Konzert: Hercules & Love Affair

Wie viele queere Bands gibt es eigentlich, die sich über die letzten zehn Jahre gehalten haben? Genau. Da kommt es zupass, dass Hercules & Love Affair eigentlich auch gar keine richtige Band ist, sondern ein fluides Konstrukt, das außer dem Head of Hercules Andy Butler, keine Konstante kennt. Die Gruppe rotiert und hat so verschiedenen Menschen wie Aerea Négrot oder Anohni (damals noch Antony Hegarty) ein musikalisches Zuhause gegeben. Ihre Stimmen haben Songs wie “Blind” oder “Painted Eyes” geprägt. Die Band ohne Besetzung ist auch eine Band ohne Genres und Gendergrenzen, was die Musik ultimativ auch politisch macht. Ein no-brainer, dass das Konzert im Schwuz 18.05. also sofort ausverkauft war.

Jedes Konzert fängt mit einem lokalen Support an. Für Hercules & Love Affair hat sich das SchwuZ die Sängerin Mikey Woodbridge eingeladen. Die Bühnenpräsenz der Singersongwriterin, die ich sonst nur als Türsteherin der Herrensauna kenne, war wie eine queere Alanis Morissette. Nur, dass die Lyrics weniger ironisch waren, als explizit. Ihre Stimme, begleitet von einer Akustikgitarre, lockte die Leute in den Konzertbereich und belohnte Anwesenheit mit Gänsehaut. Textzeilen, fast schon kitschig, aufgeladen mit einer souligen Stimme, getragen von einer Verletzlichkeit, standen in wunderschönem Kontrast zur toughen Attitüde. Darin liegt der Charme queerer Künstler, die sich in sonst so heteronormativ besetzte Gebiete wie Popmusik begeben: ihre Musik macht die ganze Bandbreite an Identifikationsmechanismen auf, die Pop zu eigen sind. Die Zugänglichkeit der Musik läd in eine emotionale Landschaft ein, die nicht auf der Koordinate von Genderbinarität liegt und öffnet den Raum für eine Solidarität, die aus tiefstem Herzen kommt. Das Konzert wird so zum Safe Space zum Austausch und zur Heilung von schmerzhaften Erfahrungen, die nur queere Identitäten kennen. Emotional aufgewärmt war der Weg zum Hauptact nicht mehr weit.

Die Frage, die sich mir noch vor des Konzerts stellte, war: was ist eigentlich mit den Klassikern? Wie klingen, die wenn sie nicht von den originalen Stimmen getragen werden? Machen die dann noch Sinn? Dazu später mehr.

Es ist defintiv lange her, dass ich mal wieder auf einem Konzert stand, wo ich die Musik mitsingen konnte. Und obwohl das SchwuZ ziemlich voll war, gab es dieses süße Miteinander. Auch das wieder ein Zeichen dafür, dass das Konzert selbst ein Safe Space war. Die Bühnenpräsenz, mit der Vorband verglichen, war durch ihre Professionalität zugleich größer und eingespielter, aber ehrlich gesagt aus diesem Grund auch cleaner. Die Menschen auf der Bühne hatten weniger zu verlieren – was den Eindruck ihres Auftritts nicht schmälert, aber dennoch eine andere Färbung gibt. Für die Band, die gerade auf Welttour ist, ist Berlin eine besondere Station. Zumindest verkündete das der aktuelle Fronstsänger Gustaph so charmant, dass ich das nicht anzweifeln will. Er lobt die Stadt für ihre Freiheit, bevor die Band mit dem Song “5:43 to Freedom” eine Hymne auf die eben jene Freiheit sang. Eine durchaus mitreißende Ansprache, zu einem Song, der den routinierten Mix aus House und Pop zeigt, in den sich Andy Butler eingegroovt hat. Das Publikum gab diesem Groove recht.

Grundsätzlich war der Clubeinfluss auf das Werk von Andy Butler im Konzert deutlich zu spüren. Es ist schon ein paar Jahre her, dass die Band auftrat – aber in der gleichen Zeit gab es mehrere DJ-Sets in der Panorama Bar. Band oder Clubgewächs? Auch hier ist die Antwort wieder: fluide. Bockt trotzdem Bolle, wenn eine ganze Menge “Freedom” singt. Genau in diesem repetitiven, offensichtlichen Momenten liegt der Charme von Pop. Und irgendwo auch der von House, auch wenn hier die Lyrics entweder reduziert sind oder vom Discokitsch triefen. Das Konzert selbst klang wie ein Live-Set, denn nicht nur war der Bass spür- und hörbar, die Melodien geordneter, aber die Mitten irgendwie raus. Auch die Übergänge zwischen den Songs waren so fließend, es hätte halt auch ein Set sein können. Schon wieder diese Fluidität. Ein letzter Kommentar zum Fließenden, denn die Klassiker, was ist denn jetzt mit denen? Natürlich soll man die Band jetzt nicht nur an den Klassikern messen. Viele der Songs kamen vom letzten Album (“The Feast of the Broken Heart”), aber hey, trotzdem. Die neue Besetzung und ihre Interpretation von “Blind” war wie eine wunderschöne Metapher auf die Fluidität und Grenzverschiebungen. Genauso schön wie das Original vielleicht nicht, aber als Live-Erfahrung ganz anders aufgezogen und wunderschön clubbig. Es gibt kein Original, nur Iteration.

Andy Butler versprach zum Schluss auch ein neues Album. Mit dem stimmgewaltigen Duett aus Mary Rogue und Gustaph hoffentlich, denn die beiden haben Bock auf mehr gemacht. Oh und ladet doch mal Mikey für einen Track ein!

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