Die Leiden junger Autoren: auch E-Books sind richtige Bücher.

Ein junger Autor ruft seine Mutter kurz nach der Veröffentlichung seines ersten E-Books an:
„Ich hab dein Buch runtergeladen.“
„Wo liest du das denn?“
„Na auf meinem Kindle.“
Schweigen.
„Du hast ein Kindle?“
„Na klar, seit zwei Jahren schon.“
Nie wieder werde ich behaupten meine Mutter sei technophob.

Es ist nicht so, dass meine Mutter sich extra wegen der Veröffentlichung einen E-Reader angeschafft hat, sondern sie hatte bereits einen. Sie hat auch nicht Fragen müssen, ob es denn auch eine „richtige“ Version gäbe. Nein, ihr war vollkommen klar, wie sie an das Buch kommt. Meine Mutter ist damit im 21. Jahrhundert angekommen, mehr als manche Berliner Buchhändler. Ein Buchladen in Schöneberg antwortete nämlich auf die Frage, ob man sich eine Lesung vorstellen könne, grundsätzlich ja, aber ob es denn auch eine „richtige“ Version des Buches verfügbar sei. Mein Verweis auf die Qualität des Verlags und der Vorschlag einen Kompromiss zu finden, was die Möglichkeit für den Laden angeht durch die Lesung Einnahmen zu generieren, blieb unbeantwortet.

Der gleiche Buchladen ging ein paar Wochen später mit einer neuen Website online, die, wtf, auch einen E-Book-Shop hat.

Nächste Episode: die Website literaturport.de bietet ein Verzeichnis von aktuellen Autoren an. Autoren können sich dort selbst eintragen und ihr Profil verwalten. Für mich ist die Seite vor allem als Portal für Ausschreibungen nützlich, das Verzeichnis selbst habe ich bisher nie als Recherchedatenbank genutzt, aber ich dachte, mit Veröffentlichung, könnte man den Versuch wagen, sich da eintragen zu lassen. Gleiches Spiel: Ein E-Book erfüllt die Kriterien leider nicht, aber wenn ich eine Print-Veröffentlichung vorliegen hätte, dürfte ich mich gerne melden.

Jetzt ist die Eintragung in das Lexikon für mich kein Ego-Ding und ich könnte auch verstehen, wenn man erst ab zwei Veröffentlichungen oder mehr angenommen wird. Oder wenn ich grundlos abgelehnt würde. Oder oder oder… aber das Argument ein E-Book erfülle die Kriterien nicht, finde ich banal und blind.

Was sagt die Veröffentlichungsform über den literarischen Gehalt einer Veröffentlichung aus? Warum genügt ein digitales Buch nicht, warum muss es gedruckt werden? Warum muss Papier verschwendet werden? Natürlich ist ein gedrucktes Buch ein schönes Objekt – bestenfalls. Ein Buch liegt anders in der Hand, lässt sich beschnuppern, umblättern. Das E-Book ist aber nicht angetreten, das Buch abzulösen. Es ist – aus Autorensicht – eine weitere Möglichkeit und gerade für Autoren, die gerade die literarische Bühne betreten, eine Vereinfachung für den Auftritt auf eben jener. Ohne Druck- und Lagerungskosten ist ein E-Book das kleinere ökonomische Risiko für Verlage – was nicht heißt, dass es als Print-Version nicht genauso lesbar wäre. Es ist aber keine Trophäe, kein agrarisches Objekt mehr, sondern nur noch Text.

Damit es zu diesem Text kommt, unabhängig von der Form des Buchs, muss dieser Text geschrieben werden. Dieser Text muss dann einen Verlag finden, der wiederum den Text lektoriert und korrigiert, setzen lässt und damit in eine ansehnliche Form bringt. Der Weg vom Manuskript bis zum endgültigen Buch ist der gleiche bei E- und Print-Buch.

Nochmals aus Autorensicht: es geht um Lesbarkeit. Meine Texte sollen Verbreitung finden, deswegen stelle ich sie kostenlos auf einem Blog zur Verfügung. Dass einige dieser Texte jetzt in einem Sammelband abrufbar sind, aber nicht mehr auf dem Blog, verlängert ihr Leben, denn das Internet vergisst zwar nichts, aber es erinnert sich auch nur auf Abruf.

Einen rigorosen Vorteil hat das E-Book dazu auch noch: durch seine fluide Form lässt es sich updaten. Das heißt nicht nur, dass man Tippfehler, die das Lektorat übersehen hat, in Echtzeit updaten kann (bei Print-Büchern kommen nur neue Auflagen in diesen Genuss), sondern auch Experimente gestalten. Christiane Frohmann hat das mit ihrem Projekt „1000 Tode schreiben“ gewagt: 1000 Texte über den Tod, in vier Versionen. Wer eine der laufenden Versionen erwirbt, bekommt automatisch auch die neuen Versionen. Die Möglichkeiten digitalen Publizierens stecken noch in den Kinderschuhen, aber jedes Experiment und jeder noch so kleine Versuch etwas anders zu machen, bringt uns weiter. Nur auf die Trophäen müssen wir in unserem Bücherregal verzichten, denn bei E-Books bestehet die Gefahr, dass man sie auch wirklich liest.

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Bild via flickr.

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