Wieder/endlich/mehr Lyrik.

Gegenwartslyrik hatte für mich immer etwas… irgendwie Halbgares, Unverständliches und Nöliges und, klar, Prätentiöses an sich. Wenn ich auf Lesungen war, dann mit den anderen Klassenbesten aus der ganzen BRD, die sich auf sich und ihr Können einen runterholten, Leute in meinem Bekanntenkreis gründeten Lyrikkollektive und das Thema wurde mir irgendwie nicht schmackhafter. Diese Spießer-Kids machten mir die Poesie leidig, wenn ich ehrlich sein soll. Das war mir nicht radikal genug. Sexy war anders. Cool auch.

Ein paar Jahre später, wenn ich jetzt erinnere, wer mir die Gegenwartslyrik madig gemacht hat, stehe ich zu meiner Antipathie und meinem Kotzreiz. Ich nehme aber das Abwatschende Gegenüber einer ganzen Gattung zurück: Lyrik, warum habe ich dich verraten? Lyrik, warum habe ich nicht an dich geglaubt? Als Ästhetizist und um Gleichberechtigung bemüht sollte ich keine Gattung, keine Textform, rigoros diskriminieren. Das war dumm und es tut mir leid. Anderes Beispiel: Gegenwartskunst, allerdings habe ich mich mit der beschäftigt, bevor ich angefangen habe, sie als größtenteils langweilig abzutun. 

Vor ein paar Tagen schrieb ich einem guten Freund eine SMS. Mein sonst so flinker Finger brauchte, hätte man mich von außen beobachtet, länger für die 5-7-5 Silben, als hätte ich eben nicht in 5-7-5 geschrieben. Der Frühling kitzelte Sommersprossen auf meiner Nase wach und ich dachte, es wäre eine coole Idee, ihm ein Haiku zu schicken. Er dachte, es wäre eine gute Idee, mir mit einem Haiku zu antworten. Diese Idee hätten wir, hip-hibbelig, vor einiger Zeit nur mit einem ironischen Kommentar gewürzt umgesetzt. Wir hätten Angst vor Poesie gehabt, hätten Angst gehabt, eines von diesen Spießer-Kids zu sein. Etwas brach aber den Bann unserer Scheu gegenüber der Lyrik. Wir hatten ein Geständnis. Einen Moment der freundschaftlichen Ehrlichkeit. #brotime #poetry

Er hatte mir gestanden: „Ich schreibe jetzt Gedichte.“
Und ich musste Antworten: „Ich auch. Aber nur heimlich.“
„Ich habe die Gedichte auf tumblr geteilt. Sie haben 50 Likes bekommen und wurden weitergeteilt.“
Als anonymer Dichter teilt er seine lyrischen Gehversuche mit unbekannten Menschen, die ihm virtuelle Liebe spenden. Lyrik funktioniert also für ihn. Wir stimmten miteinander darüber ein, dass ein Prosa-Text oder ein Essay voller Sätze ist, von denen wir hoffen, das sie sitzen, deren Klarheit wird von uns selbst erwarten. So sehr erwarb

Jeder Text, manchmal auch noch so unredigiert – sorry -, landet auf diesem Blog. Aber das mit der Lyrik, das war ein Geheimnis zwischen mir und meinem Handy und meinen Notizbüchern. Ein schmutziges Geheimnis, das ich hütete, wie ein evangelikal-erzogener Junge, der sich selbst nicht zugeben möchte, dass er masturbiert und dabei an Männer denkt. Ich hatte Angst vor meinem lyrischen Alter-Ego, wenn ich aber doch alle anderen Textformen für mich beanspruche, zumindest, ganz Generation-Y, an das Einhorn in mir glaube, das alles kann, darf und will, was es kann darf und will.

Lena Dunhams Biographie fiel mir heute in die Hände. Ich musste sie leider nach den ersten drei Sätzen wieder zuklappen. Einer davon: „I hate the sound of my poems“ (oder so ähnlich, es war wirklich nur eine ganz kurze Begegnung mit dieser stofflich gewordenen Begegnung mit Hannah ah Lena Dunham). Sie hat recht. Ich auch. Gedichte sind wie Abjekte, wie ein Haufen Scheiße, den ich gemacht habe, aber nicht anschauen will, noch weniger anfassen. Teil von mir, irgendwie verdaute Emotionen und Eindrücke, habe ich Berührungsängste. Sie destabilisieren meine Integrität und sind ein Angriff auf mein Selbstkonzept. Die Aktualisierung meiner schreibenden Persona in Gedichten? Das konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich mir das a) nicht anmaßen wollte und b) nicht antun wollte. Gedichte waren entweder richtig, richtig beeindruckend, zum auf den Rücken tätowieren oder zum in die Tonne kloppen.

Das ist doch unrealistisch. Das kann und muss kein Text leisten.

Um das Fass der Zufälle zum Überlaufen zu bringen, war dann auch noch Post vom Verlagshaus J. Frank aus Berlin in meinem Briefkasten, mit zwei Bänden aus dem aktuellen Frühjahrsprogramm, dabei eine Karte mit der Aufschrift: „Poetisiert euch!“ und eine persönlichen, handgeschrieben Gruß hinten. Prosa und Kulturwissenschaftliches bekomme ich von unpersönlich geschickt, ohne Gruß. Verlage für Gedichte und Kurzprosa schreiben sogar kleine Notizen über mehr als eine Zeile! Gedichte schreibende und lesende Menschen sind keine schlechten.

Poetisiert euch, haben sie mir gesagt. Ich schreibe Gedichte, hat er zu mir gesagt. I hate my poetry, hat sie geschrieben. Zeit endlich/wieder/mehr Lyrik zu lesen, zu schreiben, zu leben.

//

Bild: Verlagshaus J. Frank, Berlin.

Leave a Reply