Weihnachtsansprüche

Wären die U-Bahnen nicht leerer, der Netto nicht zur Stoßzeit stoßfrei und die Tage nicht ein kleines bisschen länger: dass schon Weihnachten ist, wäre mir gar nicht aufgefallen. Das Wetter säuselt Frühling und die Marienkäfer schlüpfen aus den Altbaufenstern. Angeblich kann man sogar das Gras noch mähen, weil es Chlorophyll produziert. Die Pflanzenwelt checkt nicht, dass der Winter kalendarisch da ist, weil die erstmal richtig durchfrieren müssen. Ich will auch gerne mal richtig durchfrieren. Den Atem sehen. Das gibt einem das Gefühl, dass man trotz der feindlichen Kälte noch am Leben ist. Die Welt ist zu freundlich. Besinnlichkeit: braucht keiner.

Trotzdem schicken jetzt alle ganz plötzlich Weihnachtsgrüße und reagieren sofort auf Antworten. Da sitzt wohl jemand bei den lieben Eltern und hat lieber das Handy in der Hand. Eine dieser aus dem Internet geklauten Statistiken besagt, dass Menschen im Durchschnitt vier Jahre ihres Lebens auf einen Smartphone-Bildschirm starren. Wie viel Zeit davon zu Weihnachten zu rechnen ist? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Jedenfalls waren heute bei DM die Domino-Steine runtergesetzt, 50% Rabatt, weil die nach Weihnachten eh keiner mehr kaufen will. Auch das ist Weihnachten: Schokolade billiger kaufen können. Sonst fällt der Konsumverzicht aber von Jahr zu Jahr leichter. Anstatt zwanghaft was zu verschenken, der Deal mit sich selbst: wenn man wirklich was findet, das zu einer bestimmten (lieben) Person passen könnte – einfach mitnehmen. Einfach mal ein Geschenk machen. Das wär’s doch. Dieses Weihnachten – braucht das überhaupt noch jemand? Wer feiert das denn noch?

Ok, ganz ehrlich: die Sache mit der Ente ist schon was besonderes. Wann kommt man schon mit einem Haufen Freunde zusammen und mariniert ein totes Tier für 24 Stunden? Das ganze Weihnachtsding, wenn man den Konsum weglässt und die Familie entkernt, gehört zu den wenigen Anlässen unserer Gesellschaft, zu denen wir zusammen und zur Ruhe kommen. Der Konsum ist dann mal ab 14.00 Uhr auf Stand-By gestellt, zumindest in der materiellen Welt sind die Geschäfte zu. Man besinnt sich auf die Menschen, die wichtig sind. Und: wer jetzt noch in Berlin ist, der hat einen guten Grund dazu. Einsame Herzen? Verlorene Seelen? Von wegen: es findet sich immer eine Bar, es findet sich immer eine temporäre Gemeinschaft, es findet sich an jeder Ecke ein bisschen mehr Liebe und Nachsicht.

Irgendwie kann ich nicht glauben, dass im Jahr 2015 noch immer existiert. Es kommt mir so antiquiert vor, wie ein Ritual aus einer archaischen Zeit. Aber genauso wenig will ich diese Pause vom Alltag missen, denn egal ob mit Blutsverwandten oder Bierfreunden, mit Ente oder Sushi, im Rausch oder im Streit – hauptsache es ist nochmal Weihnachten. Wer weiß, wie lange wir das noch feiern. Und: vielleicht sollte einfach mal öfter Weihnachten sein. Die Sache mit dem Schnee scheint ja ohnehin vorbei zu sein.

Frohe Weihnachten euch.

 

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