Leerer Hedonismus: GHB als Metapher.

Würde jemand nach dem Sinn unseres derzeitigen Lebens fragen, danach, wo der Wind hinweht, so riecht es nicht mehr nach Generation Spaß, oder kollektivem Eskapismus, es geht auch nicht mehr primär um Repräsentation von Status oder um Exklusivität – diese Tendenzen haben sich alle bereits verfestigt. Etwas anderes bestimmt die Struktur unseres Verhalten, die Struktur unserer Gehirne und die Konsequenzen für den Umgang mit der Welt. Es ist die Belohnung. Konstante Belohnung.

Es finden sich viele Artikel im Internet, die in pop-wissenschaftlicher Manier darlegen, warum unsere Gehirne durch die Nutzung von bestimmten Medien und Gagdets zur Ausschüttung von Dopamin angeregt werden, das wiederum (wahrscheinlich in bestimmten Arealen des Gehirns) dazu führt, dass wir Genuss und Belohnung empfinden. Kurz gesagt: wir werden süchtig nach der Belohnung. Die Belohnung ist aber leer: tatsächlich lösen wir diesen  Dopamin-Ausstoß durch so banale Tätigkeiten wie den Home-Button eines iPhones aus oder durch das Checken von Mails, das Neuladen unseres Facebook-Newsfeeds, das Anlesen eines Artikels oder das öffnen von 15 Tabs einer Tageszeitung, die ungelesen die Browserchronik verstopfen. Immer mehr Multitasking führt zu immer mehr leerer Belohnung, führt zu immer weniger Konzentration und Tiefe. Multitasking kickt den inneren Flipper und bringt uns zum Punkten, den Jackpot geistiger Arbeit knacken wir damit allerdings nicht. 

Dopamin als Buhmann der digitalen Welt

Diese Erkenntnis hat in pop-wissenschatlichen Zeitungsartikeln zu einer ziemlich einfachen Standardformel geführt: Objekt/Tätigkeit x führt zu Abhängigkeit, weil es das Belohnungssystem des Gehirns anregt. X ist dabei = Cupcake, Waffen, Candy Crush Saga, Sex, Drogen, alles. Alles lässt sich so verteufeln, wir können von allem abhängig werden und Abhängigkeit widerspricht den freien, individualisierten Wesen, die wir sein müssen, um der Freiheit des Marktes zu entsprechen. 

Dieser mechanistische Blick auf den Körper führt in die Irre, macht er doch nicht klar, wie komplex das System ist, mit dem wir uns durch die materielle Welt bewegen. Dazu vereinfacht er die Wirkung von Dopamin, als ein sehr basaler Botenstoff unseres Gehirns keine monokausalen Erklärungen zulässt. Dopamin beeinflusst und steuert viele Prozesse im Gehirn, je nach Kontext hat es eine andere Wirkung. Es ist wie eine Farbe: Rot kann in bestimmten Kontexten Gefahr bedeuten, aber auch Stop, es kann Akzente setzen und locken. Genauso ist Dopamin je nach Kontext (also Bereich im Gehirn) verschieden wirksam. Was aber festzuhalten bleibt, ist die Fähigkeit von Dopamin uns in Hedonisten der Leere zu verwandeln, die wie ein Kettenraucher, vom eigentlich Akt keinen Kick bekommen, aber gleichzeitig nicht aufhören können. Oder wie ist die Relation von Posteingang aktualisieren zu wirklich positiven Nachrichten? Genau, beschissen.

Dopamin reguliert die Motivation, es bringt dich aus dem Bett und es motiviert dich dazu die Höhle zu verlassen und etwas zu tun, wie Beeren sammeln oder in den Supermarkt gehen. Neue Informationen, neue Reize, neue Einflüsse kicken das Dopamin – wie ein Tennisball, der niemals den Boden berührt, kann das zu einer Dopamin-Loop führen. Eine Endlosschleife aus kleinen Kicks mit neuen Informationen – die neuro-psychologische Erklärung für den Sog des Newsfeeds.

Damit ist Dopamin der Neurotransmitter unserer Zeit. Digitale Medien sind Werkzeuge, die uns, neurochemisch gesprochen, dabei Helfen, unseren Dopamin-Kick zu bekommen. Sie simulieren Situationen, die basale Reaktionen unseres Gehirns auslösen und obwohl wir eigentlich nichts tun, bekommen wir den Eindruck und den Rausch, etwas getan zu haben: wir befriedigen unsere Neugierde, unseren Tatendrang, aber dabei zünden wir dauerhaft nur initial. Tiefe Befriedigung und Konzentration, die wir genauso brauchen, bleibt dabei aberaus. Digitales Ausgebranntsein, obwohl der Zünder die ganze Zeit funkt.

Drogenlogik aufgebrochen, Dopaminlogik nicht.

Jetzt ist die Verbindung von Drogen (als Containerbegriff, der im Mainstream-Diskurs nicht weiter differenziert wird) mit dem Dopamin-Haushalt sehr vage. Bestimmte Drogen greifen da ein, Alkohol zum Beispiel pusht die Neugierde so stark, dass manche übermütig werden, Amphetamine spielen mit dem Dopamin, zu viel Dopamin kann sogar zu Schizophrenie führen (These). Aber die meisten Drogen entsprechen dieser Logik nicht. MDMA geht auf das Serotonin, löst den Moment auf und Zeit spielt keine Rolle mehr, weil man im kleinen Nirvana ist. Kokain ist ein Zeichen von Exklusion (Klasse und Gruppe), Speed pusht dagegen und kommt dem Dopamin-Loop schon näher, während Ketamin die Flucht in eine Geistigkeit bedeutet, die genauso Selbstzweck wie spirituelle Reise sein kann. Alle Drogen haben also nicht nur eine Wirkungstendenz, die in jedem User anders zum Ausdruck kommt, sie haben auch eine metaphorische und damit eine soziale Ebene. Jede Drogen impliziert eine Geisteshaltung, einen Zustand, einen Diskurs, eine Dynamik. Jede Droge wirkt nur so gut in den Körpern, wie die Umgebung dieser Körbe diese erzieht. Die Zeit der selbstvergessenen MDMA-Glückseeligkeit, die Zeit der kollektiven Keta-Flucht, die Zeit der ostentativen Kokain-Schubladen von Musikmagazinen im Berlin-Mitte der 90er-Jahre – Drogen haben Konjunkturen.

Warum also ist GHB gerade so beliebt? Warum ist eine Droge, die in geringen Dosen aufputscht, in höheren Dosen stark anregt und in großen Dosen ins Koma schießt, so beliebt? Es ist kein Geheimnis, dass die Krankenwagen-Aufkommen in Berliner Clubs im letzten Jahr gestiegen ist, weil immer mehr unvorsichtige GHB-Konsumenten einfach kollabieren. Nicht umsonst ist GHB die einzige Droge, die im drogenfreundlichen Berliner Club-Millieu absolut verpönt ist – oder war. Im Konrast zu der etablierten subkulturellen Einstellung, steht eine neue Haltung, die ihre Trägermasse in einer Raver-Generation gefunden hat, die noch nicht so lange im Tanzbusiness ist. GHB hat jetzt seine eigenen Parties bekommen, deren Namen entweder direkt auf G verweisen oder metaphorisch damit locken. GHB hat seinen Kontext verlassen und als billige Droge gefährlich an Beliebtheit hinzu gewonnen. Mit dieser Streuung geht eine herabgesetzte Vorsicht einher. Die Tradierung des Wissens über den verantwortungsvollen Konsum bricht ab – die Dopamin-Welle bricht wie ein Tsunami über die drogengefluteten Gehirne herein und macht aus den Menschen impulsgetriebene Tennisbälle.

Die Ästhetisierung von GHB

Ein klares Zeichen für die vehemente Konsumhaltung gegenüber dieser Droge ist die Ästhetisierung der Konsequenzen des Konsums. „To become trash is to be united“ heißt es auf Facebook in einer Party-Ankündigung. Sich zu „zerstören“ heißt – so die propagierte These – Konzepte aufzubrechen und sich zu erweitern. Das ist allerdings nichts als fehlgeleiteter und aufgeblähter Hedonismus, denn unabhängig von den Inhalten, die auf diesen Kunst-Performance-Alles-was-geht-Veranstaltungen präsentiert werden, ist die sie umgebende Klammer eine latent lebensverneinende und eskapistische Haltung, die sich politisch geriert, aber im leeren Hedonismus verpufft. Dieser leere Hedonismus folgt der Logik des Dopamins: der Kick ist kurz, denn er kommt, auch ohne Tiefe. GHB geht direkt auf das Dopamin-System, es wirkt auf den Körper, als vielleicht einzige Droge, wie ein Hormon. Damit löst es nicht etwas aus, sondern agiert selbst im Körper, wird metabolisch integriert. GHB wird metaphorisch gesehen damit zu einem Teil des Körpers, dieser Körper wiederum beeinflusst den Geist in eine bestimme Richtung, die nur noch nach kurzen Kicks sucht, um die Dopamin-Loop aufrecht zu erhalten. Was sich als Gesamtkunstwerk geriert, atmet die Ästhetik einer zerhackten Kultur des Konsums. Neoliberaler geht’s nicht. 

GHB als Metapher metabolisieren

Wer bin ich, auf jemanden mit dem Finger zu zeigen? Wer bin ich, das Leben anderer Menshcen zu kritisieren? Was ich kritisieren kann, das sind kulturelle Formen des Ausdrucks. Als Autor kann ich empathisieren, als Beobachter lesen, was um mich herum passiert. GHB als Metapher gelesen, präsentiert sich als die Droge der Wahl, trotz ihrer Gefahren, weil ihre Wirkung dem Verhalten entspricht, das der Umgang mit digitalen Medien uns einprägt. GHB ist damit in Reinform der Kick, den die uns umgebende Welt uns einflüstert. Die geruchlose, durchsichtige Flüssigkeit, die in der Regel durch Pipetten in den Rachen gespritzt wird, damit sie das Calcium der Zähne nicht wegfrisst, verweist durch ihre Wirkungslogik auf das, was der Zeitgeist uns ins Ohr säuselt. Ganz ohne Gadget kann diese Droge eine Party, ja das ganze Leben,  zu einer Erfahrung machen, die komplett der dopamingetriebenen Logik des leeren Hedonismus entspricht. Warum also an eine Zukunft glauben, wenn man jetzt Trash werden kann? Warum in die Tiefe schweifen, wenn der Kick so nah liegt?

Weil die Zeit, in der wir Leben, zugleich Verantwortung und Konzentration verlangt, die immer stärker vernetzte Welt junge Geister braucht, die überdenken und nicht schlucken, was ihnen hingeworfen wird. Wenn GHB die Droge ist, die diese Zeit verdient hat, dann kann auch jemand, der diese Droge nicht nimmt, verstehen, was mit uns allen passiert: anstatt zu denken, zu zögern und zu reflektieren, werden die Menschen zu Tieren, die jedem Impuls nachgehen, zu Junkies ihrer eigenen Neurotransmitter. Die Drogen der anderen sind Indexe unserer eigenen geistigen Situation. GHB als Metapher ist eine Warnung, die wir ernst nehmen sollten. Neugierde und die Sehnsucht nach Information ist genauso Teil des menschlichen Geists, wie die Notwendigkeit und Fähigkeit zur tiefen Reflektion. Neues Aufnehmen, um danach Inne zu halten, scheint keine Option mehr, in einer Welt, die ob wir wollen oder nicht, Trash aus uns macht, noch bevor wir das Kunst nennen können – oder überhaupt Leben.

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