Queere Poesie. Der Aufstand der Zeichen.

 

Mittlerweile ist queere Kulturproduktion, zumindest in Großstädten, definitiv in Berlin, ihre eigene Art von Pop geworden. Queer verkommt dann zu nicht mehr als einem Marketinglabel. Ausgestellt für Kulturproduktion, die irgendwie halt nicht heteronormativ ist. Auch wenn kulturelle Produktion entlohnt werden muss, weil sie Arbeit ist – muss sie gleich ihre Widerständigkeit aufgeben?

Lyrik ist kein Feld, von dem man weder Marketing oder schnelles Geld erwarten darf. Zum Leidwesen der Autoren, wohl, aber genau deswegen ist queere Lyrik im Idealfall am Schnittpunkt zweier Risse in der Welt. Da ist zum einen „queer“, der Sammelbegriff für das den Gender-normen Widerstehende, Subversivität schlechthin, aber zugleich auch eine gechannelte Form des Leidens. Und auf der anderen Seite die Poesie, das heißt ein verspielter Umgang mit Worten und damit ein anderer Zugang zur Welt, als ihn der prosaische Blick vorgibt. Poesie streut keine Erkenntnisse, sie fordert heraus, genauso wie queer das mit unseren Vorstellungen von Geschlechtlichkeiten tut. Auch Poesie kann man als eine gechannelte Form des Leidens sehen und genau wie queer: beide gehen in den Widerstand über. Queer sein, wenn man es ontologisch ummünzt, ist also widerständig sein. Poesie ist wünschenswerterweise auch Widerstand: gegen Sprache, gegen ihre Systeme, gegen ihren Sinn und ihre Deutungsmuster. Queer und Poesie: beide eröffnen Möglichkeitsräume eines anderen Denkens und eines anderen Lebens.

Was ist dann also queere Lyrik, wenn die beiden so viel gemein haben? Ist Poesie damit sofort queer, sind die beiden Wörter deckungsgleich? Die Spannung zwischen der Identiätskategorie, die keine sein will (und darf) und der Gattung, liegt in ihren verschieden gelagerten diskursiven Feldern. Der eine Gattung in der Literatur und damit Kunst, der andere ein politischer Kampfbegriff, der zur Identiätszuschreibung wurde, haben beide ihren Anteil am Widerstand für sich beansprucht. Sie können sich auch in die Haare kriegen. Nutzt man queer als Verb, macht daraus queering, kann daraus ein Missverständnis erwachsen. Queer wird dann damit auf den Widerstand reduziert und jede Form des Widerstands wird damit queer. Das kritische Potenzial eingetauscht für Beliebigkeit. Queerer Widerstand aber ist der Widerstand gegen Geschlechternormen, gegen sexuelle Regime, gegen Körperpolitiken der Unterdrückung. Obwohl das in die Grundsätze unseres gesellschaftlichen Systems eingreift, gibt es einen Widerstand queerer Färbung. Die erlebte Diskriminierung der Personen, die queer für sich vereinnahmen, steigert sich zum politischen Auftrag. Die Realität einer nicht normativen Gefühlswelt, das schlichtweg „andere“ Begehren in Relation zum strikten Mann liebt / Frau / liebt Mann, setzt die Grundlage für eine andere Perspektive auf die Zwänge der Welt, erzeugt ein anderes Wahrnehmen, gebiert andere Texte.

„how the presence of this boy named victor calls for hugging and

stroking and moaning, or for singing about his ass that

has nothing disingenuous about it

(Rafael Mantovani, victor’s bigger room)

Jetzt macht ein queerer Autor noch keinen queeren Text – oder doch? Kann ein nicht-queerer Autor einen queeren Text schreiben? Oder wird ein nicht-queerer Autor zum queeren Autoren, wenn er einen queeren Text schreibt – weil wir den Autor ohnehin über Board werfen sollten. Diese Frage stellt sich der Herausgeber des Bands „Queerlyrik“* und akzeptiert für die Anthologie queerer Gedichte einfach jeden Text von Autoren, die für sich den Begriff queer vereinnahmen wollen. Basisdemokratisch und vereinfacht. Wir kommen also um den Autor nicht herum, denn wir brauchen ein Vehikel für die textgewordene Erfahrung. Wir sind auf einen Geist angewiesen, der die queere Erfahrung, wie auch immer diese dissidenterweise aussieht, einfach macht. Kurz gesagt: wir brauchen den Körper. Ohne den Körper kein Regime, ohne Regime keine Macht, ohne Macht kein Widerstand, ohne Widerstand keine queere Poesie.

Der Körper ist gerne in der queeren Lyrik anwesend, denn er ist Schauplatz queerer Subjektivität. Der eigene Körper als Schlachtfeld abgelehnter Normen ist genauso wichtig wie der Körper der anderen, der Körper der Begehrten. Das unaussprechliche Begehren, das Tabu, wird mit Lust durchbrochen, der Bruch selbst wird zum Gegen-Bruch, zur Heilung. Alle Projektionen sind jetzt möglich:

Saturn

has not circled the sun even

once

since you were a fertilized egg.

(Ricardo Domeneck, In which the poet celebrates his twenty-five-year-old lover)

Queer ist als Kampfbegriff noch nicht alt und es gibt eine ganze Kulturgeschichte von Liebeslyrik, die heteronormative Liebesbeziehung ausdichtet, verdichtet und zerdichtet. Aber was ist der neuen Liebe? Der dissidenten Liebe? Es gibt so viele Geschlechter wie noch nie, es gibt so viele Performances von Geschlecht wie noch nie. Die queere Lyrik ist dabei den Aufstand der Zeichen zu proben. Aber wenn beide versuchen einen Riss in der Welt zu heilen, dann können sie einander potenzieren. Queere Poesie darf sich aber auch nicht definieren lassen. Als die Texte lesbischer Cis-Frauen zum Beispiel, oder die Poesie von schwulen Trans-Männern. Sie muss immer ein Unbehagen vorbehalten, die Gefahr nie ganz erfasst zu sein, schwingt in dieser Dimension der Existenz mit. Es kann sich jederzeit eine Stimme erheben, die queer weiter ausdehnt. Queere Poesie schrammt damit immer knapp an der Kakophonie vorbei. Sie ist weder vorhersagbar, noch berechenbar. Sie eröffnet neue Deutungsräume für unsere eigenen Körper, auch wenn wir sie nicht als queere Körper lesen. In der Poesie haben sie alle Gewicht.

Dieses Gewicht macht queeres Sprechen in Form von lyrischen Texten dann auch wieder politisch: mit Walter Benjamin gesprochen können wir so die Politisierung der Ästhetik voran treiben. Der Text wird zum Vehikel queerer Körperpropaganda, zum künstlerischen Ausdruck und Aufruf in den Widerstand zu folgen. Gedichte werden zur Propaganda der Tat, die wie anarchistische Bomben einschlagen und andere zum mitmachen bewegen. Der utopische Raum, den die Poesie dem queeren Subjekt schenkt, kann nach belieben verwaltet werden. Die Regime werden ausgesetzt, das Begehren ist frei. Einer Meditation gleich, entsteht ein wertungsfreier Raum mit neuen Normen, die so schnell aufgebaut wie eingerissen sind. Die Poesie ist der Spielplatz für queere Utopien, die hier real sind und ausgehandelt werden können. Machen wir uns die Poetisierung der Welt zunutze.

Was kann queer der Poesie geben? Durch die Erotisierung, die lustvolle Betrachtung, im Gegensatz zu einer bürgerlichen, gelangweilten und langweiligen erkenntnisgeilen Poesie, kann auch alles, was nicht queere Poesie sein will, von Poesie lernen. Keine langweiligen Gedichte mehr vorgetragen im Tonfall eines Einser-Schülers.

But more than your body I covet your sleep.

The moment you go back to being the child whom you ordered yourself to leave.

(Maya Kuperman, Auszug aus Mothertongue)

Genau da will uns Lyrik haben. Im Traumgleichen zustand, der uns zu verwundbaren Kindern macht, ganz ohne Vorurtile. Und das macht diese Gattung so verdammt sexy.

 

*Queerlyrik. Herausgegeben von Alfred Büngen & Stefan Hölscher. Geest-Verlag, 2015.

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