Demut als Waffe: Notizen zu Susan Sontag.

Warum kommt es mir vermessen vor zu sagen, dass Susan Sontag mein Vorbild ist? Die Frau, die die Hälfte des 20. Jahrhunderts schreibend und denkend verbrachte und deren Texte mich schon seit meinen ersten intellektuellen Gehversuchen prägen, ist keine Inspiration für mich und auch kein Einfluss. Das Vokabular, das sich anbietet, kommt mir abgegriffen vor, will nicht auf das warme brummende Gefühl im Bauch passen, das sich einstellt, wenn ich ihre Texte lese. Ich will über sie schreiben und begebe mich damit auf schwieriges Terrain: Ich kann nur an meinen Ansprüchen scheitern und muss das akzeptieren.

Wenn ich Vorbild sage, dann meine ich das voller Demut vor dem Genie dieser Frau, die wie kaum eine andere denkende Person dazu in der Lage war aus der Beschreibung eines einzelnen Phänomens ganze Kulturtheorien zu spinnen. Ihr fehlt (zum Glück, manchmal vielleicht) das vollkommen idiosynkratische eines Walter Benjamin, dem sie in nichts nachsteht, ihm vielmehr nachfolgt, den Stab in die Hand nimmt, den Benjamin aufnahm, als die Moderne wie ein Vulkan, auf dessen Krater wir seither tanzen, über die Menschheit explodierte, die Lava schon zäher und weiter erstarrt, als Susan Sontag zu schreiben beginnt, aber noch immer zum Verbrennen heiß, als ihre Texte in den 1970ern den Durchbruch schaffen.

„If only I could feel about sex as I do about writing! That I’m the vehicle, the medium the instrument of some force beyond myself“ schreibt sie 1964 in ihr Tagebuch. Ein intimes Geständnis von autopoetologischer Kraft. Sonst interessieren mich die privaten Befindlichkeiten von Autoren nicht, aber sie gehört zu den wenigen Menschen, den wenigen Geistern, deren Werk mir nicht ausreicht, deren Denken mich bis in die letzte Pore interessiert und von denen ich alles, jedes Wort gelesen haben will, bevor ich sterbe. Die gleiche Besessenheit kommt bei mir auf wenn ich Mishima Yukio lese, sie kommt Phasenweise bei Klaus Mann, sie überkommt mich manchmal bei Walter Benjamin, aber Susan Sontag ist mir die sympathischste meiner Obsessionen, denn ihre Neugierde und ihr wacher Geist überraschen mich mit jeder Zeile, denn ich weiß nie welches Wort, welche Notiz, welcher Gedanke in mir eine Kettenreaktion auslöst. Sie macht meinen Geist zum Liebhaber des Vulkans. Ich will Susan Sontag auf sie selbst anwenden: „In place of a hermeneutics we need an erotics of art.“ Susan Sontag widerstrebt ihrer eigenen Interpretation in dem Sinne, dass sie sich nicht erschließen lässt, es kein endgültiges Verschmilzen meines Horizonts mit dem ihren geben, weil ich nur immer wieder Spannung zu ihren Texten aufbauen kann, mich zu ihnen in Bezug setzen muss und als Identität mit all meinen Sollbruchstellen und Narben in ihr aufgehe, ohne mich dabei zu verlieren, noch immer Erkentnisse gewinne und ist es nicht das, was zählt? Der Erkenntnisgewinn, sei er auch noch so klein, so banal? Susan Sontags Sicht auf die Welt hat mich gelehrt, dass es das Banale nicht geben kann, keine Langeweile, denn in jedem Fitzel Kultur findet sich eine Spur, die zu verfolgen sich lohnt, will man intellektuell überleben.

Susan Sontag hat seit ihrem Tod vor zehn Jahren nicht an Aktualität verloren. Im Gegenteil: ihre Texte sind nicht nur Zeitzeugen einer kulturellen Epoche, die von unserer abgetrennt ist, aber noch nicht so weit, das wir sie voll erkennen könnten – zugleich sind wir noch zu sehr im Transit, noch zu verbunden, mit der Welt und ihren Zeichen, egal ob Pop- oder Hochkultur, die Susan Sontag auslegt, als wären sie Tarot-Karten, die man nur zueinander in Bezug setzen muss, immer wieder anders lesen kann, ohne eine endgültige Auslegung zu finden, wohl aber eine temporäre Konstellation.

Susan Sontag zu lesen heißt den Muskel des eigenen Intellekts zu trainieren. „I need a mental gym“ schreibt sie 1976 in ihr Tagebuch – dabei ist sie selbst zum intensiven Work-Out geworden. Wie ein guter Personal Trainer nimmt sie ihre Leser an die Hand, in einem Ton, der die Serifen nicht scheut, sie aber nie zur Zierde einsetzt. Ihr Denken ist cutting edge der Postmoderne ohne es auszubuchstabieren. Sie ist nicht nur eine gute Autorin (auch wenn sie das in Frage stellt, nie zufrieden mit ihren literarischen Arbeiten, die tatsächlich weniger Beachtung fanden als ihre Essays, für die sie bekannt ist, noch weniger bekannt ist ihr filmisches Werk), sondern auch eine verdammt gute Leserin. Und vielleicht ist es genau das, was mich an dieser Frau so fasziniert: die Verve, mit der sie von Cocteau, Gide, Benjamin und anderen spricht, die Neugierde auf eine Welt, in der man noch Kunst sagen darf, ohne dass jemand zu stark mit den Augen rollt, in der es noch Ansprüche gibt und in der das Banale keine Patina auf den Ruinen der Gegenwart, sondern eine Kategorie der ästhetischen Analyse ist.

Susan Sontag ist am Ende vielleicht doch Inspiration, weil sie dieses Wort mit Gehalt füllt. Sie ist am Ende dann doch ein Einfluss auf und für mich, weil sie mich gelehrt hat, dass ein denkender Geist immer auf fruchtbaren Boden treffen wird. „I want to write something great“ schreibt sie in den späten 1970ern an das Ende einiger Notizen zu Proust, über den sie sagt, dass es gut war, dass er nicht wusste, wie wichtig seine Recherche werden würden. Diese Stelle ist in all ihrer Banalität so verletzlich und wahr, denn sie pointiert die wütende Liebe, die alle Autoren zu ihrem inneren Vulkan verspüren. Am Ende wollen wir das doch alle, getrieben von unserer Neugierde, etwas schreiben – nicht um des Ruhms willen, nicht der Anerkennung wegen, sondern wegen dieses kleinen Fitzelchens an Aura, das wir zu produzieren hoffen, das wir in anderen sehen und von dem wir zu glauben wagen, dass wir es durch unsere Arbeit zum Flackern bringen. Denkende Menschen sind niemals frei von den Ansprüchen, die sie an andere erheben – schlimmer noch, sie verzeihen sich selbst am allerwenigsten. Wirkliche intellektuelle Kraft liegt in der Demut und nicht im Neid gegenüber anderen denkenden, kritischen und vor allem fühlenden Menschen, deren Gedanken uns der zerfledderte Kanon der Kulturgeschichte erhalten hat. Vor dieser Demut verneige ich mich. Susan Sontag hat mein Leben nicht nur bereichert, sondern entscheidend geprägt. Womöglich macht sie das legitimerweise zu meinem Vorbild.

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Mehr Informationen:

SUSAN SONTAG REVISITED:

10749998_1576815262538431_4481382004420368802_oDas Kino Arsenal startet am 20.01. eine Reihe zu Susan Sontag mit Filmen von und über sie kuratiert von Ralph Eue.

Ab dem 29.01. findet im ICI ein Symposium zu Susan Sontag statt.

Foto: Ullstein.