Homoerotische Comebacks

Mit den 00er Jahren endete nicht nur die Zeit von Britney Spears, sondern auch die Zeit von elektronischen Pop-Ikonen wie Fischerspooner und Fever Ray. Vielleicht lag es an meinem Alter, vielleicht doch auch an der Musik, aber Fever Ray ging immer. Fischerspooner war für mich vor knapp zehn Jahren so coole Musik, die man in Berlin hört. Was beide verbindet, ist der latent queere Einschlag, die Avancen mit der Provokation. Und das ging nicht nur mir so: ich kenne Menschen, die von Zuhause weggelaufen sind, um Fischerspooner zu sehen. Ich bin damals drei Stunden mit dem Auto durch die Eifel gegurkt, um Fever Ray live zu sehen. Immer noch eine meiner Lieblingserinnerungen, wenn ich an Konzerte denke. Irgendwie war es damals noch cool, sich in ein Kostüm zu werfen. Irgendwie war damals auch noch Peaches. Und irgendwie musste das auch vorbeigehen, nicht nur, weil Peaches mal nicht ins Berghain kam (true story) und das heute niemanden interessieren würde, sondern weil alles zu Ende gehen muss. Trotzdem hat Pop mit queerer Durchschlagskraft gefehlt. Was war zwischendurch los? Elektronische Musik größer, diverser, das Internet sozialer. Viel hat sich geändert. Die Alben von The Knife, von Fischerspooner und von Fever Ray aber blieben irgendwie trotzdem immer hörbar und irgendwie auch immer noch der Soundtrack von verspielter Rebellion.
Fischerspooner hatte mit Casey Spooner, ohne seinen Ex-Partner, über den Sommer sein Comeback. Die Single „Have Fun Tonight“ ist Cruising auf Elektropop. Homoerotik ist hier kein subtiler Unterton, sondern das Thema der Lyrics. Das Video ist ein Zusammenschnitt von Vintagepornos und Casey Spooner hat mit seinem drahtigen Körper und dem Moustache auch den Charme eines aus der Zeitmaschine gefallenen Gigolos. Hot, ohne Frage. Und darum geht es auch.

Provokation muss sich allerdings auch immer wieder neu erfinden. Es reicht nicht mehr nur nach sexuelle Befreiung zu rufen – es ist genauso wichtig darüber zu sprechen, was uns Verletzlich macht. Immer mehr professionelle, schwule Musiker sprechen vor diesem Hintergrund über ihre Erfahrungen mit Sex und Drogen, ihre Abstürze und ihre Comebacks. So lässt sich dann auch die Lücke in der Diskographie gut erklären: ich war halt einfach durch. Klassiker.
Karin Dreijer geht mit ihrem Soloprojekt Fever Ray in die gleiche Richtung. Wenn man ihre neue Single hört, singt sie mit verzerrter Stimme vor tropischen Synthies: „Hey, remember me? I’ve been busy working like crazy.“
Zufall? Vielleicht, aber auch hier passt die Textebene zu gut zur Realität der Lücke. Die letzten Veröffentlichungen liegen 6 Jahre zurück. Fever Ray wäre nicht Fever Ray ohne Kostüme, die ein bisschen nach Zombie aussehen, aber der Sound und die Ästhetik haben sich weiterentwickelt: Fever Ray klingt mehr wie The Knife, ist poppiger und lustiger geworden. Und vor allem homoerotischer: Dreijer lässt sich zum Tee versklaven, singt von Pussy lecken und wird mit herausgestreckter Zunge angepinkelt.

Stellt man Casey Spooner und Karin Dreijer jetzt so gegenüber, hat man das Gefühl, sie hätten die Rollen von früher vertauscht. Spooner war in den 00er Jahren viel aggressiver in Sound und Kostüm. Jetzt ist er andauernd halb nackt und wirkt geläutert, fast schon romantisch. Dreijer dagegen hat sich den Sinn fürs Groteske behalten, aber in Sound und Bildsprache ins Lustige gedreht und mit ihrem Vokabular viel expliziter geworden. Beide bringen eine poetischen Sexappeal zurück in die elektronische Popmusik, der ohne sie gefehlt hat. Sie klingen beide noch nach sich selbst, ohne dabei an Aktualität eingebüßt zu haben. Bleibt abzuwarten, ob sie das gleiche Niveau auch auf Album-Länge bringen können. Aber ich bin mir sicher, dass auch das bockt.

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