Eine Ballade für Außenseiter

Moonlight erzählt in einem wunderschönen Ton die Geschichte von Chiron. Die Erzählung erstreckt sich, wie ein fragmentierter Bildungsroman, über drei Lebensabschnitte hinweg. Kindheit – Cut – Jugendlicher – Cut – junger Erwachsener. Intensive Bilder wechseln sich mit intelligenten Dialogen so ab, dass weder die Bildsprache noch der Text zu schwulstig werden. Die Erzähleinheiten sind so aufgebaut, dass wir einen Einblick in das Leben von Chiron bekommen, an wichtigen Lebensereignissen teilhaben, ihn kennenlernen. Zugleich sind die Sprünge so groß, dass Leerstellen entstehen. Wir füllen sie als Zuschauer mit unserer Imagination: Was ist aus dem jugendlichen Chiron geworden, wenn er als Erwachsener Grills trägt und Drogen vertickt? Welche Klischees sehen wir in seiner erwachsenen Inkarnation erfüllt? Weiter gedacht: Welche Trugschlüsse machten wir, wenn wir ihn nur so kennen würden? Moonlight gibt seinen Charakteren tiefe, indem der Film sie vulnerabel macht. Jede einzelne Figur wird irgendwann verletzlich, egal wie tough sie ist. Jede Figur wird sympathisch, weil sie fehlbar und zugleich liebenswert ist.

Das ist viel für einen Film, der einen schwulen Protagonisten schwarzer Hautfarbe aus armen Verhältnissen hat. Diese Themenlage bietet sich für einen Spannungsbogen an, der sich radikal auf soziale Kritik beschränken könnte. So viel Stoff, der sich durcherzählen lässt. So viel Potenzial für Wut, so viel Potenzial für Kritik. Sexualität, Rasse und Klasse: in diesem Dreieck könnte der Film eine ganze Gesellschaft, eine ganze Zivilisation auseinander nehmen und den Spiegel auf Leinwand vorhalten. Aber Moonlight entscheidet sich dagegen, genau das zu tun: stattdessen ist Moonlight eine poetische Ballade auf die Liebe. Natürlich spielt Gewalt eine Rolle, aber sie ist immer das Traumatisierende. Gewalt in der Kindheit von der Mutter, die durch ihre pure Ablehnung zum Aggressor wird. Homophobie in der Schule von Mitschülern, die Chiron ausgrenzen. Sie alle machen Chiron zu der Person, die er am Ende des Films sein wird.

Die Hauptfiguren von Moonlight sind neben Chiron seine Mutter Paula, die von Crack gepeitscht durch das Leben geht. Ihre Stimmungsschwankungen geben dem jungen Chiron keinen Halt. Schlimmer noch: ihre Aggressionen und ihre Gleichgültigkeit misshandeln den schüchternen Jungen, ihre Scham über seine Schwäche frisst ihn auf. Der einzige, der Chiron Schutz bietet, ist der Dealer Juan. Er nimmt sich Chiron an, seine Freundin Teresa wird zur Ersatzmutterfigur, die Wohnung der beiden zum einzigen Rückzugsort für den Jungen. Die andere Figur, die Chirons Leben entscheidend prägt, ist Kevin. Sein Kumpel hat es leichter als Chiron, er wird nicht gemobbt – schlimmer noch, er wird dazu aufgefordert Chiron zu schlagen, um seine Männlichkeit zu beweisen. Kevin ist keines der ganz coolen Kinder, aber auch nicht so unbebliebt wie Chiron. Er provoziert nicht, aber spielt den Regeln der Kindheit entsprechend mit. So werden die Figuren zum Spielball in einer Welt, in der sie eigentlich wenig Entscheidungsfreiheiten haben.

Das ist die Ausgangslage für das Leben von Chiron. Moonlight buchstabiert es vor uns aus. Die schwierige Kindheit eines schüchternen Jungen, der sein erstes Mal stoned am Strand erleben soll. Die ersten beiden Teile bereiten darauf vor, wo der dritte Teil uns erwischen wird. Kein Mensch wird zu der Person die er ist, weil er sich dazu entschieden hat. Wir sind alle getrieben von unseren Sehnsüchten und Ängsten, von unseren Traumata und Intimitäten. Die Stärke des Films liegt aber auch darin, dass seine Figuren verzeihen können. Der erwachsene Chiron wird seine Mutter konfrontieren, sie werden sich streiten, sie wird in einer Entzugsklinik bleiben wollen, aber sie werden einander auch wieder in die Augen schauen können und sich versöhnen. Der Film bleibt ambig, er löst nie auf, macht immer Komplex und reduziert sich manchmal genau dieser Ambiguität willen auf nicht mehr als einen langsam gefilmten Headshot, um uns in eine Stimmung zu holen, die er mit Worten nicht erzählen könnte.

Was ist aus Chiron geworden? fragt Kevin ihn, als sie sich nach über zehn Jahren wieder sehen. Wer ist er geworden? Wo ist die Person, in die Kevin sich als Teenager verliebt hat? Mit dieser Frage nimmt Kevin ohne Aggression, eine ganze Welt auseinander, in der ein schwarzer Mann sich in einen anderen schwarzen Mann verlieben kann, ohne mehr als ihre Menschlichkeit Thema sein muss – mit allem was dazu gehört, eben auch ihre Klasse, ihre Rasse und ihre Sexualität. Moonlight ist eine Ballade für Außenseiter, der wir alle zuhören sollten, denn sie ist so schön erzählt, dass jeder weinen muss.

 

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