Rezension: Du, der Saisonarbeiter.

Heike Geißler spricht Sie direkt an. Also eigentlich mich, damit den Rezensenten, aber auch Sie, den geneigten Leser, damit uns, die wir uns über dieses Buch beugen, das wir unter Umständen da gekauft haben, wo es Heike Geißler aus finanzieller Not hinverschlagen hat. Wir könnten uns auch Duzen, denn so macht man das bei Amazon, dem literarischen Schlachtfeld für Heike Geißlers Abrechnung mit einem Konzern, den keine Doku auf den Öffentlich-Rechtlichen so unsympathisch machen könnte, wie diese literarische Reportage. Eine Reportage die unter die Haut geht, weil die Erzählzeit in einem Text ungleich länger ist als in einem Film und damit das Grauen sich sorgsamer in unsere Poren massieren lässt.

Geißler spielt alle Trümpfe aus, die sie als Erzählerin in der Hand hat. Sie bemächtigt sich ihres Stoffs, tötet sich selbst als Autor und dekonstruiert sich selbst als post-fordistisches Subjekt, das in die Fänge einer Maschine geraten ist, deren Existenz man lieber im Reich der Dystopie vermuten will. Was sie dann auferstehen lässt ist eine Zwischenfigur, die Geißler mit ihren eigenen Erfahrungen beschmückt. Wir als Leser werden auf eine Reise mitgenommen: eine Reise, die frühmorgens an den Rand von Leipzig führt, in eine kleine Parallelwelt. Weil aus dieser gefrickelten Perspektive erzählt wird, geht es uns wie dem Frosch, der im warmen Wasser schwimmt und nicht merkt, wie es heißer wird, bis er schließlich im kochenden Wasser stirbt.

Das warme Wasser, der Job bei Amazon, kommt auf Heike Geißler zu, weil, das ist Teil der Erwerbsbiographien unserer Dekade, es gerade eng ist und das mit dem Schreiben nicht genug abwirft. Trotz Kinder und unterstützendem Partner bietet sich dieser Job an und, wir, die wir als Heike Geißler in das sumpfige Abenteuer-Amazon springen, dürfen es uns in einer fremden Haut bequem machen:

„Sie gehen los, ich begleite Sie und sagen Ihnen, wie alles und was Ihnen passiert“, heißt es gleich zu beginn. Was uns passiert, zeigt die Absurdität des Kapitalismus: Saisonkräfte aus verschiedenen Bereichen werden bei Amazon eingezogen, um eine Maschine am Laufen zu halten, die uns den Versand von beinahe allem zu jederzeit sehr schnell verspricht. Das Internet, das wir abstrakt über die gläsernen Bildschirme bedienen, über die Frontends, also den sichtbaren Teil, hat allerdings auch Auswirkungen auf die Realität. Diese Realität ist eine Versandhalle: „grau, und flach parallel zur Straße gebaut, ist riesig, aber diskret.“ Das Logistikzentrum des Weltkonzerns kommt daher wie „ein gezähmter Riese, oder wie ein Inhaftierter auf Freigang, der sich bemüht, weder straffällig zu werden noch so zu wirken als könnte er es wieder werden.“ Das Buch, bei Amazon bestellt, per Online-Banking bezahlt, muss am Ende aus einem Regel in ebendieser riesenhaften Versandhalle geholt und artig verpackt werden.

hier gibt es nicht nur Ellbogen-Hierarchien, sondern auch Sexismus an jeder Ecke. Heike Geißler, und damit wir, hat es nicht leicht und ein Job, der glücklich macht, scheint dieses Amazon nicht zu sein. Ganz ohne Weichzeichner, aber auch ohne Häme, zeichnet die Erzählerin ein Bild von ihren Mitarbeitern, die wir allzu schnell mögen, die wir hassen lernen und denen wir schneller ausgeliefert sind, als wir wollen. Die Tage als Saisonarbeit sind zwar von vorne herein angezählt und trotz schlechten Gewissens, kommt eine Erkältung, aber es zieht sich. „Sie zählen Tage“, hämmert Geißler uns ein, „nennen jeden Tag einen Tag weniger.“ In poetischer Sprache versüßt Geißler sich und uns die Notwendigkeit der Erwerbsarbeit: „Sie werden diese Zeit, die vorhersehbare Erfahrungen und ein wenig Geld brachte, zwischen diesen Klebelinien eingefaltet wissen, von der Zeit davor und der künftigen Zeit abtrennen und gesondert aufbewahren oder – besser noch – verlieren.“

War es nun also verlorene Zeit, die wir mit (oder als) Heike Geißler (oder: der an sie angelehnten Protagonistin, mit der wir verschmelzen, deren Leben wir so beleihen, wie Amazon ihre Arbeit) ?Wohl kaum, denn sonst hätten wir diesen Text nicht vor uns. Interessant ist Geißlers Bericht aus diesem Schattenbereich unserer Gesellschaft und Wirtschaft aber nicht nur wegen seiner detaillierten Tiefe, die Schärfe der Dialoge und die Härte der vorgeführten Banalität. Es sind die Fragen, die sie gleich zu Beginn programmatisch stellt, denen man sich im Verlaufe des Berichts nähert. Was heißt Versagen? Was heißt sozialer Abstieg? Manchmal entstehen die besten Texte, die besten Antworten, aus einer Notsituation heraus, die uns zu Fragen zwingt, die unbequem sind.

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Heike Geißler: Saisonarbeit.
Erschienen in der Reihe Volte. Hrsg. Jörn Dege & Mathias Zeiske. Spector Books Leipzig
ISBN 978-3-944669-66-3
270 Seiten, 14 Euro

Auch als e-Book bei mikrotext erhältlich.

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