Leere Straßen.

Morning, keep the streets empty for me. (Fever Ray)

Ich bin schon ziemlich lange in dieser Stadt. Hier habe ich die prägenden Jahre meines erwachsenen Lebens verbracht. Die Straßen sind gepflastert mit Tretminen aus Erinnerungen. In diesem Restaurant habe ich mit einem Ex-Freund gegessen, dort mit alten Freunden ein Bier getrunken. Hier bin ich mit dem Rad entlang gefahren und habe über das Leben nachgedacht. Da hatte ich mal ein Date – aber den Laden gibt es gar nicht mehr. Ich lebe in einer Geisterstadt der Erinnerungen, immer im Gestern, immer im Erlebten, immer ausgeliefert. Wie kann ich hier noch Agent sein? Wie kann ich hier noch erleben, wenn alles, was ich sehe die Ruinen eines Lebens sind, das noch lange nicht verfallen ist. Wie kann ich hier noch über die Straßen gehen, wie kann ich hier noch atmen, wenn alles was ich sehe, verbrauchte Luft ist?

Ich will die Fenster zu einem neuen Ort öffnen, will woanders sein, wo die Menschen unbekannt und die Räume noch weiß sind. Ich will mich weiterentwickeln, aber alle Pfaden wirken auf mich schon ausgetreten, will die Bärte fremder Länder kraulen. Ich kann mich nicht bewegen, ohne dass jede Faser meines Körpers von den Anstrengungen der Vergangenheit versäuert ist. Gemeinsame Leben, gemeinsame Erinnerungen, wo ich jetzt alleine gehe. Ich bin vielleicht in Gesellschaft, aber alles was ich zu sagen habe, ist die Geschichte einer Vergangenheit. So viele Plakate auf der gleichen Litfasssäule – sie kippen schon vorne über, und wer weiß, vielleicht bricht auch die Säule gleich mit.

There’s no room for innocence

In dieser Stadt habe ich geliebt, habe getrauert, habe geweint, habe gelacht. Habe mich verliebt, habe mich getrennt, habe Lust empfunden, habe gelitten, habe getanzt, habe geschrieben, habe Erfolg gehabt und den Karren gegen die Wand gefahren. Ich habe mich ausgedehnt und zurückgezogen, habe gefroren, habe mich verbrannt. Wie kann so viel Leben in den Bannkreis einer Ringbahn passen? Ich weiß immer wo ich bin. Ich kann dir sagen, wo der Norden ist. Ich kann dir sagen, wo man sich gut versteckt. Ich kann dir sagen, wo man veganen Kuchen essen kann. Ich habe entdeckt und gezeigt. Habe verkauft und getickt, habe geschrien und geschimpft. Ich habe mich überraschen lassen und habe überrascht. Nie wollte ich weg ziehen. Immer wollte ich hier sein. Das Sediment dieser Stadt, dass mich geprägt hat, ist schon nicht mehr sichtbar. Neue Straßen, neue Gebäude, neue Gedanken haben sich darüber abgesetzt. Neue Menschen, neue Erwartungen, neue Geschichten geistern schon durch die Straßen. Aber überall sind die Erinnerungen. Und sie bedrängen mich. Sie erzählen mir von unerfüllten Wünschen und wie abgenagte Knochen werfe ich sie weg. Was nährt mich noch an einem Ort, den ich abgegrast zu haben glaube?

Ich sollte weg. An einen neuen Ort ziehen. Mich mit neuen Menschen, neuen Eindrücken, neuem Input umgeben. Neue Sprachen von Zunge zu Zunge lernen. Und dann wird alles anders und dann wird alles besser und dann kann ich auch endlich weiter wachsen. Ich muss mich ja nicht entwurzeln, nur umtopfen. Einfach neuen fruchtbaren Boden finden – eine neue Luft atmen, einen anderen Wind um die Nase wehen lassen. Neue Liebe, neue Lust, neue Freunde, neue Feinde, neues Grindr-Profil. Aber einen Baum topft keiner um. Wie machen die das? Wie steht ein Baum 50, 100, 1.000 Jahre am gleichen Ort und wächst einfach weiter? Wie erträgt er Jahreszeiten und Witterungen? Wie macht ein Baum das? Ich bin aber kein Baum. Ich habe Beine und kann laufen, habe Arme und Hände, habe Augen und sehe.

My fur is hot, my tongue is cold

Und doch kann ich nicht einfach davon laufen. Was soll ich machen? Muss ich mich wieder verloren fühlen, um mich zu finden? Kann eine Kreuzung nicht in mehreren Dimensionen existieren? Wenn ein auf sub-atomarer Ebene die Beobachtung dazu führt, dass ich einen Zustand festschreibe – gilt das dann nicht auch an dem Ort, an dem ich jemanden in die Augen schaute, die Sonne unterging und wir uns verliebt? Aber wenn ich sub-atomar nur Wahrscheinlichkeiten errechnen kann, dann ist die ganze Welt nur eine Wahrscheinlichkeit und meine Erinnerungen nichts als eine Einschätzung. Kann ich nicht an einer Ampel stehen und einfach auf Grün warten, ohne an einen Streit, einen Kuss, eine Hand in meiner zu denken? Wer sieht denn schon, was ich sehe? Und sehe ich heute hier, was ich gestern hier gesehen habe? “We were hungry before we were born” singt Karin Dreijer, wenn sie ihre Stimme Fever Ray leiht. Ich will mich verändern, will mich weiterentwickeln und bin doch so viel mehr als meine verdammten Erinnerungen. Ich hör mich selber nölen und finde mich pathetisch. Ich höre mich selber nölen und weiß, dass die Linderung nicht durch ein billiges Flugticket in eine andere Stadt kommt. Den Reiz kann ich vermeiden, aber will ich wachsen, muss ich meinen Umgang damit ändern. Jemand hat mir gesagt: alle Straßen in dieser Stadt erinnern mich an dich. Das hat mich betroffen gemacht. Ich will gehen, damit die Stadt nicht groß genug für uns beide sein muss. Ich will gehen, damit die Stadt nicht von mir selbst heimgesucht wird. N

I will never disappear
For forever, I’ll be here

Dabei vergesse ich wie behände ich mit dieser Stadt bin, wie sehr der Geist von Routine besänftigt wird und wenn er dann ganz zahm ist, Platz macht für die anderen Stimmen in mir. Wie ernst kann ich mich nehmen, wenn ich gelangweilt bin. Ich kann nicht weg, damit ich mich ändere. Ich kann nicht wegsehen, damit ich mich nicht mehr erinnere. Also bleibe ich. Also verändere ich nicht meine Umgebung, sondern mich. Ich gentrifiziere die Nostalgie und die Wehmut weg und mache Platz für neue, hippere Gefühle. Ich reiße ab, was modert und baue neue Konzepte mit Glasfront. Wenn ich nicht lerne mich abzugrenzen, mich für die Straße und nicht die Idee einer Erinnerung entscheide, dann gewinne ich mein Leben. Die Erde denkt sich auch nicht, dass sie mal um eine andere Sonne kreisen sollte. So wenig ich hier gefangen bin, so wenig bin ich an meine Erinnerungen gebunden. Die Freiheit zu sehen, was mich glücklich macht und loszulassen, was mich leiden lässt, macht mich zu einem lebendigen Wesen. Sonst bin ich nichts als ein Zombie auf leeren Straßen.

Leave a Reply