Powerfood ist kein Empowerment.

Eine alte Schulfreundin von mir (die Art von Freundin, die man selten sieht, aber mit der man rege in Messenger-Kontakt steht), hat mir in den letzten Wochen Rezepte für Energy-Balls und selbst gemachte Riegel geschickt. Ihre riesige Bibliothek an veganen Rezeptbüchern und ihre Schatzkiste an gebookmarkten Blogs zum Thema Ernährung erleichterten mir den Zugang zum Wissen über Rohkost-Riegel und leckere Minibällchen voller Energie. Alles kein Hexenwerk, aber lecker. Ein Rezept für Cashew-Dattel-Bällchen war noch leicht nachzuvollziehen, ein paar andere könnte man auch problemlos umsetzen. Mehr als einen Pürierstab braucht man nicht. Aber einige dieser Rezepte hatten Zutaten, die weder meine Oma, meine Mutter, mein Vorrat noch der Drogeriemarkt vorrätig hatten. Es waren Zutaten wie „Apfeldicksirup“ (gibt’s im Reformhaus), Chia-Samen (wenn Leinsamen es auch täten) und Goji-Beeren („kleine rote Wunderfrüchte“).

Die Idee hinter diesem Rezeptstream war eigentlich, Geld zu sparen und sich gesünder zu ernähren. Einige diese Rezepte aber beinhalten Zutaten, die, vielleicht bin ich jetzt nahrungskonservativ, zu teuer sind. Zu teuer und zu exotisch. Sachen, von denen ich nur in der Bio-Auslage von Supermärkten und in Food-Blogs gehört habe. Das riecht nach Hype. Essen verkommt so sehr zum Statussymbol, dass ich mir einen Burger reinfahren möchte, wenn auch das in Berlin nicht bereits komplett usurpiert worden wäre. Man isst nicht mehr einfach nur noch einen Burger: bist du eher die BBI oder so ne Marienburger-Person?

Der Hype um das Essen, ob es jetzt um den coolsten und freshsten Burger der Stadt geht oder das neueste „Superfood“, ist ein Hype um eine knappe Ressource. Dazu ist der Hype ein Mechanismus, der uns nicht mehr mit dem Essen, das wir zu uns nehmen, verbindet, sondern nur weiter davon entfernt. Wer genießt denn schon einen Superfood-Riegel ohne dabei um sich zu schauen und sich zu fragen: sieht mich jemand? Bewundert mich jemand? Schnell ein Selfie machen, bevor die Vergänglichkeit des Essens den Moment ruiniert, sonst ruinier ich mir mein #instadaily.

Eine Anekdote: inmitten dieses heißen, sehr heißen Sommers, kam ich an einem Detox-Laden in Mitte vorbei, der grüne Kokosnüsse verkaufte. Menschen saßen vor dem Laden und kamen mir mit diesen Kokosnüssen entgegen, selig an ihren Strohhalmen nippend. Ich kaufte mir eine der Kokosnüsse für 5€. Ein paar Wochen später sah ich die gleiche Kokosnuss, an der Grenze von Mitte nach Kreuzberg, für 2,50€ in einem Asia-Supermarkt, zwar ohne Strohhalm, aber auch ohne glücklich-nippende Menschen, im vollen Bewusstsein ihre Gesundheit gerade auszuleben. Nicht nur der Preis, die ganze Aura dieser Frucht, unterscheiden sich im gleichen Bezirk der gleichen Stadt, je nach Umgebung, vollkommen. Die leicht konsumierbare Nuss auf dem Niveau des Tagessatzes eines Hartz-IV-Empfängers im Gegensatz zur quasi „rohen“ (d.h. ohne Strohhalm) jungen Kokosnuss. Das gleiche Gut inkarniert an zwei verschiedenen Orten als andere Ware. In der Mitte von Mitte liegt es in Glasvitrinen neben veganen Kuchen, in der Peripherie von Mitte aufgestapelt neben anderen Obstsorten.

Schonmal Quinoa gegessen? Das ist ein südamerikanisches Getreide, eigentlich Arme-Leute-Essen (den Klassismus dieser Aussage bitte überlesen). Im reichen Westen, auf der Suche nach reichhaltigem Essen, ist Quinoa jetzt ein It-Food geworden. Das Getreide ist für die Menschen in Peru und Bolivien, vorher ein Grundnahrungsmittel, leider nicht mehr erschwinglich. Sie können das Getreide, das sie in ihrem Land anbauen, nicht mehr essen und müssen auf billiges Fast-Food zurückgreifen, weil die Veganer des Westens den Marktpreis von Quinoa so hochgetrieben haben. Müßig jetzt die Veganer zu beschuldigen, das zu verantworten. Natürlich gibt es Marktmechanismen und andere Perversionen, die dazu beitragen, aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Wie gut geht es einer Gesellschaft, oder einigen Schichten dieser Gesellschaft, wenn gesunde Ernährung nicht zum Alltag, sondern zum symbolischen Kapital wird? Oder wie schlecht?

Der Zugang zu diesem symbolischen Kapital, diesem guten Essen, geht einher mit einem entsprechenden Einkommen und einem entsprechenden Wissen – oder Pseudo-Wissen. Es ist teurer, sich gesund zu ernähren, als ungesund, zumindest, wenn man sich in die Marketing-verseuchte Welt der neuen Esskultur begibt. Die Sehnsucht nach besserem Essen, ist sie verwerflich?
Leider nicht. Industrielle Ernährung und ihre Folgen für unsere Körper verstehen wir nur langsam und wahrscheinlich ist es die Intuition, die uns dazu treibt, besseres Essen zu wollen. Der allesfressende Kapitalismus hat das aber erkannt und geschickt ein Gegenmittel gegen die von ihm verschriebene industrielle Kur verschrieben. Auf der einen Seite ist es die Industrialisierung die Profitmaxime, die unser Essen verseucht und diagonal dazu ist es die Profitgier, die uns de-industrialisiertes Essen verspricht.

Distinktionsverhalten und der ganze Standesdünkel, der mit der Attitüde um Power- und Super-Food einhergeht, sind nur das Kostüm für die aufgeweichten Gemüter, solange von Marketing-Sprech traktiert, bis sie alles schlucken, was gesund ist. Dabei war die Intuition richtig: unser Essen muss besser werden. Ob wir es besser machen, in dem wir uns in ein kulinarisches Ghetto sperren, sei dahingestellt.

 

Bild via flickr.

 

 

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