Sind Blogs tot?

Liest jemand heute überhaupt noch Blogs? Rhetorische Frage, denn wer diese Zeilen liest, ist schon auf einem Blog gelandet. Gut so. Denn unser Konsumverhalten von Online-Medien hat sich entlang der Entwicklung sozialer Medien verändert. Seit Facebook nicht mehr demokratisch und chronologisch die letzten Posts anzeigt, sondern das, was der Algorithmus für relevant hält, werden Blogs immer weniger gelesen. Das ist ein Fakt, den ich aus Erfahrung bestätigen kann. Wir erfahren das Internet nicht mehr nur durch Google und die Suche nach Informationen – viel einfacher: wir gehen auf Facebook und schauen in den Feed. Dieser Feed präsentiert uns dann die Kost, die leicht genug auf dem Weg zur Bahn verdaut werden kann.

Wer macht sich denn noch die Mühe durch Bookmarks zu gehen? Wer macht sich noch die Mühe alles, was interessant ist, in einen Feedreader zu packen? Wer surft noch durch Blogs? Die Masse an Informationen, die uns Facebook ausspielt, ist schon Reizüberflutung genug. Maximal kommen noch andere Medien dazu. Eine Zeitung vielleicht, aber die können wir auch per App lesen. Aber der letzte Artikel von diesem übercoolen Online Magazin schafft es immer wieder in den Newsfeed, komisch, warum steht denn da immer sponsored in Mini-Schrift?

Der Feed als Einfallstor für neue Informationen ist allerdings nicht, wie bereits beschrieben, chronologisch oder demokratisch. Er ist ein hart umkämpfter Ort, den sich unsere Facebook-Freunde mit den Facebook-Seiten teilen. Diese Seiten haben wir zwar geliked, und damit den Ritterschlag gegeben, theoretisch im Feed zu landen. Aber Facebook lässt sich die Hoheit über den Feed gerne bezahlen. Heißt: Werbung schalten. Heißt auch: große Unternehmen, die genauso eine Seite betreiben, wie z.B. ein Blog oder ein Magazin, nehmen viel Geld in die Hand, um Facebook damit voll zu pumpen, um dann in den richtigen Feeds der richtigen Leute zu landen. Ohne Moos also nix los, was Traffic auf die Seite angeht. Ohne Moos also auch weniger Leser.

Aber Facebook ist nicht alleine daran beteiligt, dass Blogs weniger gelesen werden. Es gibt mittlerweile auch andere soziale Medien, allen voran Instagram. Die Relevanz von Instagram zeigt sich daran, wie die Mode-Blogger mittlerweile mit ihren Bildern umgehen. Während vor Jahren noch Fotostrecken auf den Blogs gepostet wurden, ist es jetzt sehr wahrscheinlich, dass Bilder einfach verhashtaggt auf Instagram landen. Schaut man sich einen beliebigen Modeblogger an, fällt auf: die Follower auf Instagram sind in der Regel weit höher, als die Fans auf Facebook. Instagram erreicht also, zumindest theoretisch, mehr Aufmerksamkeit, als Facebook. Der Content wird hier leicht verdaulich ausgespielt und anders konsumiert. Instagram ist eben eine visuelle Plattform und keine für lange Texte. Der Hinweis “link in bio” ist nett gemeint, aber ganz ehrlich: wer macht sich dafür schon die Mühe.

Aber schon vor Facebook und Instagram gab es soziale Medien. Und die waren zuweilen viel textlastiger und demokratischer. Tumblr zum Beispiel, war nicht nur eine Gewusel aus Reposts und Pornobildern, hier gingen auch Texte. Oder Livejournal, das als Blogplattform funktioniert hat, aber eben auch genau als das, was es im Titel trägt: Tagebuch. Und da kommen Blogs eigentlich her. Sie waren Tagebücher, Orte, an denen Leute sich über ihr Leben unterhalten haben. Dann kamen langsam thematische Ausrichtungen dazu. Aus den Tagebüchern wurden kleine Magazine, Kochbücher, Textsammlungen… die Möglichkeiten waren so viele, wie das Internet noch wild war. Es gab damals noch Blogrolls, auf denen Blogs ihre Freunde verlinkt haben, andere Blogs, die sie gut fanden. So konnte man sich von Blog zu Blog hangeln, hier ein Bookmark setzen, da was in den Feedreader reinhauen. Ein Blog war dann der Türöffner für andere, ein ganzes Universum aus kleinen Textsammlungen, Ideen, Meinungen, Themen…

Das Internet hat mittlerweile aber diese Fluidität verloren. Es ist viel kristalliner geworden, es stockt. Die Kameras wurden besser, die Layouts responsive, alles wurde professioneller. Die Platzierung in unseren Newsfeeds kostet Geld, wurde zur Werbung. Die Marktlogik hat endgültig Einzug gehalten. Aber den wenigstens ist das noch bewusst. Sie lassen sich stattdessen lieber von Facebook berieseln, weil der Algorithmus dann doch so gut funktioniert, dass wir genug Informationen angeliefert bekommen. Aber wo bleibt da die Überraschung? Wo bleibt der Entdeckerdrang? Wir glauben das Internet zu kennen, dabei haben wir eigentlich nur eine Software vor der Nase, die uns das vorspielt, was wir hören wollen. Platz für Kritik ist da immer weniger, es sei denn sie kommt aus großen Medienhäusern, die entweder richtig viele Follower haben oder eben doch Kohle auf ihre Posts packen, damit sie gesehen werden.

Gehen wir zurück zum beliebigen Modeblogger. Über Tools wie similarweb lassen sich die Zugriffe auf Webseiten nachvollziehen. Das beliebige Modeblog wird dann mit Sicherheit ein zehntel der Zugriffe, wenn nicht sogar weniger, auf dem Blog haben, im Vergleich zu den Followern auf Instagram. Das ist per se nicht schlimm, denn sind wir mal ehrlich: beliebige Modeblogs sind nicht unbedingt die hellsten Sterne am Texthimmel. Wer liest schon gerne Sätze wie “Ich habe mich heute mal wieder an diesem schönen Tag mit meiner Lieblingsjeans in dieses super tolle Café gesetzt und was soll ich sagen? Es war einfach wunderschön.” Next. Mach halt einen Instagram-Post, wenn du so verdammt #blessed bist.

Wer ist dann schuld? Eigentlich wir selbst, davon kann ich mich nicht ausnehmen. Die Tools, die wir nutzen, machen uns das Leben zwar einfacher, aber sie sind keine so große Hürde. Wir können uns selbst wieder angewöhnen, die Blogs, die wir mögen, regelmäßig zu checken. Wir können einer Page so folgen, so dass sie uns als erste angezeigt wird (Facebook erklärt das hier). Es braucht ein bisschen Mühe, um uns, oder wenn’s nicht anders geht, den Newsfeed neu zu erziehen. Ich glaube aber nicht, dass Blogs tot sind. Im Gegenteil: ich glaube das Blogs durchaus noch immer die Kraft haben, neue Meinungen und andere Perspektiven in unser Leben zu bringen. Wir müssen sie nur lesen.

Nur Modeblogs nicht, die sind wirklich tot – aber auf Instagram auch einfach besser aufgehoben.

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