Alltagsästhetik: Sushi bestellen.

„Wir mögen Sushi“ hat mal eine Bekannte gesagt, die 10 Jahre älter als ich, und vollkommen von ihrer Bridget-Jones-Beziehung eingenommen war. Ihre Beziehung war so eine viel zu große Maki-Rolle, die in zu wenig Alge und zu viel Füllung hatte, dass, sobald man das Thema anfasste, sie alles vereinnahmte. Wollte man ihre Beziehung in die Soße tauchen, um sie zu würzen, die läste die Soße aber das ganze Konstruktauf und anstatt nur kurz in die Soße zu dippen, löst es sich auf und verliert seine Schönheit, nur noch einzelne Reiskörner, roher Fisch und ein klebriges Stück Avocado. Das Gespräch ufert aus, überall Sushi, vollgepatscht mit Soße, wonach mein weder Lust auf Essen noch auf Beziehung hat. „Wir mögen Sushi“ ist für mich die innere Catchphrase, wenn eine Beziehung zu weit geht. Meine Gedanken bekommen dann ein #wirmögensushi, aber nur heimlich, weil ich kein Twitter benutze (Folgt mir hier!). Trotzdem mag ich Sushi noch immer.

Sushi, eigentlich eine chinesische Erfindung, in Japan perfektioniert (wie so vieles), gehört mittlerweile so fest in den Kanon von verfügbaren Speisen einer jeden (halbwegs verwestlichten) Stadt auf dieser Welt, dass ich das Japanische aus dem Gericht gestrichen habe, ihm kein Exotismus mehr anhaftet, sondern die Konnotationen und Assoziationen von Sushi sich ganz verschoben haben. Sushi ist durch und durch Beziehungsessen. Die Beziehung zu mir, zu anderen : Liebe, die durch dn Magen geht, ist, ganz bescheiden, Sushi. Es muss nichtmal gutes Sushi sein, also richtig gutes, das wäre schon wieder zu teuer. Sushi ist der kleine Luxus. Aus dem Bett aus mit einem Smartphone einen Lieferservice dazu zu beauftragen eine große und bezahlbare Menge Essen zu liefern gehört zu den wenigen Luxusmomenten. Sushi bestellen ist geradezu ein Hobby. Sushi ist das Epitom von Faulheit und Selbstpflege. Wenn schon Essen bestellen, dann aber bitte Sushi.

Jetzt habe ich eben Sushi bestellt, da wo immer (Treuepunkte) und so viel wie immer (Reflex). Jetzt ist mein Partner aber gerade gar nicht in der Stadt und ich bin alleine. Jetzt hat mir der Sushi-Lieferservice 4 Stäbchen dazugelegt.

Vier Paar Stäbchen. Ein Menü für zwei Leute. Ein Esser. Der Lieferservice denkt also: vier Leute wollen diese Menge Sushi essen. Ich bestelle eine bestimmte Menge Sushi, weil #wirmögensushi. Am Ende sitze ich auf der Couch, alleine, mit vier Stäbchen. Wären wir zu zweit gewesen, hätte ich mich daran nicht gestört, die Stäbchen zu den anderen verwaisten, alten Stäbchen getan, die ich eigentlich nur dazu benutze, den Abfluss zu reinigen, weil der Lieferservice immer zu viele Stäbchen mitbringt. Diesmal waren es aber so viele Stäbchen mehr, dass mir auffiel, wie aufgeladen das Sushi ist. Wie zu viel Wasabi brennt der Kitsch in der Nase.

Sushi ist ein so besonderes Essen, weil es Popkultur geworden ist: leicht zu verdauen, kann, muss aber nicht, gut gemacht sein, irgendwie besonders aber dann doch wieder zu einfach zu haben. Das auratische an Sushi kommt von den letzten Reminiszenzen seiner Exotik, obwohl es so viel mit Japan zu tun hat, wie Döner mit der Türkei (gibt’s da auch, aber anders). Es wird damit zur perfekten Ausnahme. Es ist eines der wenigen Gerichte, die ich nicht gerne selbst koche. Sein Genuss erfordert nur scheinbar Konzentration, es ist portioniert und muss nur noch gedippt werden, das perfekte Ritual für einen verkaterten Sonntag also, an dem die Motorik leidet und der Kopf nur Herausforderungen annehmen sollte, die zu bewältigen sind.

Ich saß also mit vier Stäbchen und einer großen Menge Sushi auf der Couch. Zu viel Sushi für eine Person. Die auratische Kraft des Sushi, seine Fähigkeit nur in den zwischenmenschlichsten aller Momenten aufzutauchen, stieß mich auf das bitter-süße Vermissen und mir wurde klar, dass das Restaurant suggestiv die Menge der Lieferung durch die Anzahl der Stäbchen herunterspielt, damit man in Zukunft mehr bestellt. So viele Erkenntnisse, eingerollt und eingetunkt, das muss fernöstliche Weisheit sein.
Oder Sonntagabend, wenn die Welt komplizierter scheint, als sie eigentlich ist.

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Bild via Flickr.

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