Deutschland: Keine Isla Bonita.

Endlich verstehe ich die Tante, die einen Feinkostladen in ihrem Keller eröffnete, dafür sogar ihr Haus umbauen ließ. Ich verstehe, warum sie sich die 90er hindurch durch einen Volkshochschulkurs für Italienisch gepaukt hat. Ich verstehe warum Goethe weg musste, um sich inspirieren zu lassen, weit weit weg und lange. Den sanften Exotismus guter Olivenöle und das sehnsuchts-feuchte Glänzen in den Augen all der Menschen, die sich in Schöneberger Feinkostläden das Fleisch von glücklicheren Tieren grammgenau abpacken lassen. Verstehe, warum nur in Venedig gestorben werden kann. Das süße Leben ist woanders.

Wenn man selbst mit der Realität Literatur gespielt hat und aus salzigen Wellen dem Meer entsteigt, die Sommerfrische überstanden ist, das Flugzeug hart landet und alle klatschen, dann weiß man: wieder in Deutschland weht der Wind rauer.

Natürlich hat am Flughafen keiner was zu verzollen, aber hindert das die Leute daran, einander über den Haufen zu laufen? Hindert das die Alltagshöflichkeitslegastheniker daran ihre Unfähigkeit im Miteinander fehlerfrei auszubuchstabieren?

Die einzige Welle, auf der man jetzt surfen darf, ist die Grippewelle, die mit der Schafskälte einhergeht. Alle vergessen dann, dass in statistisch gesehen 89% aller Jahre die Zeit zwischen dem 01.06. und 25.06. rotzig kalt, nass, klamm und eklig ist. 89% aller Jahre ist der Juni noch kein Sommer, aber Panik bricht bei allen aus, und sie fragen sich: Wird es denn je wieder Sommer geben? Selbstkasteiend, noch ein Grund zu meckern, denn wenn Sommer wäre, wäre es auch logischerweise zu heiß.

Den Grad der Gesundheit einer Gesellschaft lässt sich an den älteren Mitmenschen ablesen. Der mediterrane Traum, er geht einher mit der Fähigkeit auch noch mit über 70 das Olivenöl selbst nach Hause zu tragen. Das Nordlicht dagegen flackert an der Flasche Klosterfrau Melissengeist nuckelnd, unglücklich und vom Leben vergessen. Überhaupt sieht man auf den Straßen nur ältere Damen, die Herren der Schöpfung gehören nicht auf das Straßenbild. Höchstens bei Netto Dosenbier kaufen, aber nur die rüstigen, das sind die Alkoholiker, die mit der schlecht gelaunten und unterbezahlten Verkäuferin derbe Scherze austauschen. Wo sind die schnatternden älteren Damen auf der Straße? Wo die Freundschaft, die Herzlichkeit und die Offenheit bis ins von einer mediterranen Diät verschönte hohe Alter?

Kauft man in Barcelona in einem Supermarkt ein Stück Fleisch, erzählt dir die Verkäuferin von den Tarifen und Arbeitsverträgen, von der Abzocke der neuen Mitarbeiter mit den neuen Verträgen und der Krise, sie erzählt dir von der Gesichte des Iberico und wenn sie sich so vorne überbeugt, glaubt man, sie hat die Schafe gekannt, die Milch für den Manchego gegeben haben. In Berlin kaufst du ein Stück Rinderbraten, um es zu braten, nicht zu kochen, in Steakform und du wirst angekackt: „Das können Sie aber nicht braten! Das macht man nicht.“ Das macht man einfach nicht. Wer ist man? Was macht man? Und wenn der Braten, der doch zum Braten gedacht ist, schonend gebraten wird, wird doch ein Steak draus, oder? Und wenn das eine Service-Leistung sein soll, warum wird die so sauer verpackt wie ein verdammtes Center Shock? Ist Deutschland, dieses Land voller Mitte, denn nicht etwa ein Center Shock ohne verdammten süßen Kern, denn das süße Leben ist woanders? Kann es ein süßes Leben in Deutschland geben, das Richtige im Falschen? Oder ist hier alles sauer eingelegt?

Die rosa Sonnenbrille des wohlwollenden Urlaubers trübt mit Sicherheit meine Sicht auf jenes ferne Paradies Urlaub, das verlorene Paradies, sobald der gebräunte Fuß wieder den nördlichen Boden betritt, dabei augenblicklich aus Schock Pigmente verliert. Als dann der zum braten gedachten Rinderbraten an der Kasse auf dem Band liegt und ich Frage: „Kann ich mit dieser Karte zahlen?“ und die Verkäuferin sagt: „Ob Sie können, sehen wir ja gleich“ und ich lachen muss, bin ich wieder assimiliert. Die Berliner Schnauze sabbert mich voll, aber wie kann ich ihr sauer sein? Wie ein Rottweiler, der mir einen feuchten Kuss gibt, nehme ich die seltsam artikulierte Zuneigung hin, als das was sie ist: der Liebesbeweis einer mir fremden Psychologie. Hier wachsen halt keine Palmen. Und mein Exotismus wäre trocken gelegt, wären Strand, Sonne und schöne Tage der Alltag.

Comment (1)

  1. AHAHA … TOLL!

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