, die Fragen stellen. Menschen deren Lebensentwurf sich nicht mit den Standardantworten der Gesellschaft decken.

Hört man das Album durch, erschließt es sich am ehesten, wenn man es als Narrativ ganz durchhöhrt. Einige der Songs sind eingebettet in den Erzählstrang, andere wiederum stechen bewusst heraus.  Was sofort auffällt, ist die Produktionspower, die hinter dem Album steckt. Dillon hat sich immer weiter von der Pianobegleitung entfernt und umgibt sich und ihre Stimme mit mehr Effekt, mehr Orchester, mehr Texturen. Das gibt ihren Songs eine neue Komplexität, die in den besten Momenten die poetisch-assoziative Tiefe ihrer Text unterstreicht. In den schwachen Momenten verliert man sich beim Zuhören in den Ebenen. Dillon will mehr, das ist klar zu spüren. Der zweite Track des Albums „Stem & Leaf“ beginnt mit einem Horn und wabert weiter wie Nebel durch einen Wald. Der Text, von Dillons Stimme getragen, erlaubt sich durch Wiederholungen noch mehr Bedeutungsschwere. Fast schon esoterisch gräbt Dillon weiter nach Bedeutung. Nahtlos geht es mit „Shades Fade“ weiter, ein Track, der fraglos Dillons handschrift trägt. Ihr Stimme bricht nach oben auf, das Horn trägt sie weiter. Melancholie bricht wie Wellen, ohne in Trauer umzuschlagen,. Bei Dillon gibt es da mehr: Neugierde auf emotionale Regime, Neugierde auf das Leben, Neugierde auf innere Landschaften. Sie traut sich mehr, aber ihre musikalische Mission scheint die gleiche geblieben zu sein: Sie sucht nach Erhabenheit und dafür nimmt sie gerne in Kauf als traurig missverstanden zu werden.

Diese Suche trug sie im Silent Green dann auch auf die Bühne. Ihr Kostüm und Make-Up machten sie zu einer Kunstfigur, entrückt und seltsam in Auftritt und Bewegung. Ihre Bewegungen wirkten zuweilen theatralisch, ihre Performance brachte noch mehr Zeichen die ohnehin schon satten Songs. Süß und creepy zugleich, wurde mit jedem Track das Bild immer stimmiger. Auch hier wurde deutlich: die Sängerin hat eine andere Palette an emotionalen Farben aufgemacht und trägt neue emotionale Regime in ihre Musik. Wie bereits erwähnt: Sie will mehr. Und irgendwie wollen wir das doch alle. Was Dillons Musik so kontemporär macht, ist ihre Suche nach einer Ebene hinter den Ebenen. In einer Zeit in der alle Hipster meditieren und die Neurobiologie davon ausgeht, dass unser Gehirn in einem mehrdimensionalen Quantenraum funktioniert, singt Dillon Balladen auf unsere Sehnsucht nach neue Deutungsräumen. Ihre Texte kratzen dadurch auch an einer neuen Spiritualität. Diese Spiritualität kann dabei aber kein Eskapismus aus der Realität unserer Beziehungen, unserer Technologien und unserer Körper sein. Im Gegenteil: wir müssen alles inkorporieren, hinterfragen, alles erleben. Und am Ende bleibt uns nur die Liebe in allen ihren Farben: zu uns, zu anderen, zueinander. Oder wie Dillon es formuliert: „Be kind. Let in the light.”

Diese neue Dillon entfaltet sich dann am stärksten, wenn sie sich selbst covert. Für ihr aktuelles Album hat sie einem Song von einer knapp 10 Jahre alten EP neu aufgelegt.

„You’ve got to contact us“ klang 2008 schon genauso entrückt wie 2017. Der Adressat dieser Aussage klingt so derb corporate. Gesungen wird daraus fast schon ein Manifest ohne klare Agenda. Wer soll hier wen warum kontaktieren? Oder sollen wir uns alle wieder aufeinander einlassen? Die Version von 2008 klingt nach Elektronika und bekommt bei Discogs den Tag „Breakbeat“. Auf dem neuen Album von Dillon wird daraus ein clubbiger Track, weniger Text, schnellere Rhythmen und aus Breakbeat wurde Dub. Hier zeigt sich: Pop-Musik entleiht sich gerne in der Clubmusik Elemente und rekontextualisiert sie. Die Clubzitate werden zum Trägermedium für Dillons ästhetischen Agenda der Neugierde.

„How tall can I grow?“ fragt Dillon und antwortet sich selbst „Only time will know.“ Musikalisch hat Dillon eine Transformation durchgemacht, die nicht reifer, dafür viel mehr komplexer und neugieriger geworden ist. Wer Dillons Karriere nicht spätestens jetzt folgt, verpasst was. „Kind“ ist ein Album voller poetischer Liebeslieder an das Leben.

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