Sport und Widerstand: Risse in den Muskeln.

Wenn die Luft schwer von Pollen von Wärme ist, so schwer, dass das Atmen schwer fällt, ist das ein guter Zeitpunkt, um zum Sport zu gehen? Bei Schnappatmung, den Körper zum tief Luft holen zu zwingen, eine gute Idee? Die Sache mit dem Sport, für die schnell Reimenden ist das Mord. Für andere eine Obsession, die zu einer Körperbildstörung führt, genauso von sozialem Kapital subventioniert, wie die Magersucht. Oder ist die jetzt schon wieder auf dem Rückzug, ohne Heroin Chic? Sport jedenfalls ist zugleich Notwendigkeit und Frondienst. Eine ambige Beschäftigung, wie ein schwarz-magisches Ritual, denn wenn man nicht aufpasst, geht man am Ende einen Pakt mit dem Teufel ein, den man nicht auflösen kann. Der feierliche Ernst, der mich umschwingt, wenn ich zum Sport gehe, gehört verboten. Wie übrigens das Soho-House, das nur dazu da scheint en miniature zwei Welten voneinander zu trennen: das Elite-Gymnasium auf der einen Seite, der McMuskel-Tempel des einfachen Volkes auf der anderen Seite. Jemand sagte mal zu mir, es wäre doch peinlich immer an diesem tollen Gym vorbeizulaufen und dann zu McFit zu gehen. Die gleiche Person würde sofort Bomben auf dieses Bollwerk des bourgeoisen Phantasmas der Kreativität werfen. Warum schämen sich die Kritiker? Doch nicht weil sie Teil von etwas sein wollen, sondern weil sie empfänglich sind für den Sexappeal der Exklusivität und weil auch sie vom süßen Schweiß gekostet haben, den der Sport auslöst. Das Dilemma zwischen Abgrenzung und dem Wille zur Rettung der Welt, es kann nicht überbrückt werden, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Der Sport überschreitet alle Klassen, mehr noch: er klammert die Extreme zusammen, während die Mittelschicht sich den Bauch mit Kuchen vollschlägt. Letztlich sind wir keine Tiere, die in vollkommener Bewegungslosigkeit ihr Dasein fristen können und lediglich den Zeigefinger bewegen, um damit Lichtprojektionen auf Glasbildschirmen zu bedienen.

Meine Karte schließt einen Spind durch einen Mechanismus, der mir noch immer wie Magie vorkommt. Ein Typ baut sich auf und stellt sich mir in den Weg, nur um sich selbst im Spiegel zu betrachten, besessen von einem Pingpong-Spiel: Licht trifft auf seinen Körper, wird im Spiegel reflektiert, trifft auf seine Netzhaut, wird von seinem Hirn verarbeitet, damit er sich selbst sieht. Wie kann das Erkenntnis sein? Unsere Körperbilder ziehen sich zurück von uns, entziehen sich uns, entweichen uns. Je mehr man sich dem Körper widmet, ihn hegt und pflegt, durch Diäten die Gelüste in Schach hält und dabei gleichzeitig die religiösen Mechanismen, aber nicht die Gefühle, befriedigt, desto mehr entflieht uns dieser Körper. Er zerrinnt, zerspringt, während wir uns im Spiegel betrachten, kurz aufbauen, die Muskeln anspannen, sich für sich selbst in Form bringen. Die Selbstreferenzialität ist der Tod eines jeden Systems. Das einzige was ihn mit der Außenwelt verbindet, ist sein Atem. Aber er glaubt dem Spiegelbild.

Mit der Entlastung des Körpers in der Erwerbsarbeit scheint die Notwendigkeit des Sports als Freizeitbeschäftigung zu steigen. Wenn die Arbeit nicht fordert, dann muss ein Ersatz her: der Körper bleibt Ware. Die Selbstbestimmung ist nur die Freiheit des Konsums von Protein-Shakes oder verschieden teuren Arten des Sports, aber die Ausbreitung des Marktes auf unsere Körper ist bis in die Faszien fortgeschritten. Wenn der Markt uns nicht mehr braucht, um damit Wert zu schöpfen, macht er uns einfach zu virtuellen Maschinen, die Wert schöpfen lassen durch Konsum. Hätten wir damals doch nur die rote Pille mit dem Stern geschluckt, dann wären wir nicht mehr Teil der Matrix.

Wofür trainiere ich eigentlich? Wenn ich nur die Disco-Muskeln wollte, wäre ich jetzt schon fertig. Die Muskeln, die man sieht. Die Muskeln, die andere Männchen anlocken. Die Muskeln, die mich in einen Diskurs einschreiben. Mein Körper ist in Muskelgruppen unterteilt, die von komplizierten und gleichzeitig unnötigen Maschinen bearbeitet werden können. Oder ich trainiere frei, entziehe mich der Maschine und verlasse mich auf die Koordinationsfähigkeit meines Körpers. Daraus lassen sich keine Metaphern bauen. Aber genau darum geht es, wenn diese Gleichung aufgehen soll: wenn ich mich nicht im Spiegel betrachte, sondern durch meinen Körper hindurch die Welt betrachte, kann ich meinen Kopf ausschalten. Muss keine Metaphern bauen. Keine Sätze denken. Dann gehe ich aus dem Fitness Studio heraus, ohne einen Ohrwurm von schrottigem Techno zu haben.

Die Luft ist noch immer stickig. An Schlaf ist allerdings bald zu denken. Das Hirn dankt dem Körper die Pause mit einem Hormonrausch voller Glückseligkeit. Die einzige Möglichkeit sich dem System zu entziehen, ist aufzuhören zu atmen, vollkommen selbstreferenziell zu werden und damit letztlich tot. Wer lebt, macht sich die Hände schmutzig und atmet dabei am besten tief ein. Der Geist ist wieder wach, wacher als zuvor, schade, dabei war es so schön, nur Muskel zu sein, doch der Geist schleicht sich durch die Risse. Er fragt: Ist Sport jetzt Widerstand oder Normierung? Revolutionscamp oder Resolution? Der Körper gähnt. Die Frage klärt sich dann wohl ein andermal. Tief durchatmen. 

Bild via flickr.

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