Und alle so: igitt, Männerfüße.

Ist die globale Erwärmung vielleicht eine Erfindung von Birkenstock? Oder eine Marketingmaßnahme von Teva? Jedenfalls hat sich in den Jahren, in denen jeder Monat der durchschnittlich wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen war, ein Trend abgezeichnet. Männer “dürfen” jetzt, ohne von der Stilpolizei angemacht zu werden, offene Schuhe tragen. Offene Schuhe schließen ein: Flipflops, Birkenstock, Sandalen. Damit meine ich nicht solche Modebegriffe wie “Mandals” (zu Deutsch wären das “Manndalen”, Sandalen für Männer) oder den “Mankle” (der männliche Knöchel, das englische Portmaneteau aus  ‘man’ + ‘ankle’). Das sind Produkte gelangweilter Modejournalisten, die versuchen neue Erscheinungen durch intelligent daherkommende Begriffe zu klassifizieren. Über den Wortwitz geht’s dann leider nicht hinaus.

Angefangen hat es mit dem Mankle vor nichtmal zehn Jahren. Plötzlich war es in jede Art von Schuh ohne (sichtbare) Socken zu tragen. Eine Revolution im Kleinen, deren lautester Vertreter Thom Browne war. Der New Yorker Designer ging in Lederschuhen und leichten Hochwasser im Anzug vor die Kameras und ein Skandal war geboren. Who cares? Die Medien und die Leute, denn seit dem gibt es zwei Fronten: die Straße und die Medien. Die Straße hat den Trend aufgenommen, die (klassischen) Medien hadern noch damit. Der Knöchel ist zum Standardanblick in Online-Shops und auf Modeblogs geworden. Und dann kamen die Manndalen (es liest sich einfach so geil) dazu. Erst “Römersandalen”, die aussehen, als würde man sich auf eine Xena-Convention vorbereiten oder auf eine Fetisch-Party mit antikem Motto gehen. Dann einfache Ledersandalen, nix mehr mit Römer-Fetisch. Dann Birkenstock, die verschrienen Hippie-Schuhe. Dann Teva, die Trekkingsandalen. 2016 sind offene Schuhe für Männer kein Thema mehr, zumindest wenn man durch eine Großstadt läuft.

Und man denkt sich so: Alter, es ist warm. Offene Schuhe sind für Frauen total in Ordnung, nur Männer müssen sich in geschlossenes Schuhwerk quetschen. Bestenfalls noch ein paar Canvas-Sneaker, aber auch die sind bei über 30 Grad durchgeschwitzt Warum? Sie müssten nicht, aber sie wollen es auch nicht anders. Witzig ist, dass es meistens weibliche Kommentatoren in den Medien sind, die sich dazu erheben Männer zu sagen, warum sie keine Sandalen tragen dürfen. Das Totschlagargument ist: Männerfüße sind eklig. Das stimmt nicht selten. Fußpflege ist aber eine Frage der persönlichen Hygiene, und nicht des Geschlechts. Fußpilz kann jeden Treffen

Die Biologie hat es auch nicht so klar getrennt, wie wir das gerne hätten. Haarige Zehen gibt es auch – oha – bei Frauen, genauso wie Frauen Achselhaare haben und sogar Haare auf den Armen. Da Haarigkeit aber männlich codiert ist, muss weiblich gleich glatt sein. Dazu kommt die hohe ästhetische Erwartung an das eigene Erscheinungsbild, bei allen, die ihre Füße zeigen wollen. Pediküre zu Hause reicht da nicht, es muss eine hornhautbefreite, perfekt getrimmte, haarlose Zone sein, die nicht von zu engen Schuhen verkrüppelt wurde. Nur: das gibt es leider nicht. Wir haben alle verkrüppelte Füße. Weil, bis auf die offenen Schuhe, die meisten Schuhe zu eng sind. Wir haben alle – tender to all gender – Füße, die unseren Umgang mit ihnen abbilden. Nur das Männer in der Regel keinen Nagellack zur optischen Aufwertung draufpinseln wollen.

Ja, es ist scheiße, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an die Normiertheit eines weiblich lesbaren Körpers viel höher ist. Richtig scheiße sogar. Aber warum befähigt das Journalisten dazu Männer in offenen Schuhen systematisch zu hassen? Oh, ist die Sandale jetzt wieder da oder nicht? Sind Männer dazu in der Lage ihre Füße zu zeigen, oder nicht? Niemand will das sehen! Kurz durchatmen. Wenn es kein Nagelpilz ist, der in Behandlung gehört, und die Grundregeln der Hygiene befolgt werden, sollte sich niemand für seinen Körper schämen. Weder hobbtifüßige Menschen, noch latent zehenbeflaumte Menschen, oder andere Kombinationen von Haare, Füßen und Zehen und Gender. Who cares, ganz ehrlich.

Die Gesellschaft interessiert sich dafür, weil sich an dieser Diskussion etwas ganz perfides ablesen lässt: Männlichkeit geht mit geschlossenen Schuhen und Socken einher. Der Mann zeigt keine Haut, das ist den Frauen vorbehalten, die auch unkommentiert in kälteren Jahreszeiten Haut um den Knöchel zeigen dürfen. Das Unbehagen um den Mankle hat das klar verdeutlicht. Die sanfte Rebellion der entblößten Knöchel suchte sich ihre Bühne in Kombination mit hoch maskuliin lesbaren Outfits. Der Lederschuh, Derby oder Oxford, der Inbegriff des männlich codierten, und damit machtbehafteten, Schuhs in Kombination mit weiblich codierter Haut war ein so großer Fauxpas, gerade, weil hier die Matrix der heteronormativen Welt aufgedeckt wurde. Witzig, oder? Dass ein paar entblößte Knöchel so viel Scham und Wut auslösen.

Die Sandale und ihr Einzug in die Mode befreit uns alle ideologisch. Sie nimmt der Codierung von binären Geschlechtercodes etwas weg, das sich als Essentiell enttarnt, weil die Feuilletons und Modeteile dieses Internets sich so darüber streiten. Eine Diskussion, übrigens, die vor allem in Ländern geführt wird, die zu den führenden Industriestaaten gehören. In wärmeren Kontexten ist das Tragen von offenen Schuhen einfach kein Thema. Das zahlt auf mein Argument ein: der (sich selbst als herrschend fantasierende) Mann will sich aus Angst vor Machtverlust nicht entblößen. Frauen und Menschen außerhalb des Zentrums machen das, die Peripherie der Macht ist nackt, so ne Barbaren. Und während er Angst vor Abstieg, Entmachung, Zuwanderung, Arbeitsplatzverlust und Kastration hat, hängen die Eliten in ihren Sandalen auf den Yachten rum.

Zeigt her eure haarigen Zehen, es ist Sommer.

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