Wiedergänger aus dem Telefonbuch

So aus astrologischer heißt es der Vollmond sei eher eine Zeit der Einkehr und Besinnung. Weil der Mond voll ist, sind auch die Emotionen voll. Kein Platz für Neues. Ziemlich volle Bude, im Kopf und im Herzen. Die einen schlafen schlecht, die anderen haben das Gefühl alles ist emotional intensiver als sonst so im Monat. Keine gute Zeit für neue Menschen, besser gesagt: kein guter Tag für ein Date. Trifft sich also gut, dass heute, zum Vollmond, das Datenvolumen meines Handys komplett aufgebraucht ist und ich noch nichtmal mehr, wie O2 das so liebevoll nennt, einen Datensnack dazu bestellen kann. Mein Datenvolumen ist voll, voller geht’s nicht. Jetzt darf ich bis zum Neumond nur noch mit gedrosselter Geschwindigkeit surfen. Das zwingt mich zu einer besonderen Form der Einkehr. Kerzen und Bücher, Putzen und Kochen, Denken und Schreiben – alles, was keine Daten verbraucht.

Mit der ersten Erkältung des Jahres im Bett kommt die Versuchung schnell auf, dann halt doch eine Dating App runterzuladen. Der Vorsatz fürs neue Jahr war aber: keine Dating Apps mehr. Und auch nicht mehr Rauchen: Eine andere Beschäftigung, die zwar kein Datenvolumen aufbraucht, aber auf lange Sicht leider das Volumen meiner Lunge verschmälert. Das mit dem Rauchen hat eindeutig gesundheitliche Gründe (Asthma) – das mit den Dating-Apps kann ich mir ja nochmal in ein paar Monaten überlegen (Rebound). Gegen beides soll Yoga helfen (Die 5 besten Yoga-Übungen gegen gebrochene Herzen und für offenere Bronchien – anyone?). Ohne Datenvolumen und ohne Kippchen bin ich jetzt diesem Vollmond ausgeliefert. Ich kann mich nicht ablenken, zumindest mit nichts, was lange lädt.

Trotzdem hab ich mein Handy in der Hand. Weil das Internet meine Aufmerksamkeitsspanne ruiniert hat. Weil ich gerade nicht anders kann. Weil ich gerne Tinder herunterladen will. Weil das Buch, das ich gerade lese, mich nur in Maßen fesselt. Meditiert habe ich auch schon. Nutella mit dem Löffel gegessen habe ich auch schon. Was soll denn jetzt bitte noch passieren? Ich gehe auf What’s App. Ich scrolle runter. Ich archiviere die Chatverläufe mit Menschen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe, haben will, haben werde. Die meine letzte Nachricht nicht gelesen haben, deren letzte Nachricht ich nicht nochmal lesen will. Ich weiß nicht, wo die App ihr Archiv hat, aber es fühlt sich gerade besser an als löschen. Das wäre so endgültig. Das digitale Gedächtnis – es hat doch ohnehin keinen Ort. Hauptsache man weiß, wo man etwas findet, wie man etwas findet. Den Inhalt selbst kann man dann bei belieben neu aufsuchen, wie ein Pilger, der sich extra Urlaub nimmt, um mal zu pilgern. 

In den Untiefen meiner Chatverläufe, da, wo ich lange nicht war. Da wo mein Bewusstsei nicht hinscrollt.  Hier unten mit Menschen und meinem Kontakt zu ihnen, an die ich lange nicht gedacht habe (oder mit Nummern, die Freunde nicht mehr nutzen) – dort tun sich ganz plötzlich kleine Geschichten auf. Kleine Geschichten, an die ich lange nicht gedacht habe. Geschichten, die ich vergessen habe, verpackt in Chatverläufen, die ungefähr so gehen: 

„Hey, this is G. from Tinder. I feel like hooking up with you! Where are you tonight?“
„Working in a bar. Come around for a beer, if you fancy. I like how you feel.“ 

„How is the party?“
„Come come come it’s great! Kisses“ 

„Hej, ich geh jetzt los. Kommt ihr nach?“
„Sind auf dem Weg, bis gleich Schatz.“

Ich weiß nicht, ob G. jemals in der Bar aufgetaucht ist. Ich weiß nicht, wer mich da Schatz genannt. Ich weiß nicht, wie gut die Party wirklich war. Ich weiß auch nicht, wieso ich diese Erinnerungen nicht mehr parat habe, warum sie nicht Teil meines aktuellen Narrativs über mich selbst sind. Warum ich diese Geschichten nicht bei ersten Dates erzähle. Ich weiß aber sehr genau, dass mein Leben so viel komplexer ist, als das, was ich erinnere. Diese Erfahrungen sind da und scheinbar waren sie schön und scheinbar wollten Männer mich in Bars besuchen, in denen ich gearbeitet habe. Scheinbar haben mir jetzt nicht mehr namentlich bekannte Menschen Küsse geschickt, bevor sie auf eine Party kamen. Scheinbar waren Menschen, von denen ich nicht weiß, wo auf der Welt sie gerade sind, wieder mal in Berlin und wollten mich sehen. 

Und dann wird mir klar: ich will doch nur Tinder, weil ich mich gerade einsam fühle. Weil ich mit jemandem reden, aber auch keinen meiner Freunde anrufen will. Weil ich mein Bedürfnis nach Zeit mit mir und fürs Gesundwerden schwer mit meinem Drang nach sozialen Kontakten verbinden kann. Weil ich Bock auf Flirten habe, weil das eine Form der Anerkennung ist, die kurzfristig immer geht. Weil das Buch, das ich gerade lese, so viel spannender ist, als mein eigenes Leben. Ich könnte gar nicht auf ein Bier raus, selbst wenn ich wollte. Erkältung und so. Aber jetzt, nachdem ich meinen Chatverlauf durchgeschaut habe, fühle ich mich so viel reicher, als nach jedem belanglosen Match. Diese alten Konversationen sind wie eine Flaschenpost, aus einer Zeit, die ich nicht im Detail, aber im Gefühl erinnere. Ich erinnere mich an das Jahr, die Zeit, die Umgebung, das Lebensgefühl. Und das gibt mir eine Form der Selbstvergewisserung, die tiefer geht, als jeder oberflächliche Kontakt. Diese alten Chats geben dem Leben selbst eine Tiefe. Sie erzählen von Affären, von Freunden, von Bekannten. Von zwischenmenschlichen Kontakten, von guten Zeiten, von schlechten Zeiten. Diese Chats sehen in mein Herz – durch Liebe, durch Schmerz, durch feiern, durch essen, durch knutschen, durch ficken. Sie erzählen Geschichten, die mich bewegen. Sie erzählen Geschichten, die nur für mich bestimmt sind, die nur ich dechiffrieren kann, die nur ich erahnen kann.

 Diese Geschichten sind nicht immer schön, aber sie sind zumindest lange genug her, um mich nur noch zum Lächeln zu bringen. Das klingt vielleicht sentimental, aber ey: scroll mal ganz runter. Scroll mal durch deinen Chatverlauf. Schau dir die alten Selfies an, die alten Nacktbilder, die Liebesschwüre und Kosenamen, die Verabredungen und Absagen, die besoffenen Tippfehler und sehnsuchtsvollen Urlaubsgrüße und sag mir dann, dass du nicht sentimental wirst. Wir konstruieren uns über unsere Geschichte und die ändert sich von Tag zu Tag, immer nur die Spitze des Eisbergs, aber schön so tun, als erinnerte man sich an alles, was jemals passiert ist. Aber das Handy, mit seinem Chatverlauf, es speichert einfach, was passiert. Das Bewusstsein dagegen selektiert. Sich das ohne Wertung, ohne Selektion, ohne Filter gespeicherte wieder ins Bewusstsein zu rufen, braucht einen Abend wie heute. Voller Mond, volles Herz, volle Sentimentalität. Eben kein Abend für neue Erfahrungen – aber ein Abend, um in alten zu Schwelgen. Volle Bandbreite Gefühle, und das bei gedrosselter Internetverbindung.

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