Tausend Tode schreiben: Einer von uns.

„Schon wieder einer von uns“, ging mir durch den Kopf, als ich hörte, wer gestorben war. Etwas in meinem Geist funktionierte schneller als der Rest. Ich musste innehalten und meinen eigenen Gedanken nehmen, ihn aufbrechen und betrachten:

Schon wieder?

Der zweite Tod innerhalb eines Jahres in meinem weit verstreuten Bekanntenkreis.

Einer von uns?

Ich hasse dieses „uns“, weil ich mir dabei schäbig vorkomme, will mir diesen Tod nicht aneignen, will nicht Trauer heucheln, wo Angst aufkeimt, will mir nicht zu nahe kommen lassen, was da passiert ist.

Wir waren nicht direkt befreundet. Wir haben uns nur in der Öffentlichkeit der Berliner Halbwelt gesehen. Wir waren beide Teil des sozialen Interieurs in einem halbseidenen Milieu, das ein besonderes Verhältnis zum Tod hat. Wir stehen am Rande der Gesellschaft, die in den Abgrund rutscht und je weiter ihr Zentrum versinkt, desto weiter oben thronen wir, eines der kommenden Extreme. Da wo wir stehen, mischt sich all das, was das Zentrum nicht wahrhaben will: Sex, Drogen, Musik.

Jahre davor: Ich stehe mit einer Bekannten auf der Toilettes eines großen Berliner Clubs, der Bass lässt die Wände flackern, unsere Realitäten oszillieren. Sie bietet mir Drogen an, die man eigentlich nicht mischen darf. Drogen haben Richtungen: hoch oder runter. Upper und Downer. Zu viel up oder down überlastet den Körper. Sie bietet mir zwei Downer an. Vorsichtig dosiert. Ich lehne zögernd ab. Sie sagt: „Sind wir doch mal ehrlich: darum geht es doch. Um die Gradwanderung.“

Auf mein Zögern erwidert sie: „Wir passen aufeinander auf.“

Am Ende sollte ich bewusstlos auf einer Toilette liegen.

Diese Drogen haben ihn am Ende wohl getötet, wobei der genaue Cocktail nicht weiter klar ist und wohl auch nichts zur Sache tut. Gefunden wurde er, alleine in seinem Zimmer, dem Leben, dem er all die Jahre in Berlin immer die Extreme abgewann, entronnen.

Als ich ihn kennenlernte, war er noch unscheinbar. Ich las seine Arroganz als Zeichen der Unnahbarkeit und noch nicht als Selbstschutz. Ich war verknallt in ihn. Dieser kleine Crush ging nie weg, der Crush auf den schönen Jungen mit den blonden Haaren.

Jetzt, wo er Tod ist, bereue ich, ihn nicht besser gekannt zu haben, obwohl ich das Gefühl habe, ihn intuitiv zu verstehen. Im Ansatz sehe ich, welche Wege er eingeschlagen hat. Ich sehe auf der Karte der Möglichkeiten den kleinen Trampelpfad, kenne den verführerischen Duft, den die Beeren am Wegesrand verströmen, denn auch ich hab mich am Tod berauscht, von seinen Früchten genascht. Die letzten Wehen der Adoleszenz habe ich so eingeleitet, künstlich und chemisch, eine letzte Schlacht gekämpft, um zu lernen, dass als Sieger nur hervorgeht, wer die Ermattung nach dem Kampf erträgt.

Die Welt, in der wir leben, trägt meiner Generation eine klebrig-süße Sehnsucht nach dem Verderben zu. Einige sind daran bereits erstickt. Ich hoffe, es werden nicht mehr. Ich hoffe, ich bin bereits auf der anderen Seite, ohne Tod zu sein.

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Beitrag zum Sammelband “Tausend Tode schreiben” (Christiane Frohman, Hg.) erschienen im Verlag C. Frohmann und erhältlich unter anderem bei minimore.de für 4,99€.