Dating nach Checkliste

Mein Horoskop schlug mir letztens vor die Welt mit offenen Augen zu betrachten und, wenn ich jemanden kennenlerne, die Checkliste mal stecken zu lassen. Kann das bitte jeden Tag in meinem Horoskop stehen? Blieb jedenfalls hängen, das mit der Checkliste. Einmal im Kopf, stellt sich heraus: Gar nicht mal so einfach. Um die Checkliste stecken zu lassen, muss man sich erstmal vergegenwärtigen, was da alles draufsteht. Der Inhalt der Checkliste geht tiefer, als ein bisschen masc4masc (sic) da oder groß, bärtig, hübsch hier. Die Checkliste, ganz aus Papier, ist auch keine App mit userfreundlichem Design. Bürokratisch steht da Punkt für Punkt, was ein anderer Mensch haben und sein muss, damit er in Frage kommt. Wofür diese Person in Frage kommen soll, steht auf einem anderen Blatt Papier. Wie die Stichpunkte unter einer Stellenanzeige, fasst die Checkliste die Qualifikationen deiner potenziellen Liebes- bis Lebenspartner zusammen.

Die Checkliste wird noch fieser. Wer ohne Checkliste ist, der swipet bitte links. Die Checkliste ist ziemlich umfassend. Neben charakterlichen Anforderungen an andere Leute, stehen da dann plötzlich auch Ideen über deren Bildungsweg, deren Erwerbsbiographie, deren Einstellung zu Drogen, deren Vorliebe für bestimmte Panda-Rassen und natürlich Ernährung. Alles in allem ergibt sich so eine Menge von Aussagen, die mehr über die Person verraten, die diese Checkliste angelegt hat, als über die potenziellen Kandidaten im Dating-Game. Die eigene Checkliste anschauen, das heißt auch die eigenen Beweggründe anschauen. Warum will ich mit jemandem in welcher Form zusammen sein? Auch wenn ein paar der Punkte nicht sexy sind, erst wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, können wir uns von ihnen lösen. Sonst wird unser Geist immer nach den Parametern scannen, die auf einem zerknuddelten Zettel in deinem Unterbewusstsein rumfliegen. Wer weiß wann so ein abgedroschener Punkt wie “sollte nicht besser als ‘ne drei in Mathe sein” auf der Checkliste gelandet ist? Macht der in der Gegenwart überhaupt noch Sinn? Und spannender noch: was steckt hinter unseren Anforderungen?

Denn die Checkliste ist zugleich eine verklausulierte Version unserer Ängste. Sie ist sowas wie der Finanzbeamte unserer Herzen. Damit wollen wir, auf Grundlage bereits gemachter oder erlernter Erfahrungen, vermeiden, dass wir leiden. Denn wir wollen doch alle nur glücklich sein – egal ob für einen Fick auf dem Clubklo oder ein zweites Date. Die Checkliste hat also eine durchaus ehrenwerte Motivation, das muss ich ihr lassen. Aber gut gemeint reicht nicht. Sorry. Aus der Angst eine negative Erfahrung zu machen, wird dann Gelähmtheit. Die Offenheit dafür jemanden neuen kennenzulernen, kippt um in die verzweifelte Suche nach einem Idealtyp, nach der Person, die der Checkliste entspricht. Und der Umgang mit der Checkliste wird so zur Gewohnheit, dass wir vergessen, warum und wie wir die einzelnen Punkte angelegt haben. Da kann keiner mithalten – und am wenigsten wir selbst. Die Checkliste gerät zum Selbstzweck, der uns dazu benutzt, sich immer wieder zu exerzieren. Nutzen wir die Checkliste oder nutzt sie uns?

Ein Blick auf meine persönliche Checkliste tut weh, aber ohne Schmerz kein Wachstum. Raus damit: Irgendwie war ich mir immer unsicher bei Typen, die gerade erst nach Berlin gezogen waren. Gleichzeitig liefen mir immer wieder Kerle in die Arme, die nicht länger als ein Jahr in der Stadt lebten. Warum? Waren die offener als Eingesessene? Bin ich ein Magnet für Neuankömmlinge? Irgendwie erwuchs daraus der Wunsch, jemanden zu treffen, der Berlin besser kannte. Jemand, der ohne dass wir uns zwingend über den Weg gelaufen waren, eine ähnlich lange Zeit wie ich in der gleichen Stadt verbracht hat. Während das ein schöner Gedanke ist, sollte das kein Kriterium sein. Mal ehrlich: Welches bornierte Arschloch denkt sich denn sowas aus? Es ist ja nicht so, dass Menschen vor Berlin einfach nirgends gelebt haben und dort keine Erfahrungen gesammelt haben. Es ist ja nicht so, als wären alle Orte außer Berlin langweilig. Im Gegenteil: egal wo jemand gelebt hat, solange die Person ein offener und wacher Mensch ist, sollte das zählen und jemanden interessant machen. Hinter der Metapher “Berlin” steckt der Wunsch nach Gemeinsamkeit und nach gemeinsamen Werten. Vielleicht sollte das eher auf die Checkliste, als der letzte Wohnort, quittiert mit einem Bescheid vom Einwohnermeldeamt. Allerdings muss man sich dafür mit einer Person länger beschäftigen, was die Gefahr für Verletzungen erhöht.

Erst der ehrliche Umgang mit uns und anderen Menschen bringt uns neue Erfahrungen. Vielleicht brauchen wir gar keine Checkliste. Oft sagt das Bauchgefühl uns schon, ob eine Situation angenehm ist oder nicht. Die Checkliste loswerden zu wollen ist vielleicht zu viel verlangt, aber die Intuition kann dabei helfen, den inneren Beamten zu einer Ermessensentscheidung zu bewegen. Wir werden den Geist nie ganz ausschalten, auch nicht im Liebesleben, aber wir sollten ihn auch keine Entscheidungen treffen lassen, die er gar nicht treffen kann. Zeit die alte Checkliste anzuzünden – und eine neue mit Bleistift anzulegen.

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