Ich kauf jetzt Vinyl.

Vinyl, lange Tod geglaubt, ist jetzt mit Sicherheit kein in der Bedeutunglosigkeit verschwindendes Medium mehr. Was wir schon aus der Kunstgeschichte wissen, beweist auch in der Digitale seine Richtigkeitkeit: nichts verschwindet, findet aber wohl seine Nische, die seinen Vorteilen entspricht. Die Nachteile werden von Liebhabern stilisiert, denn so ist das doch in der Liebe, man liebt jemanden gerade wegen seiner Fehler, nicht nur wegen der Vorteile.

Die Vorteile, die Vinyl hat, kannte ich, konnte sie auch reproduzieren, aber der persönliche Bezug fehlte mir bis vor kurzem. Jetzt aber mit Plattenspieler ausgestattet, hat das Sammelfieber angefangen. Zum Glück gibt es mehr Platten als Pokémon (wer Pokémon-Vergleiche scheiße findet oder nicht versteht, der sollte in den nächsten Absatz springen), aber eines haben beide trotzdem gemeinsam. Je öfter man sie spielt, desto besser werden sie. Letzten Sonntag war ich auf einem Flohmarkt und da tauchte plötzlich ein wildes Grace Jones auf, im Verbund mit einem Pet Shop Boys und einem Village People. Dafür musste ich zum Glück keinen Meisterball auswerfen, kurz getackled und schon erledigt.

Musik zu entdecken, heißt Jury spielen. Es gibt jeden Tag ein offenes Casting, wer auf Empfehlung kommt, der hat einen kleinen Bonus. Vielleicht ist das unfair, vielleicht gefällt mir manchmal etwas nicht, das mir eigentlich doch gefallen könnte – aber das liest sich nicht nur scheiße, sondern ist auch viel zu abstrakt. Der eigenen Intuition zu vertrauen lohnt sich da doch viel mehr. Meine Hörgewohnheiten nähren aus sich meiner Verfassung und meinem Musikkonsum und so vielen anderen Parametern, die ich jetzt nicht auf dem Radar habe. Setze ich mich der Musik also bewusst aus, höre genau hin, dann werde ich mit Sicherheit merken, was mir gefällt und was nicht. Und was mir gefällt und was nicht, diktiert sich zum Glück nicht mehr aus einem Bravo-Kanon und einem Häkchen bei 8 der Top 10, sondern aus einer Vielzahl von Quellen, die ich weder überschauen, noch gut ordnen kann. Ich surfe nämlich nach Musik.

Surfen, das ist dieser meditative Zustand, bei denen das weiße in den Augen hervortritt und man mit dem dritten Auge sieht. Die Chakras werden zu USB-Ports. Der digitale Flow reist dich mit und es geht von Website zu Website, Klick für Klick, bis du wieder aufwachst und 10 zip-Files in deinem Downloadordner darauf warten wie kleine Weihnachtsgeschenke ausgepackt zu werden. Idealerweise sind diese legal erworben, aber die Realität sieht oft anders aus, weil niemand sich leisten kann so viel Musik zu hören, wie er kauft.

Kaufen will man diese Musik allerdings dann schon, wenn sie gut gefällt. Genau damit kann man dann Künstler, die man gut findet (und ohne Download gar nicht erst entdeckt hätte) bewusst durch den Kauf der auratischen Platte fördern. Und jetzt kommt der Punkt bei Vinyl: das digitale Objekt ist zwar theoretisch schnell auffindbar, aber es ist und bleibt eine Datei, der ich tendenziell weniger Aufmerksamkeit schenke, als einer Platte (oder Kassette). Von den Gigabyte und Stunden an Musik kann ich zwar lange zehren, aber durch den immer neuen Nachschub entsteht eine kritische Masse, die ich, so leid mir das tut liebe Musiker, nicht mehr überschauen kann. Meine Plattensammlung ist zwar noch überschaubar, aber auch wenn sie das nicht mehr ist, wird es ihr gehen, wie meinen Büchern: ich weiß sofort wo es steht, sehe die Nachbarn und höre dann vielleicht nicht, was ich im Sinn hatte, aber was anderes. Weder meine digitale noch meine analoge Musiksammlung will ich aufgeben oder gegeneinander aufspielen, aber mit beiden zusammen habe ich nicht nur die Möglichkeit verschiedene Klangerfahrungen zu machen (der warme Sound einer Platte gegen den dann doch kühleren Sound einer mp3), sondern…

Oh shit, ich muss die Platte umdrehen, ein andermal, sorry. Der erste Track der B-Seite kommt so gut.

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