Review: Scuba – Claustrophobia

Keine Angst ist vielleicht eine gute Einleitung, um ein Album zu besprechen, das Claustrophobia heißt. Keine Angst hat Scuba vor einer ganzen Love Parade aus Stilen, die hier zusammenkommen. „All I think About Is Death“ klingt wie ein laszives House-Hymnchen kurz vor dem Orgasmus, wird aber hingehalten von einem Soundteppich, der sich im Hintergrund entspinnt. Die Vokals werden hier zu einem Element, das unerwartet sphärisch klingt, obwohl die House-Referenzen so prominent sitzen. Was Scubas Sets und Produktionen auszeichnet, ist das Intelligente und zuweilen Schelmische an seinem Zugang. Er setzt ein Subjekt voraus, das seine Musik empfängt, ein denkendes und fühlendes Wesen also, das er einfordert. Er bauchpinselt die Raverseele mit Bass-Geweben, die man gut in einem Tresor wegsperren könnte oder zu denen man einen heiligen Hain entlangzutanzen glaubt. Dyster und düstopisch wird er dann, aber, das ist der Clou des Ravens, nicht ohne ein Senfkorn Hoffnung zu schenken, umsonst gibt es das allerdings natürlich nicht: erinnert man sich an alle jemals geschmissenen Pillen im Mittelteil von PCP, ebbt der Rausch jäh ab, ohne aber an Kraft zu verlieren. Beat-frei, aber dennoch Peaktime Material. Epischer, melancholischer Techno evoziert „Why You Feel So Low“, das man jedem Skeptiker an die Ohren halten sollte. Ein Lehrstück in elektronischer Musik, das seine Hausaufgaben so gut gemacht hat, so vertraut klingt, man will es fast durchwinken, wäre der Sound nicht so hypnotisch und der Fuß am wippen.

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Müßig zu sagen, dass Genres hier ihre Gültigkeit verlieren dürfen. Klingt aber gut zu erwähnen, was hier alles Eingang findet: Ambiente Strukturen, die oben erwähnten housigen Grooves, der ausgedehnte Rave. Scuba hat in den 11 Jahren seiner Karriere durchaus Vielfalt bewiesen. Was seine Produktionen zusammenhält und seinen Charme ausmacht, kommt in diesem Album zur vollen Blüte. Seine Fähigkeit die Menge genauso wie den Connaisseur, je nach Ort (Club oder Wohnzimmer) auch in Personalunion, zu verwöhnen. Man kann ihm anlasten, dass er manchmal zu taktisch kommt, es mit dem Rave-Kitsch übertreibt und manche seiner smarten Moves enden im Prätentiösen. Field Recordings mit Kinderstimmen klingen nach jemandem, der irgendwo angekommen ist und vielleicht genau dort die Platzangst empfindet. Claustrophobia ist nicht frei von Allüren, aber von Arroganz. Es ist eine gewitzte Attacke auf die Idee des Genres, auf diesen bürgerlichen Rest in der elektronischen Musik und damit auf einer höheren Ebene nicht nur musikalisch, sondern intellektuell ein gut goutierbarer Output.

Wie die Legende so will, hat Scuba das Album angefangen, als er sich auf das Labyrinth-Festival in Japan vorbereitete. Japan ist zwar nicht unbedingt als Raver-Nation bekannt, aber wer schonmal in Japan getanzt hat, der weiß, dass hier die Hippies den Techno im Blut haben. Man kann sich gut vorstellen, wie das herbstliche Festival seine Magie entfaltete, ist Japan doch eine harsche Gesellschaft mit viel Unterdrückung und so ein Festakt eine gute Möglichkeit loszulassen. Spinnt man den Faden weiter, den das Marketing der Platte ans Herz legt, ist es quasi der bleibende Eindruck eben jener östlichen Erfahrung, der sich jetzt auf dem Album niederschlägt. Aber so exotistisch muss man da gar nicht rangehen. Claustrophobia ist eine vielschichtige, eine erwartete und mit hoher Messlatte gemessene Veröffentlichung. Ob Scuba damit Satori erreicht hat, ist egal. Den Zen-Geist des Techno jedenfalls beschwört er verdammt gut.

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Tracklist
01. Levitation
02. Why You Feel So Low
03. Television
04. Drift
05. PCP
06. All I Think About Is Death
07. Needle Phobia
08. Family Entertainment
09. Black On Black
10. Transience

Scuba: Claustrophobia. Hotflush Records. Erschien am 23.03.2015.

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