Die neuen Widersprüche

Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage wird klar, dass die Zeiten, in denen man sich politische Indifferenz leisten konnte, eindeutig zu Ende gekommen sind. Konflikte brechen auf, werden ausgetragen und fordern uns dazu auf, unseren Kopf wieder anzuschalten. Die Gefahren, denen wir ausgeliefert sind, sind seit Beginn des jungen Jahrhunderts andere, als die, mit denen wir aufgewachsen sind – zugleich sind sie aber auch keine Phänomene, denen wir uns verschließen dürften. Die Stereotypen, die wir als intuitiv wahrnehmen, sind überholt: links, rechts, ein einheitliches Feindbild, überhaupt die Notwendigkeit eines Feinds, das Leben in Frieden und das Ende des Endes der Geschichte, deren Ende sich als Gag mit schlechter Pointe herausstellt.

Hatte sich Simon Strauß nicht kürzlich in der FAS nach Streit gesehnt, um die „Generation Merkel“, der er sich selbst zuordnet, wieder ein bisschen auf Trab zu bringen? In seinem Essay spricht er einen Strang aktueller Debatte an, der an Dringlichkeit zunimmt, wenn wir bedenken wie komplex die Welt wird, in der wir gerade Leben und diskutieren. Er fordert mehr Diskussion, mehr Dissidenz und mehr Widerspruch ein; im Feuilleton, wie passend, dem Guckkasten der links-liberalen Bürgerlichkeit auf die Welt, von der wir noch immer nicht wissen, was sie denn nun im Innersten zusammen hält, die schlimmer noch, wie ein ungeschorener Pudel, immer dicker und fluffiger wird.
Mit der gefühlten Komplexität unserer Welt nimmt allerdings der Rückzug gleichermaßen zu und da stehen wir schon vor dem ersten Dilemma, dem ersten dieser neuen Widersprüche (dazu aber gleich mehr).

Wollte man die ideologischen Sollbruchstellen, mit denen wir hantieren, herunterbrechen, dann würde das für die beiden (einzigen) Himmelsrichtungen, folgende Faustformeln bedeuten: Rechtes Denken richtet sich auf den Erhalt eines (instrumentalisierten, kitschigen, verklärten, imaginierten) Status quo, der durch die Gegenwart prekär wird – Gefahr im Verzug. Linkes Denken dagegen sieht die Gefahr bereits eingetroffen, der Status quo ist nicht schützens- sondern bekämpfenswert und muss ersetzt werden durch ein (instrumentalisiertes, kitschiges, verklärtes, imaginiertes) Utopia. Im besten Falle ist diese Utopie sich ihres dauerprekären Zustands bewusst. Im Gegensatz zum rechten Paradies, das bereits per se verloren ist und wenn nicht nur beschützt, sogar wieder erkämpft werden muss, ist das Erreichen von Utopia ein auf Dauer gestellter Zustand, hat eine Progression von romantischer Qualität. Die absolute Gleichheit wird niemals eintreten, sie ist immer zu erkämpfen, denn jedes System wird seine Aussätzigen produzieren, jedes System wird Teile von und in uns diskriminieren und nur ein stets wacher und mit der Lust am Streiten ausgestatteter Geist, wird in dieser Welt seine Freude haben können. Wir müssen also Streiten wollen, wenn wir die Widersprüche aushalten wollen, die die Welt, in der wir Leben, uns mitgibt, die wir noch nicht aufgelöst haben.

PEGIDA, um eines der Kinder beim Namen zu nennen, die gerade so laut quäken, macht diesen Widerspruch in seinem Positionspapier ganz deutlich. Voller FÜRs und GEGENs und ! ist es da. Man kommt nicht umhin die Imperative mit in die Brust geworfener, kehlig hervor gepresster Stimme zu lesen, aber das nur am Rande.
Am Anfang, für den eiligen Leser also schnell sichtbar, einige FÜRs, denen man folgen will. Es geht da um Asylgesetze und „Menschenpflicht“ – Menschenrechte, will man übersetzen, aber die Pflicht soll da stehen bleiben, offenbart sich da doch schon eine Tendenz. Bei Punkt Neun wird aber klar, dass es ein ABER geben muss, für diese FÜRs, denn „PEGIDA ist FÜR eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten.“ Menschenpflichten ausgehebelt, im Zweifel halt dann doch für das Volk, das sie sind, das sie vertreten, diese patriotischen Europäer. Da glaubt man die Ratte schon beim Schwanz gepackt zu haben, geht es weiter mit einem GEGEN „dieses wahnwitzigen Gendermainstreaming“, das nämlich nichts weniger entartetes ist, als die „nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache!“ – (die man bei PEGIDA leider auch nur bedingt beherrscht, wie man bei Facebook sehen kann, aber auch das nur am Rande, denn ich will nicht zwanghaft Stilpolizei spielen – vielleicht wäre ich dann nämlich Teil der Parallelgesellschaft, vor PEGIDA so viel Angst hat).
Auf der einen Seite sind liberal bis linke Diskurse von Menschenrechten, Gleichheit und Anti-Sexismus angekommen (Frauenfeindlichkeit wird dem Islam vorgeworfen), zugleich offenbart sich die Grenze dieses Kompromisses schnell, wenn es um Toleranz geht (Gendermainstreaming ist dem Wahn zuzuschreiben. Ausgerechnet dem Wahn, dem antifeministischen Diskurs schlechthin, aber auch das nur am Rande).

Wie vor dieser Welt bestehen, bei der im rechten Spektrum für die Rechte von Frauen gekämpft wird (wenn auch nur mit dem Islam als Feindbild, Sexismus im eigenen Lager gibt’s wohl nicht)? Wie soll man den Alltagsstress bewältigen, wenn gleichzeitig in Paris Karikaturisten mit Alt-68er-Humor abgeschossen werden? Ziehen wir uns doch lieber zurück, gehen zum virtuellen Yoga bei McFit oder trinken eine Tasse Cocooning-Tee, während wir Jazz-Platten aus den 50ern hören. Pflegen wir unser Selbst, besinnen wir uns auf Werte, definieren wir neu, was wir wollen, sind wir spießig, ohne Spießer zu werden, machen wir alles anders als unsere Eltern und enden dabei hinterm Ofen, vor dem wir mit unseren Lebensentwürfen keinen Hund mehr hervorlocken. Der Widerspruch, der sich hier auftut, ist der zwischen der Notwendigkeit von Entspannung und unserer (vermeintlichen) Einfallslosigkeit, mit der wir der Anspannung begegnen. Es ist ein systemindizierter Widerspruch, denn die Arbeitswelt, in die wir einbrechen, die über uns hereinbricht, mit all den neuen, digitalen Jobs und all ihren Notwendigkeiten, wird zugleich zu unserer alleinige Lebensrealität, der wir zu entflüchten versuchen und zugleich ist sie unser Feindbild, an dem wir uns abarbeiten, dem wir uns medienwirksam entziehen. Angeblich wollen wir zu viel, weswegen man uns mit Y gebrandmarkt hat und zugleich richten wir zu wenig aus, denn angeblich ziehen wir uns aus der Öffentlichkeit zurück, wobei wir zu viel auf Facebook abhängen, wie Waschweiber, die nichts besseres zu tun haben als zu tratschen und Selfies zu posten. Am Ende sind wir aber vor allem eins: ziemlich banal. Während die einen sich radikalisieren, auf ihre ganz eigenen Barrikaden gehen, liegen wir noch auf der Couch, ungefährlich für das System, das uns nährt, das wir eigentlich nähren und dessen Krise unser Dauerzustand ist. Auf der einen Seite halten wir uns für links, weil wir vegan Leben (oder wie Marusha halt doch manchmal Fleisch essen) und nichts bei Retailern kaufen wollen, die Näherinnen in Bangladesch ausbeuten, auf der anderen Seite müssen wir unserem prekären Leben Kompromisse abringen, derer wir nicht stolz werden dürfen, denn – und da wird’s richtig bürgerlich – das würde nicht dem Bild entsprechen, das wir von uns selbst zeichnen wollen. Wie links sind wir eigentlich? Wie links können wir sein? – Halt, das ist die falsche Frage, denn genau tappt es sich wieder so gemütlich in die Banalisierungsfalle. Seelenhygiene ist sinnvoll, solange wir damit keine neue Industriezweige begründen, die der kognitive Kapitalismus aussaugen kann. Der Kapitalismus, den wir so gerne als Feind des linken Denkens betrachtet haben, beweist schon lange seine Fähigkeit alles zu kommodifizieren, was nicht bei drei auf dem Baum ist – bevor er dann doch gerodet wird.

Zurück zur anfänglichen Definition von „links“ und „rechts“ – was wollen wir? Den Status quo erhalten, oder für eine Zukunft kämpfen? Diese Logik ist nicht mehr gültig. Wir können nicht mehr für eine Zukunft kämpfen, die angesichts der Schnelligkeit der Veränderungen ohnehin auf uns zu rollt, weil wir nicht wissen, was Smartphones schon übermorgen können und welche Technologien wir in 5 Jahren auf dem Schoß sitzen haben. Wir wissen nicht, wie Innovationskraft und Wirtschaften zusammenhängen. Wir wissen so viele es nicht, was gewiss schien: Die Moderne, ob jetzt Post- oder Hyper-, dieses nicht tot zu kriegende Konzept, von dem wir uns so gerne lossagen wollten, damit auch die Berufung auf das 19. Jahrhundert, damit auch so viel, an was wir gewöhnt sind, verliert siechend an Gültigkeit. Rechts und links sind vielleicht noch Richtungen, da haben wir noch Hände und damit schreiben wir, dahin gehen wir, aber so können wir nicht mehr nur denken. Retten wir lieber die Meta-Ebene. Machen wir uns klar, dass der linke und der rechte Pudel einen Kern haben, der diese Ideologien zusammenhält und der jetzt Widersprüche produziert, die am Ende nur oberflächlich sind.

Die Systeme sind im Umbruch und die Bruchstellen der Ideologien genauso, ob wir das nun wollen oder nicht, ob wir nun Sonntags gerne einen veganen Karottenkuchen (viel Öl ist das Geheimnis) oder nicht, ist egal. Wir müssen endlich anfangen die Widersprüche auszuhalten, sie zu analysieren und zu verstehen. Es liegt an uns das neue Utopia zu erträumen, denn wenn nicht, landen wir in einem Dystopia, das wir nicht wollten und über das wir uns nicht zu beschweren brauchen. Politisieren wir uns wieder. Streiten wir uns wieder. Tauschen wir uns wieder aus und vor allem: lernen wir wieder zu denken und zu erfassen. Der Komplexität der Welt sind wir allemal gewachsen, denn es ist unsere eigene Welt, in der wir leben.

Kommentar (1)

  1. Danke, danke, danke!

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