GIRLS: Liberale Märchen von neoliberalen Mädchen.

Was GIRLS so interessant macht, ist nicht nur die Kraft der Serie, eine Notwendigkeit aufzubauen, es ist auch die Tatsache, dass trotz all der nervigen Momente, die Charaktere zugleich seltsam unausgeglichen wirken, ohne dabei aber allzu menschlich zu werden. Die Hauptfiguren aus GIRLS sind alle zugleich post-national übertragbare Charakter-Einheiten, die jede globalisierte Großstadt kennt und fiktionale Wesen, die gerade so over the top sind, dass sie immer hinter der Glasscheibe unseres Bildschirms bleiben. Wenn also jemand die Teenager-Frage stellt: “Also, wer aus GIRLS bist du?” überlegt man zweimal, ob man überhaupt jemand aus GIRLS sein möchte, denn auch wenn die Sailor Krieger bereits Unperfektheit als Zeichen ihrer Menschlichkeit trugen, so haben Hannah, Jessa, Marnie und Shoshanna den Makel auf die Spitze getrieben. Eigentlich gehen einem alle vier meistens richtig auf den Sack (so wie man sich selbst manchmal richtig auf den Sack geht).

Trotzdem funktioniert die Serie. Funktionieren nicht nur im Sinne von vier gedrehten Staffeln und weltweiter Beachtung, die (ich tappe in die Falle) zu Lena Dunhams (und sie schnappt zu) auktorialer Autorität führte, sondern auch funktionieren im Sinne von die Geschichte geht auf und schafft es kritische Betrachter so weit in Affektmodulation zu versetzen, dass Empathie besteht. Die Themen, die in GIRLS verhandelt werden, sind divers und vielfältig. Es gibt Story-Stränge die in sich nicht nur schön, sondern poetisch sind. Wenn Jessa mit dem britischen Akzent und der wilden (d.h. außer-amerikanischen) Vergangenheit einer alternden Künstlerin beim Freitod helfen soll, aber von der Tochter aufgehalten wird, dann sind wir mit einer Situation konfrontiert, die so ambig ist, dass man sie nicht in einer Serie vermutet hätte. Andere Story-Stränge wiederum ergehen sich in ihrer kitschigen Selbstreferenzialität, wie die Liebesgeschichte zwischen Marnie und Desi, die zusammen als Folk-Pärchen die Bühne eroben wollen. Nur selten schafft Marnie es aus dem Weibchen-Schema auszubrechen, dass sie als konstantes Gut zwischen Männern, die von ihr fasziniert sind, herumschwirren lässt. Als sie schlußendlich alleine die Bühne betritt, obwohl Desi nicht auftaucht, sie ihre Karriere als Solokünstlerin jetzt voll in die Hand nimmt, dann haftet auch dem eine gewisse nölige Schwere an.

Es scheint als wäre in jeder der Figuren von GIRLS eine andere Qualität von Dramatik, Plot und Tiefe angelegt. Diese Komplexität zeichnet die Serie aus. Die Fähigkeit Figuren von verschiedener narrativer Qualität und Anforderung in ein Universum zu bringen, macht den Charme von GIRLS aus. Die Gleichzeitigkeit von “radikalen” Lebensentwürfen und “corporate” Lebensläufen, die zwischendurch alle scheitern, aber am Ende doch irgendwie irgendwo landen, sind ein erzählerischer Trick. Ein Trick, der ideologische Implikationen mit sich bringt.

Was die Serie zusammenfantasiert, ist die Lebensrealität einer Generation – aber vor allem die Probleme gut gepolsterter Kinder aus der Mittelschicht, die, natürlich, weißer als weiß sind. Dazu ist die Radikalität der Damen nichts weiter als eine Geste. Die Kritik am eigenen Millieu wird zum Stil-Element überhöht, denn gerade in Sachen Klasse ist GIRLS sehr bewusst. Hieraus speist sich ein Großteil des selbstironischen und zuweilen autoaggressiven Humors, der an Trotz grenzt. Es gibt eine konstante Ironisierung und Dekonstruktion der die GIRLS umgebenden und selbstgeschaffenen Ideale, ein konstantes Einreißen von Wänden, die aber leider nur aus Pappe bestehen. Die Kritik wird eingebaut in selbstverleugnendes Verhalten, sie thematisiert sich selbst, sie ist anwesend, aber wird nie umgesetzt, da keine der Figuren ein wirklich kritischer Agent ist und wird.

Das Ende der vierten Staffel ist exemplarisch dafür. Der Vater von Hannah hat sein Coming Out. Dieses Thema bestimmt nicht nur eine, sondern mehrere Folgen, was für die Figuren von Hannahs Eltern ein Novum ist, da diese sonst mehr als Beiwerk funktionierten. Kontrastiert wird nun Hannahs eigene Unfähigkeit sich von sich zu lösen, ihre Eltern als Individuen und nicht nur als Berater zu konsultieren und akzeptieren. Nachts, nach einem Dinner mit Freunden, noch im Schock der neuen Situation gefangen, erhält Hannahs Mutter einen Anruf von ihrer Tochter und sagt zu ihrem Mann:
“Es ist Hannah, unsere Tochter. Du sagst es ihr!”
Hannah quatscht ihre Mutter aber so zu, dass die einzige Möglichkeit darin zu bestehen scheint, Hannah zum Schweigen zu bringen, die Neuigkeiten aus dem Elternhaus in den Hörer zu brüllen. Hannah schweigt. Der Sermon, der über ihre Mutter ergeht, ist interessant: um sich selbst als attraktiv und interessant aufzuwerten, nachdem sie von einem Date abgelehnt wurde, weil sie “überdramatisch” sei, versteigt sie sich darin sich selbst Zucker in den Arsch zu blasen. Ihr Ego wird durch eine Reihe von hohlen Selbstkomplimenten gefüttert, von denen sie weiß, dass diese nur mit Inhalt gefüllt werden, also nicht mehr hohl sind, wenn sie dafür Bestätigung von einer Person erhält, die sie liebt – ihren Eltern (in Personalunion). Darunter auch der Satz: “Ich interessiere mich für die Finanzkrise!”

Jetzt ist diese Szene eine durchaus geschickte Vorfürhrung von Hannahs Egoismus und passt vollkommen in das dramaturgische Repertoire dessen, was man von GIRLS gewohnt ist. Verhalten, das bereits bekannt ist, wird durch eine neue Situation konfrontiert und es entsteht ein Unterhaltungswert, weil Hannah ins offene Messer läuft, das sie sich beim Laufen selbst vor den Bauch hält. Aber warum die Finanzkrise als auratisches Stilmittel für die Partizipation und mehr noch: ihre Attraktivität als (intellektuelle, rationale, undramatische) Person?

Dieser kleine Satz sitzt, denn er fasst zusammen, wie sehr GIRLS das ist, was Paul Beatriz Preciado “Das Archiv unserer eigenen globalen Zerstörung”* nennt. Die Gegenwartskultur des Westen wird immer blasser. Kritik verkommt zu einer Geste, die man sich aneignet, die man wie ein Stilmittel einsetzt, aber nicht mehr mit Inhalt, das heißt mit Konsequenz erfüllt. Hannah illustriert das sehr deutlich. Die Finanzkrise ist hier kurz angerissen, aber Politik auf einem globalen Level, die Anwesenheit der konstanten Krise – Fehlanzeige. Stattdessen: Konstant thematisiert sie, wie sehr sie nicht homophob ist, aber dass das Problem mit ihrem Vater sie beschäftigt. Dennoch verhält sie sich konstant homophob, genauso ihre Mutter. Dabei geht es nicht um dem Kontrast zwischen globalen Ereignissen und persönlichem Erleben. Die Serie potraitiert das Leiden, artikuliert inhärente Widersprüche, führt sie aber nicht konsequent aus. Kritische Ansätze werden nur exponiert, ausgestellt, aber sie verblassen hinter Befindlichkeiten, die den eigentlichen Treibstoff der Serie ausmachen. Es ist die Hybris der Serie, sich selbst als kritisch zu konstruieren und es ist die Perversion neoliberaler Ästhetik, dass diese Kritik nahezu echt wirkt. Das Thema Homophobie wird indirekt ausgestellt, aber nicht aufgelöst und die Finanzkrise ist nichts weiter als ein leeres Zeichen für “globale Politik” und das schiere Interesse daran bereits mit der Aura des politisch interessierten Individuums gefüllt. Kritik verkommt zur Geste, die im neoliberalen Business der Zeichen nur dazu da ist, den vermarktbaren Gehalt der Serie aufzuwerten. Die Serie ist weniger der Agent dieser Ideologie, als ein Produkt neoliberaler Ästhetik, deren Perversion darin liegt, Worthülsen wie Kritik aussehen zu lassen.

 

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* “Un archivo de nuestra propia destrucción global.” In El Estado Mental über die Ausstellung von Björk im MOMA.

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