Spasmus der Gewalt.

Ich sitze mit Freund_innen in einer Bar, weil ich die Körper anderer Menschen, auch wenn ich sie gut kenne, nicht gendern will. Wir diskutieren über ein Bier alles, was uns in den Weg kommt. Diese Zeilen würden in einem Tagebuch und nicht auf einem Blog stehen, wenn nicht alles, was uns in den Weg gekommen ist, irgendwie mit Sexismus zu tun hat. Oder mit Homophobie. Oder mit anderen Phänomenen, die eines gemeinsam haben: Formen der Gewalt, die sich aus Geschlechterverhältnissen ergeben, die unseren Alltag durchziehen, wie ein Pilz das Nagelbett. Eklige Metapher? Ekliger Zustand, Leute. Wir stellen fest: wenn du ein heterosexueller weißer Mann bist, denkst du, du wärst in der Mehrheit, aber wenn die rechnen könnten, wüssten sie, dass die Mehrheit aller Menschen kein heterosexeller weißer Mann ist.
Jemand, den wir kennen, hat sein Pronomen geändert und wir finden es alle schwierig, das in unseren Kopf zu kriegen. Nicht, weil wir nicht akzeptieren können, dass jemand sein Pronomen ändert – vielmehr weil wir von uns selbst genervt sind, jeder auf seine eigene Art, dass wir es nicht auf die Kette kriegen die Person mit dem von ihr gewünschten Pronomen zu benennen. Ist es denn so schwer einen haarigen Körper mit „she“ anzureden? Natürlich nicht, aber die Konzepte in unserem Kopf, die Macht der Gewohnheit, sie stehen dem im Weg, was wir politisch wollen. Wir beißen auf das Granit unserer eigenen Sozialisierung, obwohl wir intellektuell viel weiter sind.
Wir alle in der Runde haben die Erfahrung gemacht in Situationen zu kommen, in denen wir ohne unsere Zustimmung einer sexuellen Handlung ausgesetzt wurden. Eine von uns hatte mal einen beschissenen Tag. Sie wurde im Park von einem charmanten Mann dazu aufgefordert mit ihm einen Spaziergang zu machen. Er schlägt Meditation vor, sie lehnt ab. Er will Sex, sie lehnt ab. Er will sie erleuchten, begrabscht aber nur ihre Titten. Er holt sich auf ihren Atem einen runter. Sie kommt nach Hause und fühlt sich dreckig. Sie macht Witze darüber – wie soll sie sich denn sonst helfen?
Er wird nach einer Zahn-OP, komplett auf Schmerzmitteln, von einer Affäre ganz charmant zum pürierten Abendessen eingeladen. Nach dem Essen wird er zum Dessert gerimmt und danach setzt der Typ seinen Schwanz an. Er sagt: Ich weiß nicht, ob ich mit den Schmerzen und den Mitteln entspannen kann. Der Affäre ist es egal. Hoffentlich ist es schnell vorbei. Hoffentlich platzt die Wunde nicht auf. Er schläft an diesem Abend daheim und sieht die Affäre nie wieder.
Beide, sie und er, fühlen sich hinterher schuldig. Warum sie haben denn nichts gesagt? Klar war das keine einvernehmliche Situation, aber hey, sie hätten doch noch klarer sagen können, dass sie das nicht wollen. Ich will nicht, dass du meine Titten begrabschst, während ich atme. Ich will nicht, dass du mich so hart durchfickst, wenn ich gerade eine frisch genähte Wunder im Mund habe. Hätten wir uns mehr wehren sollen? Oder waren die beiden Arschlöcher einfach nur Raubtiere, die sich charmant geben und gegen den Wind riechen, wenn jemand mal einen schlechten Tag, eine OP hinter sich hat? Müssen die warten, bis wir vulnerabel sind, bis sie uns anwichsen und durchnehmen? Können die nicht aushalten, dass wir nicht wollen, was sie wollen? Und woher nehmen die sich eigentlich das Recht? Im Ernst, woher kommt dieses Recht?
Wir können uns auch von den Raubtieren auf der Straße als Fotze beschimpfen lassen. Oder von ihnen verfolgt werden. Oder von ihnen auf Grundlage ihrer Einschätzung unserer Körper hintergepfiffen bekommen. Eine von uns sagt, es würde helfen, wenn man hysterisch rumschreit. Sei einfach richtig verrückt, weil dann will dich keiner mehr ficken. Geh breitbeinig. Mach einen auf dicke Hose. Schrei sie an. Verwirr sie. Aber geh nicht mit Gewalt auf sie ein, denn das stachelt sie nur noch mehr an. Ist das jetzt die Lösung? Hysterische Weiber vergewaltigt nämlich keiner? Breitbeinige Kerle können nicht schwul sein, deswegen muss man sie auch nicht zusammenschlagen?
Das ist der Spasmus unserer Gesellschaft, der uns daran hindert, frei zu atmen. Menschen Geschlechter aufzuzwängen und ihnen zu sagen, wer sie zu sein haben, weil sie vom Konzept her halt so zu sein haben. Mal ganz ehrlich, so auf einer abstrakten Ebene gedacht, macht das Sinn? Die Menschen, die uns nahe stehen, kennen wir die nicht in ihrer Gänze und haben die nicht alle verschiedene Eigenschaften, für die wir sie lieben? Und wenn jetzt die Eigenschaften, die wir an ihnen lieben, auf Zettel schreiben müssten und nach Geschlecht sortieren. Wenn dann dabei rauskommt, dass deine Freundin mehr eine Butch ist, weil sie gerne Sneaker trägt und weiße Socken, weil sie breitbeinig läuft und zotige Sprüche ruppt und deswegen eigentlich eher ein Kerl ist. Das heißt: ihr dürft keine Freunde mehr sein, sie hat nämlich den Test nicht bestanden, sie ist kein richtiges Mädchen. Oder der Kerl mit dem du so gerne rumhängst, der immer weiß, was er zu sagen hat, der schlägt die Beine übereinander und gestikuliert zu viel. Der ist doch eigentlich ein Mädchen, warum spricht der überhaupt über Gefühle. Auch ihr dürft jetzt keine Freunde mehr sein, weil er kein richtiger Mann ist. Ist vorbei mit euch, mit all deinen Freunden, weil die alle keine richtigen Frauen oder Männer sind. Mit dir eigentlich ihr. Ihr seid alle scheiße, deswegen müsst ihr bitte in eure Beschissenheit investieren und konsumieren bis ihr echt seid.
Aber trotzdem seid ihr befreundet. Weil das Geschlecht als Ordnungsfaktor für die Gesellschaft nichts weiter als eine Machtkonstruktion ist, die allen Leuten vorgaukelt sie würde funktionieren. Dabei ist Geschlecht selbst eine Drag Queen, die weiß, das alles nur Theater ist und sie am allermeisten. Weil wir alle Eigenschaften haben, die entweder auf ein rosa oder ein blaues Post-it kommen könnten. Weil wir alle beide Energien, beide Post-its brauchen, um glücklich zu sein. Weil wir unsere Persönlichkeit so ausleben müssen, wie wir sind, aus tiefstem Herzen, und ohne das Korsett einer Geschlechtlichkeit, die nur verdeckt, warum wir schön sind.

Leave a Reply