Von außen betrachtet: anderer Mädchen Beziehungen.

Ist es anmaßend die Beziehung von anderen Menschen zu beurteilen? Das kommt wohl auf die soziale Distanz an. Je weiter jemand von mir entfernt ist, desto weniger habe ich das Recht die Beziehung dieser Person zu beurteilen. Aber je näher mir jemand steht: dann hat eine Partnerschaft auch Auswirkungen auf mich. Das klingt egoistisch. Anders formuliert: hat eine Partnerschaft nicht auch eine Komponente von sozialer Verantwortung? Sollen sich beide Partner an die Nase fassen und fragen: wie gut sind wir für andere? Vielleicht zu viel verlangt.

Dennoch, eine Partnerschaft ist nicht nur eine Angelegenheit von zwei (oder mehr) Menschen und ihre Beziehung zu einander. Zumindest sehen gute Freunde, wer zusammen passt. Sie haben (intuitiv) eine Meinung über den Partner und über die Harmonie zwischen zwei Menschen. Solange keine persönlichen Befindlichkeiten, Neid oder Eifersucht, oder anderer Ego-Schrott mit reinspielen und die Sicht klar ist, wissen Freunde am Ende doch immer besser, wer zu einem passt. Und wer will schon am Ende einer Beziehung den Satz hören: Na, jetzt wo ihr getrennt seid, will ich mal ehrlich sein… Oder die Meinung von außen ist einfach anmaßend und unangemessen. Das hängt wohl auch immer vom aktuellen Status der Beziehung ab.

Um ehrlich zu sein: ich glaube viele Frauen, starke Frauen, interessante Frauen, tolle Frauen, haben offensichtlich ein Problem bei der Partnersuche. Ich sage das voller Liebe, Befreit von Ego-Schrott und mit dem Risiko im Blick gluckenhaft zu klingen. Aber da stimmt was nicht. Wende ich die oben aufgestellte Formel an (soziale Distanz in Relation zur Meinungsbildung über eine Beziehung), dann kann ich hin und her zoomen, aber wenn eine Frau interessant und selbstbewusst ist, kann sie scheinbar nur einen Blumenkohl-Freund haben. Einen Gemüse-Freund. Der Gemüse-Freund ist nett, er lächelt, aber ist eben nur das: ein Gemüse-Freund.

Der Gemüse-Freund sieht nicht unglaublich gut aus, was er auch nicht muss. Aber ist er ist immer ein bisschen in einer anderen Liga, was ihn sympathisch macht. Die heterosexuellen Männer aus der gleichen Liga (um den Lookismus ganz auszuspielen) sind nämlich meistens Kotzbrocken, von daher ist die Sache mit der Liga leider kein guter Parameter und gehört eigentlich abgeschafft. Aber die Frau des Gemüse-Boys ist immer ein bisschen hübscher, wahrscheinlich auch intelligenter und vor allem sozial kompetenter.

Der Gemüse-Boy kommt mit, aber er ist dann meistens dabei. Er spricht nicht so viel und wenn, dann hört man ihm sehr aufmerksam zu. Der Gemüse-Freund, er ist ein zartes Gemüse, das keinen Sarkasmus versteht und popkulturelle Referenzen gekonnt ignoriert. Er ist niemand, dem man ein Gif auf die Facebook-Wall posten würde. Überhaupt: man interagiert nicht mit ihm. Er ist einfach da. Und immerzu stellt sich die Frage: warum? Warum gerade er?

Die Alternative zum Gemüse-Freund ist der Vollpfosten. Der Vollpfosten sieht auf den ersten Blick ein bisschen besser aus (aber das ändert sich im Rückblick). Der Vollpfosten hat ein prächtiges Federkleid, kommt viel flamboyanter rüber und kann auch mal ein cooles Gif posten. Er ist charmant, expressiv und überhaupt: den will man besser kennenlernen. Er ist immer dabei, obwohl offiziell ist das ja noch nix festes. Mit dem Vollpfosten lebt die Frau in wilder Ehe, die von allen geduldet wird. Diese Wildheit trägt zu seinem Charme bei und als schwuler Mann freut man sich über den lockeren Umgang mit sexuellen und romantischen Bindungen der heterosexuellen Freunde. Genau, lockert euch auf, bindet euch nicht. Alles nicht so eng sehen. Endlich mal! Und dann taucht er auf der nächsten Party mit einer anderen auf. Oder am Flughafen. Oder… so locker ist das Locksein dann am Ende doch nicht. Der Vollpfosten wiederum würde so ein Verhalten niemals tolerieren, er stellt Besitzansprüche. Der Vollpfosten lebt in einem neoliberalen Patriarchat, bei dem die Frauen Humankapital sind, das er anhäuft. Das Kapital hat eine Subjekt-Komponente, er nennt sich vielleicht sogar feministisch und macht einen #aufschrei mit. Sexismus findet er furchtbar, er hat sogar einen Geschichte zu erzählen, in der er einen Kumpel zurecht gewiesen hat. Alles in allem ist er einer von den Guten – oder sieht sich als solcher.

Aber eben ein Vollpfosten. Unfähig zu geben, was er verlangt. Immer in der Hauptrolle. Solange er Aufmerksamkeit bekommt, bleibt er. Setzt aber die Gewöhnung ein, flattert er weiter. Der olle Paradiesvogel mit dem bunten Gefieder ist dazu in der Lage giftige Pheromone zu versprühen, die es erschweren, ihn zu vergessen. Sein Charme ist schwer zu besiegen, aber entweder man liebt oder hasst ihn. Der Vollpfosten wirkt zwar wie eine wunderschöne Blume, aber sobald er verblüht ist, bleibt nicht mehr viel von seiner Schönheit über als verrottender Biomüll.

Das Gemüse dagegen, schmucklos wie es ist, muss nicht immer die Hauptrolle spielen. Es genügt sich und seinem Bier. Das Schweigen darf man nicht als Schnippigkeit missverstehen. Er drückt seine Meinung auch nicht mit großen Gesten aus, er hält sie auch gerne mal hinterm Berg. Stille Wasser beweisen ihren Tiefe, denn großartige Versprechen und halbgare Pläne für die nächsten Wochenenden im laufenden Quartal macht das Gemüse nicht. Im Gegensatz zum Vollpfosten ist das Gemüse nicht auf die Blicke und die Liebe der anderen angewiesen. Was vielleicht kalt wirkt, ist, erinnert man sich an den Vollpfosten, viel angenehmer als dieses überschwängliche Gefasel.

Dem Vollpfosten zeugt man als Freund am Anfang vielleicht noch Sympathie, aber irgendwann verspielt er sie. Dann muss man mit der Freundin die Wunden lecken und desinfizieren und den Gestank der paradiesischen Versprechen aus der Bettwäsche rausschrubben. Dem Gemüse tut man aber schnell unrecht: es erweist sich als winterhart. Es verspricht nicht viel, hält die Beziehung irgendwo privat, sperrt sich geben die invasive, alles bewertende Freundscha,ft, aber vielleicht gehört sie genau da hin und die Beziehung woanders.

Zwar wünsche ich mir für manche Frauen einen Partner, der mehr Aufregung bringt, der interessanter ist und irgendwie besser passt. Aber dann denke ich an den Vollpfosten und verstehe, das ich mich nicht einmischen sollte. Hauptsache ihr seid glücklich. Je länger man das Gemüse kennt, desto mehr schließt man es ins Herz. Ein fader Nachgeschmack aber bleibt: warum schafft es diese Gesellschaft kaum, heterosexuelle Paare hervorzubringen, die auf einer Ebene sind? Denn wenn weder Vollpfosten noch Gemüse interessant sind, dann wenden sich Frauen den Frauen zu. Und das finde ich im Sinne der homosexuellen Propaganda mehr als begrüßenswert.

Bild: Screenshot, The Raspberry Reich.

Leave a Reply