Der Exotismus unserer Nährwerte.

Wer sich bewusst ernähren möchte, der hat es nicht leicht. Die industrielle Nahrung nimmt einen Großteil der Supermarkt-Regale ein. Ihre Inhaltsstoffe sind schwer zu identifizieren und welche Antibiotika das Tier, dessen Teile da in Plastik in der Kühltheke liegen, zu sich nehmen musste, kann man schlecht nachvollziehen. Die Eier, die ein Bio-Siegel haben, können trotzdem von einem Hof stammen, der mehr einem Lager denn einem Bauernhof gleicht. Alles in allem: die industrielle Ernährung und der Neoliberalismus haben uns das Essen kräftig verdorben. Das profitorientierte Wirtschaften in der Nahrungsmittelindustrie geht am Ende auf unsere Kosten. Angeblich verdient die italienische Mafia sogar mittlerweile einen Haufen Geld mit gepanschtem Olivenöl – wer braucht da noch Drogen? Die sind ja sowieso nicht mehr Teil des Speiseplans.

Die Alternativen zur Industriepampe sind da. Wer sich auf dem Markt eindeckt, der braucht zum einen eine höhere Kaufkraft, zum anderen ist der Markt nicht so schnell verfügbar, wie der Supermarkt. Höhere Kaufkraft setzt auch der Großeinkauf im Biomarkt voraus. Sind wir also mal ehrlich: Bio ist eine Elitenveranstaltung. Überhaupt: der Zugang zu gutem Essen ist mittlerweile eine Elitenveransatltung. Und gut, das heißt nicht gehobene Küche, gut, das heißt lediglich: gesund. Wer also halbwegs gebildet ist und genug Dokumentationen für besorgte Konsumenten auf den Öffentlich-Rechtlichen gesehen hat (irgendwo muss die GEZ sich ja auszahlen), der weiß: Essen kann krank machen. Essen ist gefährlich. Essen verlangt akribische Recherche. Was aber nahe liegt, ist oft nicht gut, es sei denn es ist regional, aber dann auch bitte bio. Wer blickt da noch durch? Und wer bekommt da nicht Angst?

Gleichzeitig ahndet man jeden Fehltritt mit einem schlechten Gewissen. Wahrscheinlich ist es gesünder, eine Cola genussvoll zu trinken, als beschämt auf einer konventionell angebauten Möhre herum zu kauen. “Ist das jetzt gesund?” wird zum Mantra, das wir uns selbst und anderen andauernd (am liebsten andern) vorsingen. Aber das Mantra bringt keine Heilung, es bringt nur Stress. Wenn du glaubst es geht nicht mehr… kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Denn, wenn es irgendwo Profit abzuschöpfen gibt, ist das System nicht weit. In wohlige Farben verpackt sind die Produkte gleich viel cooler anzusehen, als die der Supermärkte. Mit Erklärungen im Gepäck, die die herausragenden Eigenschaften dieses Nahrungsmittels beschreiben, bekommt die Frage “Ist das gesund?” eine sofortige Antwort. Ja, klar. Ja, es ist gesund. Eureka! Endlich beherzt zugreifen, endlich wieder genussvoll knabbern. Nom nom, diese Chia-Samen sind ja echt total lecker, das hätte ich gar nicht gedacht. Und diese Superfood-Bowl, ne, die ist ist richtig gut. Ich wusste gar nicht, dass Heidelbeeren ein Superfood sind. Unglaublich! Aber klar, dass da jetzt Fisch drin war. Richtig lecker! – Wem kommt das kotzen? Mir auch.

Superfood ist, das sagt Wikipedia straight vorne weg, ein Marketing-Terminus, der nichts mit wissenschaftlicher Forschung zu tun hat. Superfood ist damit nichts anderes als Gequassel, damit etwas teurer verkauft werden kann. Superfood ist harter Quatsch mit soften Fakten. Ein Beispiel: Chia-Samen. Die haben unterm Strich einen ähnlichen Nährwert wie Leinsamen, kommen aber aus Mittelamerika und haben damit einen viel interessantere Geschichte, ganz abgesehen vom vokalverwöhnten Namen, den man unfallfrei aussprechen darf. Das Korn der Maya (wie auch Amaranth und Quinoa, oder waren das die Inka, ist doch egal, Hauptsache indigene Völker, die von europäischen Kolonialmächten niedergemetzelt wurden, bis heute entrechtet sind und nichts als cooles Korn hinterlassen durften). Eine Mahlzeit, die die Krieger mit auf ihre Kriegzüge nahmen, lange zu verstauen und energiereich. Klingt wie das Elbenbrot aus Herr der Ringe. So mysthisch! So anders! Warum mit Leinsamen (oder auch Hanf) vorlieb nehmen, wenn man mit Chia-Samen den Glanz einer untergegangen Zivilisation wieder auferstehen lassen kann! Nährwert hin oder her – was zählt ist das Flair. Dass dieses Flair, der kommodifzierte Lifestyle, Kolonialgeschichte weiterschreibt, bleibt vollkommen auf der Strecke. Ähnlich wieder Zucker eins ein exotischer Genuss betuchter Aristokraten und Bürger war, so ist der Genuss von Chia-Samen, das ganze Wissen darum, eine vom neoliberalen Marketing und Markt befeuerte Neuauflage dieses Modus. Der Genuss einer westlichen Elite, die die vermeintliche Ferne konsumiert, als sei sie eine Ware, dabei ist sie ein Gut. Das Gut anderer Menschen, das wir respektieren sollten.

Stattdessen greifen wir einfach in den Super- und Biomärkten zu, bereichern unseren Alltag mit neuen Komponenten, ohne zu merken, dass wir in eine Falle getappt sind, die uns und andere Menschen ausbluten lässt. Und wofür? Für ein bisschen exotistischen Genuss.

Die Angst vor der industriellen Nahrung treibt uns von der einen Ecke der Nahrungsmittelindustrie in die andere. Wie eine Schafherde, lassen wir uns umher treiben, grasen da ab, wo man uns grasen lässt und glauben auch noch, wir würden selbstbestimmt leben und essen. Essen ist ein Grundbedürfnis – wie konnten wir das nur kommodifizieren lassen? Essen sollte einfach keine Ware sein. Dann muss man auch keine Kololonialendiskurse in sein Müsli schaufeln.

(Was Chia allerdings besonders macht, ist seine Fähigkeit in Flüssigkeit eingelegt eine sämige Textur zu erstellen. Das muss man Chia lassen.)

Comments (2)

  1. Leviathan

    Lieber Wolf, ich mag die Art, wie Du schreibst, aber Deine Beiträge finde ich inhaltlich oft eher zweifelhaft. Das Thema Essen ist momentan in aller Munde, es lässt sich vortrefflich darüber sinnieren und diskutieren. In einigen Punkten gebe ich Dir durchaus Recht, allerdings muss ich doch etwas schmunzeln, denn dieser Hype um bewusste Ernährung, Bio- und Superfood ist doch vor allem eine Thematik, die den gelangweilten Großstädter beschäftigt. Nur er hält diesen Hype am Leben, ergibt sich in stillem Selbstmitleid diesen Zwängen und schiebt jede Entscheidung für ein zufriedeneres, selbstbestimmtes Leben auf die lange Bank. Nicht etwa, weil er es muss, sondern weil er es will. Er liebt es, Teil eines Systems zu sein, das er zwar kaum beeinflussen kann, das er sich aber irgendwie genau so wünscht. Da, wo ich lebe, kommen Obst und Gemüse aus dem Garten, Eier und Fleisch von gesunden Tieren, Beeren und Pilze aus dem Wald. Was man nicht selber hat, bekommt man beim Nachbarn, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft inklusive. So ein Leben funktioniert natürlich nicht für jeden, funktioniert nur, wenn man sich bewusst dafür entscheidet, wenn man auf Dinge, die einem vermeintlich wichtig sind, verzichten, Zweifel und Angst vor einem einfachen Leben hinter sich lassen kann. Bewusst ernähren? Bewusst leben!

  2. Lieber Wolf,
    ich hätte es nicht besser schreiben können. Auch ich kann dieses doofe Getue und Gehabe aus der Werbung nicht mehr leiden!
    Immer muss man ganz genau gucken, damit nicht noch krank wird vom Essen!
    Und das was Leviathan schreibt kenne ich auch.
    Doch das wichtigste was mir eigentlich überhaupt einfällt ist gerade:
    “Wenn dir etwas gefällt, dann halt deine Klappe und genieße die einfach! “, sagt Papa Schlumpf immer und: “Systeme sind dort wo wir sie entstehen lassen! Aber wir Schlümpfe sind überall!”
    Ich denke ich weiß, was er damit meint, nur umsetzen ist schwierig. Vermutlich gewöhnt man sich dran. Doch ist man dann ein Teil des Systems? Puuuhhh! Ziemlich kompliziert! Ich gehe schlafen.
    Gute Nacht.

    Lg
    Schlaubi Schlumpf

Leave a Reply