Lex Görli: Von der grünen Utopie, die eigentlich Realität ist.

In der FAZ ist zu lesen, dass der Görli vor allem ein großer Drogenumschlagplatz ist, gegen den die Polizei jetzt rigoros vorgehen will. Der Frühling ist zwar noch wechselhaft, aber der Sommer kommt in absehbarer Zeit und evoziert schon jetzt harmonische Bilder. Wer sieht sie nicht vor sich, die Gruppen von Menschen, die nur scheinbar grillen, aber eigentlich gerade Speed trocknen. Die singenden Hippies, die sich an den Händen halten, während sie Gras sortieren und die Menschen mit den kleinen Werkzeugen, die Embleme in die Pillen ritzen. Soll dieses Idyll der Drogenkultur nun vorbei sein? Wird der Görli endlich wieder edel und weiß? Und was passiert mit dem MDMA-Haus?

Klar gab es vereinzelt wirklich grillende Leute im Görli, manchmal sah man auch Kinder spielen, es joggte mal jemand vorbei. Aber immer konnte man ihnen ansehen, wie sie sich fürchteten, vor den Menschen, die Drogen verkauften, den Junkies, die vom Gras zum Heroin zum Chrystal greifen, denn das ist ja die typische Karriere, im Görli im Eiltempo abzulegen.

Mit Sicherheit hat keiner der Polizisten, die beim Kiff-In im Görli am 01.04. während des Sturms die Stellung hielten, jemals auch nur einen Joint gesehen, deswegen muss es auch so schwer gewesen sein, eine gedrehte Kippe von einem dicken Spliff zu unterscheiden. Den süßlichen Geruch konfrontierten die Nasen auch zum ersten Mal. Nicht weniger als der Rechtsstaat ist in Gefahr, wenn der Görli so sein tolles Treiben weiterführen darf. Nicht weniger als die Ordnung der bundesdeutschen Demokratie ist durch die Schwarzen Dealer in Gefahr! Und dann kommen die Asis und bauen sich erstmal einen, na sowas. Das gehört sich nicht! Und ganz Deutschland schaut zu, wie mitten in Berlin die Zivilisation vor die Hunde geht.

Es steckt viel Heuchelei in der Berichterstattung über den Görlitzer Park. Und wenn die Berichtenden glauben, was sie da für große Medien schreiben, dann sind sie reichlich naiv. Oder vielleicht doch nicht? Zum Glück liegt der Görli unweit der Ohlauer Schule, die zum Zentrum der Flüchtlingsbewegung geworden ist. Ist es Zufall, dass sich mit zuspitzender Flüchtlingsproblematik auch die Notwendigkeit, den Görli zu „reinigen“ aufdrängt? Zugegeben, es war noch nie so einfach Gras zu kaufen, ohne auch nur im Park zu sein und das muss natürlich Konsequenzen haben. Aber trotzdem kommen hier zwei Diskurse zusammen, die sich um der ökonomischeren Lösung von Problemen willen, zusammen präsentiert, gleich viel alarmistischer angehen lassen. Überkommener Rassismus mischt sich mit einer veralteten Drogenpolitik. Die Realität – sie hat hier keinen Platz, denn das konservative Weltbild muss aufrechterhalten bleiben.

Dabei hat die Realität von Gras und die Realität von Flüchtlingen wenig mit dem zu tun, was sich als mediale Diskussion durchsetzt. Dabei hat die Realität der Menschen, die Gras konsumieren mit den Menschen, die Drogen verkaufen müssen, weil sie keinen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen, weniger zu tun, als manchen konservativen Meinungen lieb sein kann. Überhaupt besteht das Verkaufen von Drogen, vor allem Gras, aus dem toten Winkel des angeblich zu verteidigenden Rechtsstaats heraus. Der Konsum von Gras ist, weltweit, akzeptiert und normaler, als die Drogenpolitik der letzten knapp 100 Jahre uns weis machen will. Dagegen ist die restriktive und autoritäre Drogenpolitik der direkte Weg in die Kriminalisierung von Flüchtlingen, die dadurch wiederum angreifbarer werden. Scheint fragwürdig, inwieweit in Interesse an diesem Mechanismus vielleicht sogar dazu führt, eine Kriminalisierung aufrecht zu erhalten. Lassen sich doch mit diesem Instrument zwei Dorne im Auge des konservativen Betrachters entfernen, der seine Perspektive als die einzig richtige wähnt.

Dass eine fehlgeleitete und rassistische Flüchtlingspolitik sich der repressiven Drogenpolitik bedient, um weiter Vorurteile zu schüren, scheint eine Meldung zu unterstreichen, die vom Bündnis gegen Rassismus verteilt wurde: angeblich lies die Polizei einen Dealer, den den Bewohnern der Ohlauer unbekannt war, vor dem Gebäude „posieren“, bevor er festgenommen wurde.

Der Görli als Symbol, auch wenn er bald zum Kindergarten für eine alt-linke gated community werden sollte, bleibt nur Symbol, wenn auch ein anschauliches. Er ist der kristallisierte Beweis für die Verfehlungen einer Politik, die sich lieber in ideologischen Grabenkämpfen ergeht, als die Realität zu akzeptieren. Alles andere hätte nämlich bereits zu weniger Razzien im Park und mehr Position zur Schule geführt.

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