Digitale Coolness. Der Charme der GIFs.

Coolness ist ein schwieriges Wort. Coolness versucht eine Grenze zu ziehen, zwischen den Wissenden und den Unwissenden, zwischen jenen, die dabei sind und denen, die eben nicht dabei sind. Nachdem durch den Hipster und die Debatte um ihn der letzte coole Rest der Coolness endgültig wegintellektualisiert wurde, denke ich bei Coolness nur noch an Clueless. Wer will schon gejudget werden? Wer will schon fertig gemacht werden, nur weil er nicht dabei ist? Die Cool Kids-Attitüde ist ein soziokulturelles Relikt. So richtig cool ist niemand mehr.

Wenn ich also von digitaler Coolness spreche, dann, weil „digitale Verve“ nicht so griffig klingt und weil es noch immer etwas Positives daran gibt, cool zu sein: die nonchalante Attitüde im Umgang mit der Welt. Was also ist digitale Coolness? Und: wie bekommt man sie? Die letzte Frage will ich nicht beantworten müssen, das hebe ich mir für einen Ratgeber auf, den ich schreibe, wenn jemand dumm genug ist mir Geld dafür anzubieten. Digitale Coolness hat man nicht einfach, man muss sie sich erarbeiten, aber im Gegensatz zu modischer Coolness kann man sie nicht kaufen. Das macht sie zu einem demokratischen Akt, einer Möglichkeit der Emanzipation, ganz frei von klassistischer Diskriminierung. Digitale Coolness ist damit sowas wie ein Akt des Widerstands. Sie lässt sich nicht kommodifizieren, nicht vereinnahmen, nicht erwerben. Und bewerben auch noch nicht.

Gleichwohl ist die digitale Coolness an einen bestimmen Modus geknüpft. Die dauernde Verfügbarkeit von Informationen, die ich konstant abrufen kann, hat unseren Umgang mit der Welt verändert. Wenn ich zum Beispiel wissen will, wie das Wetter ist, kann ich natürlich aus dem Fenster schauen, den Finger raushalten und abschätzen, wie warm es ist. Ich kann aber genauso gut einfach mein Handy rausholen (näher als das Fenster) und die Wetter-App aufmachen (in der Regel zumindest nicht weniger genau als der Finger aus dem Fenster). Gehe ich dann raus und treffe jemanden, dann verlaufe ich mich nicht, sondern kann auf einer Karte schauen, wo ich hin muss. Ist diese Person nicht da, wenn ich ankomme, muss ich keine 5 Minuten warten und hoffen, dass die Verabredung auftaucht – wahrscheinlich hab ich bereits eine SMS bekommen. Und wenn wir dann im Gespräch sind, muss ich mich für ein Zitat nicht auf meine Erinnerung verlassen, sondern kann das Zitat einfach per Suchmaschine suchen.
Das hat Konsequenzen für den Humor.

Humor schwuler Subkulturen gründete, verallgemeinernd gesagt, auf der Referenz zur Popkultur: ihren Diven, ihren Figuren, ihren Zitaten. Ob die gute alte Tunte oder die amerikanische Queen: Hyperreferenziell verweist ihr Humor Humor auf Filme, Serien, Songs – die Collage und die Verfremdung als Modus wurden quasi hier erfunden. Das macht die gesamte Kultur aus, aber ist, wie auch im Drag, ein wichtiges Element. Dieser Modus der Referenz, der alles aufnimmt und weiterverarbeitet, konstant zitiert und überhöht, geht nahtlos in die Digitale Coolness über. Das Medium ändert sich und gibt einen anderen Rhythmus vor. Die Dialoge finden nicht mehr nur noch in Bars oder zwischen Performern und Zuschauern statt, sie sind auf eine digitale Bühne erhoben worden. Das GIF wurde zum ultimativen Zitat, denn es vereint Bild und Text. Das GIF ist die ultimative Performance der Digitalen Coolness – ihre Kür. Oder ist der schwule Persiflage-Humor einfach besonders anschlussfähig?

Wenn Coolness bedeutet, die Formsprache und die Elemente einer bestimmten Haltung zu erkennen und zu (re)produzieren, dann ist der Umgang mit GIFs cooler als jeder gebrandete Hashtag. GIFs, in ihrer rauen, verpixelten Ästhetik, setzen dem durchkapitalisierten Internet etwas entgegen, das aussieht wie Vintage-Chic, für alle, die noch ein Modem mitsummen können. Im Gegensatz zum reinen Zitat, um Gegensatz zu einer Bühnenperformance, reicht Copy-Paste scheinbar. Aber was, wann und wie zitiert wird, ist eine diffizile Kunst. Für die schwule Subkultur aber, mit ihrer Vorliebe für den Pop, ist das GIF die ultimative Erfüllung aller feuchten Humorträume. Ob gay oder nicht, die Digitale Coolness ist noch solange cool, wie keine Werbung und kein Medium sie zu zähmen versucht. Aber vielleicht gehe ich mit genau diesem Gedanken der ganzen Idee von der Coolness am Ende doch noch auf den Leim…

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