Prokastinationsgelüste: Arbeitet eigentlich jemand?

Das Gras auf der anderen Seite ist ja immer grüner, aber ehrlich gesagt: die Sache mit dem Vollzeitarbeiten ist schon ziemlich anstrengend. Nicht, dass ich Arbeit grundsätzlich schlecht finde. Als Person des Wortes bin ich grundsätzlich getrieben und wenig befriedigt mich mehr als der Zen-Moment beim Tippen und grünen Tee nippen. Nur, das was man in die Tasten haut, das ist nicht immer sinnvoll, macht die Welt nicht zu einem besseren Ort und wird wahrscheinlich noch nicht mal gelesen. Idealismus bei Seite: die Realität der Arbeitswelt in Relation zur Realität der Realität ist eine Sache. Wenn man sich aber schon bei einem Unternehmen verdingt, dann ist die Leibeigenschaft, die mit der 40-Stunden-Woche (und mehr) einher geht, ein massiver Einschnitt in die Lebensqualität und -fähigkeit. Kaum noch Zeit für nichts. Ein Tagesverlauf der dem biologischen Rhythmus widerspricht. Den Arsch auf unergonomischen Sesseln wund sitzen und dabei die Kapseln der Finger durch das Klicken mit billigen Mäusen verschleißen. Wer es besser trifft, der sitzt in einem bequemen Sessel und hat eine angepasste Maus – aber warum mietet man überhaupt eine Wohnung, wenn man eh nie drin ist?

Kein Wunder also, dass die Meldung, Schweden würde jetzt einen 6-Stunden-Tag einführen bzw. ermöglichen, auf den sozialen Medien steil ging. Selbst die Leute, die mit ihren Überstunden zu glänzen versuchen, sprechen sich für kürzere Arbeitszeiten aus. Wenn man inklusive Arbeitsweg und Mittagspause knappe 10 Stunden mit Arbeit beschäftigt ist – wie soll man da konzentrierte Leistung bringen? Müßig zu erwähnen, dass das Internet voll von Artikeln ist, die darlegen, warum Überstunden nicht mehr Produktivität bedeuten, sondern weniger, weil niemand sich durchgehend tief auf eine Tätigkeit konzentrieren kann. Wahrscheinlich sollte ich aus SEO-Gründen jetzt auch noch Burn-Out, Burn-Out, Burn-Out schreiben – aber weder meine Texte, noch mein Leben, sollen SEO-optimiert werden. Das hieße sich dem Markt zu beugen. Dabei kann man das System auch von innen zum Verrotten bringen.

Eine Freundin, die schon länger im Corporate-Pool schwimmt und – wie wir alle – immer wieder nach draußen auf die Liegen der Freelancer schielt, fasste die Situation mit der Arbeit und der Zeit so zusammen: “An einem guten Tag findet man eine Menge an guter, neuer Musik. Man schreibt Mails an Freunde, die zwar in der gleichen Stadt wohnen, für die man aber leider keine Zeit hat und pflegt andere soziale Kontakte.” Hinzufügen könnte man: Online-Shopping (da spiegelt sich auch das Gehalt der Kollegen wieder, Pi mal Daumen), Rezepte hinzufügen, Yoga-Kurse finden, neuen Instagram-Accounts folgen, Restaurants suchen, den Urlaub planen, mit Google Maps durch die Welt Reisen und, wenn es ganz schlimm kommt, die verzweifelte Suche nach dem Ende des Facebook-Feeds (ein mystischer Ort, den noch niemand gesehen hat).  

Angeblich sind wir doch die Generation, die die Arbeitswelt umkrempelt – warum passiert so wenig? Warum dümpeln immer noch so viele in viel zu langen Arbeitszeiten herum und basteln an Playlisten, die besser sind als ein Boiler Room-Set? House-Klassiker hin oder her, wenn wir ohnehin nicht so lange Arbeiten können, wie wir sollen, warum wird die Arbeitszeit dann noch immer gemessen? Und nicht einfach der Gehalt der Arbeit, der Aufgaben, die, wenn erledigt, Raum machen für neue Tätigkeiten. Das Prokastinieren auf der Arbeit ist nämlich, im Vergleich zu den vielen Dingen, die man sonst anstellen könnte, weiterhin Computer-gebunden. Vor den Bildschirm gesperrt, um eine Farce aufrecht zu erhalten, an die nur noch der dümmste Vorgesetzte glaubt. Es gibt so viele sinnvollere Dinge, die ich mit meinem Körper anstellen könnte, auch wen Youtube noch immer unendlich viel gute Musik ausspuckt. Wie sehr die Arbeit unser Leben übernommen hat, dazu lässt sich Patrick Spät in einer Streitschrift aus.

Die 40-Stunden-Woche, als historisches Konstrukt, der 8-Stunden-Tag, als Erfindung des Fordschen Kapitalismus, die schlechten Ikea-Stühle: sie alle sind weder zeitgemäß noch gesund. Nicht jeder kann Freelancer sein – und muss. Hoffentlich erleben wir bald eine Revolution (der Arbeitswelt). So geht das doch nicht, oder?

Bild via flickr.

Comment (1)

  1. Hallo Kevin,
    da kann ich nur – ganz Mainstream – hinzufügen: Warum wohl wurde “The 4-hour Workweek” von Tim Ferriss zum Bestseller?
    Viel zu viele dieser 9/5 Bürger wünschen sich mehr Freiheiten, mehr Freizeit, mehr Freelancing. Und doch finden nur wenige den Mut auszubrechen aus der Tretmühle der Industrie, der Konzerne, der Globalisierung.
    Fast schon beschämend, dass auch ich mich hier nicht gänzlich ausschließen kann.
    Doch ist es die richtige Lösung, die Unternehmen in die Mangel zu nehmen? Sollte nicht jeder selbst handeln? Und dadurch die Unternehmen zum Handeln zwingen?
    Denn es soll ja tatsächlich Leute geben, die mit ihren Hintern auf pseudo-ergonomischen Stühlen ganz bequem sitzen und ganz zufrieden sind mit ihren Computern vor der Nase und ihrem Chef im Nacken.
    Nur mal so als Überlegung…
    Viele Grüße
    Felicitas

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