Die queere Gretchenfrage

„Und, wie hälst Du’s mit der Religion?“ ist die Frage, die ganz basal-banal, gestellt gehört, bevor man sich auf das schwierige Gebiet zweier Ängste wagt, die gerade gegeneinander ausgespielt werden. Die Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes geht mit einer ganz perfiden Angst eine Koalition ein, die gefährlich ist: die Angst vor Homophobie. Der Islam wird zum Phantasma der barbarischen Religion, deren archaische Grundsätze unsere hart erkämpften Freiheiten in Scharia-Ketten legen will. Der „Islam“, der genauso „homophob“ ist wie das Christentum, der genauso als Rechtfertigung für das Töten von LGBTIQ-Menschen herhalten kann, wie jede andere Religion und damit Ideologie, wird per se zum Feinbild erklärt. Gleichzeitig funktionieren solche Aussagen nur über Verallgemeinerungen, die Strömungen innerhalb dieser Felder wegbügeln. Mir geht es nicht um die Feinheiten religiöser Einstellungen, sondern um die Instrumentalisierung von Ängsten vor Ängsten und die durchaus gefährliche und demagogische Mobilisierung von Menschen gegen andere Menschen aufgrund von Merkmalen, die aus komplexen Subjekten holzschnittartige Feinde macht.

Es geht schlichtweg, wie bereits bei Gretchen und Faust im Garten, um die Frage der Religion. Das vermeintlich zu verteidigende, vermeintlich christlich-jüdisch geprägte Abendland ist, Karten auf den Tisch, genauso ein Moloch der homophoben Abgründe, wie der Rest der Welt, der erst durch mit harten Bandagen erkämpftem Widerstand gegen bestehende Ordnungen in den letzten 100 Jahren Schritt für Schritt zu einem sichereren Ort werden konnte, aber noch lange nicht ist. Das soll jetzt nicht die drakonischen Strafen herunterspielen, die es noch immer in viel zu vielen Ländern gibt. Aber strukturell muss nicht erst der Staat eingreifen und Menschen töten – auch Homophobie und die daraus resultierenden psychischen Schäden treiben Menschen in den Tod. Nicht die Qualität der Homophobie interessiert mich in dieser Analyse, sondern ihr strukturelles Auftreten. Dass mir damit wichtige Faktoren fehlen, muss die Analyse in Kauf nehmen, weil die Ebenen sonst verwischen. Die Geschichte der Homophobie ist eng geknüpft an die Erfindung der Homosexualität als Identitätskategorie. Historisch gesehen liegen die Einschreibung der Heteronorm und die Ausschreibung der Homos nicht weit vom Aufkommen der ersten emanzipatorischen Bestrebungen. Das 19. Jahrhundert beschert uns die Prüderie und das beginnende 20. Jahrhundert ein verkokstes Berlin voller Sextouristen auf der Suche nach Sex – die Goldenen 20er, die Klaus Mann und Christopher Isherwood so plastisch beschreiben.

Emanzipation darf, bedenkt man, was die Nazis aus dem Weimarer Berlin gemacht haben (es einfach weg zu zensieren), nicht im Narrativ des Fortschritts erzählt werden, denn sie ist keine Garantie und kein Download, sondern ein immer wieder neu zu verhandelndes Diskursfeld. Die jetzt auf den Plan tretende Diskussion um Religion, die nur Vordergründig zur Projektionsfläche für eine Vielzahl von Ängsten und Übergangsprozessen steht, darf nicht unreflektiert die queere Emanzipationsgeschichte in Geiselhaft nehmen.

Die Religion funktioniert als ein Träger für eine Ideologie, die tiefer greift, als religiöses Empfinden. Die Religion ist – politisch betrachtet – dankbares Medium für Grundsätze, die hegemoniale Ordnungen festschreiben, die oftmals nichts anderes als Machstrukturen unter Prämissen sind, die auf einem binären Geschlechtersystem beruhen. Die heteronormativ-patriarchale Ordnung ist ein praktisches Diktum, denn durch die Unterdrückung von Frauen und devianten Männern entsteht ein System, das einer Minderheit die Möglichkeit an die Hand gibt, über eine Mehrheit zu entscheiden.

Diese Grundgleichung der Macht gilt für die allermeisten Gesellschaften (These) und ist gerade dabei zu zerfallen (Hypothese). Religion ist dabei nur ein Faktor, der in den Machtapparat inkorporiert wurde. Wer noch immer glaubt, es ginge bei Terrorismus um tatsächlich rein religiöse Inhalte, der verfängt sich in einem Gewirr, das zu so eklektizistischen Arugmentationen führt, wie man sie bei unbequem vielen Kommentaren vorfindet, die nichts anderes können, als durch affektheischende Strategien und Kritik an einer angeblich verkrusteten Medienelite, gerne auch „schwule Meinungsführer“ genannt, die Diagnose einer verblendeten politischen Über-Korrektheit stellen. 

Das Perverse an dieser Gemengelage an widersprüchlichen Diskurssträngen kommt hoch, wenn man betrachtet, wer wie argumentiert. Die Angst vor dem Islam (in der queeren Diskussion) wird von Menschen geschürt, die genau die Bewegung, die ihnen die Freiheit, in der sie heute Leben, verachten. Queerness, das Dekonstruieren von Geschlechterbinarität, die Solidarität zwischen den so diversen Identitäten, ist das Erbe mutiger Generationen, die nicht nur kämpften, sondern konsequent auch bestimmte Erfahrungen zu Einstellungen verarbeiteten, die sie bis heute prägen. Diesen Menschen nun vorzuwerfen und per Ferndiagnose zu unterstellen, sie würden aus purer Feindschaft zum christlich-jüdischen Abendland (sic!), das ihnen das Leben schwer gemacht hat, den Islam hypen und verteidigen, agitiert radikal gegen alles, wofür die schwul-lesbische, später queere, Emanzipationsbewegung steht. Sollten Menschen, die mit einer nicht-heteronormativen Sexualität in einer durch und durch homophoben Gesellschaft aufgewachsen sind, nicht eigentlich solidarisch sein? Sollten Menschen, die Diskriminierung erlebt haben, nicht durch und durch reflektiert mit anderen umgehen können? Also auch nicht auf Grund von Religion gleich auf eine Geisthaltung schließen, genauso wenig, wie von Sexualität gleich eine ganze Persönlichkeit entsteht?

Nicht von der Hand zu Weisen bleibt die Gefahr, die von Religion ausgeht, die Gefahr, die von Ideologien ausgeht, die hegemoniale Strukturen mit Gendernormen verbindet, aber setzt man diese Kritik zum Maßstab, macht man nicht beim Islam halt, sondern meint schlichtweg die Welt, in der wir leben und gegen die wir vorgehen müssen. Unterm Strich sind jene Kritiker Zeichen einer Sedimentierung, die wir als Warnung lesen müssen, unsere Dissonanzen nicht zu vergessen. Dissidenz ist Homopflicht. 

Die queere Gretchenfrage lautet also: „Und, wie hast du’s mit den Homos*?“. Stellt man diese Frage an radilake Linke, Fachisten, Neo-Nazis, Islamisten, Christen, fundamentalistische Christen, Sozialisten, Kommunisten, Marxisten, Leninisten oder Adventisten wird man wohl innerlich, wie Gretchen, immer hinzu setzen müssen: „Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Noch politischer als Religion ist also Sexualität, denn die Macht uns zu Menschen, denn die ist, woran sich Machtfragen entscheiden. Alles andere ist nur Make-Up für hegemoniale Strukturen, die gerne heilige Versprechen machen, um die Dystopie ins Jetzt zu holen. Die Zeiten, in denen quasi nur Religion die Macht kaschierte ist vorbei, seit der Papst nicht mehr krönt, wer regiert. Die Zeiten, in denen sich junge Menschen vordergründig religiös motiviertem Extremismus anschließen ist gerade gekommen, weil die Welt, in der wir Menschen leben, von so viel Ungerechtigkeit geprägt ist, dass wir des Pudels Kern verneinen, wenn wir jetzt mit Religion kommen. Der Kapitalismus fordert zu viel, er wird langsam zu aufdringlich, die Rechnung stellt sich von selbst, lieber „Westen“. Damit meine ich keine Sympathie für Terrorismus, aber die Erklärungsmuster will ich angreifen.

Ich glaube nicht an Religion. Ich glaube auch nicht an Geschlechter. Weder Gott noch Gender hat mir jemals jemand beweisen können. Viele Menschen um mich herum aber schon und dennoch bin ich Utopien noch nicht satt, dennoch denke ich, dass wir gerade eine Chance bekommen, die, wenn wir sie nutzen, mal nicht in einen Rechtsruck führt. Die Grundpfeiler, die wir erschüttern müssen, gehen tiefer als Religion oder Abendland oder andere Konstruktionen, derer wir uns bedienen. Es geht um Verästelungen von Machtsystemen, die man nur in ihrer Komplexität anerkennen kann und deren Vereinfachung zu nichts anderem führt als grobschlächtige Argumente, die nur überzeugen, wem es eigentlich zu gut geht. Weder fallen alle schwule Männer über „unschuldige“ Männer her, noch sind alle Muslime Terroristen mit Bombenbausatz. Weder sind alle Homos Atheisten, noch alle Muslime verklemmt. Weder Religion noch Sexualität bestimmten wer wir sind, denn gegeneinander ausgespielt, verneinen wir nur die Komplexität einer Welt, die eigentlich so einfach sein könnte, wären wir nicht damit beschäftigt einander das Leben schwer zu machen.

*was natürlich wieder die Diversität der Identitäten eingrenzt, aber rhetorisch erlaubt sein soll, sonst verlieren wir uns wieder in linken Stellungskriegen, anstatt etwas zu verändern.

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Bild: James Tissot. Faust and Marguerite in the Garden. Via Wikicommons.

Kommentare (6)

  1. robertniedermeier

    Jens Spahn schwadronierte die Tage über „importierte Homophobie“, fordert das Burka-Verbot, damit er und sein Freund nicht „schräg angemacht“ werden. Aber ob seine Fans deinen Text verstehen? Ich befürchte nicht. Das Schlimme ist: Typen wie Spahn wissen was sie tun. Sie spielen aus Berechnung Menschengruppen gegeneinander aus.
    Der BLSJ bezog auf Anfrage Stellung zum Thema, bezüglich der Entlassung des „rechtspopulistischen“ David Berger als „Männer“-Chef.
    http://www.blsj.de/presse/archiv/pressemitteilungen/zum-wechsel-in-der-chefredaktion-vom-magazin-maenner/

  2. Patrick Schuckmann

    Leider verstehe auch ich den Text nicht so ganz. Was nicht unbedingt am sicherlich interessanten Inhalt liegt. Jede Menge Schreibfehler (z.B. Groß- und Kleinschreibung!), verschwurbelte Satzstrukturen („Emanzipation ist…“) und falsch angewendete Fremwörter (was sind „derivate Männer“?) erschweren das Lesevergrnügen. Leider nicht auf dem gewohnt hohen Niveau. Vielleicht einfach noch mal drüber gehen, Herr Junk? Liebe Grüße, Ihr Deutschlehrer.

    • wolfauftausendplateaus

      Herr Junk geht nochmals drüber, es sind natürlich deviante Männer. Tut mir leid.

      • Patrick Schuckmann

        Das freut mich. Dabei hab ich gerade gemerkt, dass ich den nöligen Kommentar ausgerechnet an deinem Geburtstag gepostet habe. Ein Tag, an dem man den talentierten jungen Autor doch eher loben und feiern sollte für seine interessanten, klugen und kurzweiligen Texte. Sorry.

  3. Das Problem an diesen amüsanten Diskussionen ist, sie gehen an der sich rasch verändernden Realität vorbei. Wie lange wird es noch dauern, bis kein Gay-Pride mehr stattfinden darf, weil bestimmte Kulturkreise das als Blasphemie betrachten? Auch nach der ersten Pride Absage wegen „allgemeiner Bedrohungslage“ oder „religiöser Beleidigung“ wird diese amüsante Diskussion um ihrer selbst willen fortgeführt werden.

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