Modeindustrie: Arsch auf Grundeis, Hacken blutig.

Bluejeans und Sneaker, das ist was ich die letzten Jahre immer getragen und womit ich mich am wohlsten gefühlt habe. Das zeichnet mich jetzt weder als krassen Fashion-Guru aus noch habe ich mich damit in eine Outdoor-Jacke gehüllt vom Zeitgeist abgewandt. Aus dem Alter raus, jeden Scheiß mitzumachen, synchronisieren sich der eigene Modegeschmack und konstantere Modetrends irgendwann halt doch, wenn man in der deutschen Hauptstadt lebt. Individualität ist schließlich eine Sache der Attitüde.

Das mit der Bluejeans habe ich – in Zusammenarbeit mit Miguel Jar – in einer kleinen Fotoserie umgesetzt, die ein Experiment in Sachen visueller Content war. Die Jeans passte konzeptuell gut rein. Warum erzähle ich das? Wegen der guten Vorsätze für das neue Jahr und wegen der Abrechnung mit diesem.
Wer auf den Link klickt, der kann sich eine Meinung bilden. Ohne Gegenleistung habe ich da auf eine Jeansmarke verwiesen. Diese Jeans ist mittlerweile leider Geschichte. Sommer, Herbst, geradeso Winter, wird diese Jeans nicht mehr auf Tempelhof durch den Wind wehen – und wenn doch, dann hole ich mir eine fette Erkältung. Sie ist gerissen, hat jetzt den Arsch so richtig auf und ist – auch fur Grunge-Enthusiasten – untragbar.
Meinen Unmut hatte ich, mitten im Herbst, gegenüber der Agentur, die Cheap Monday in Deutschland vertritt, kommuniziert. Die gleiche Agentur, die ich damals wegen einem Sample angefragt hatte, bot mir als Wiedergutmachung eine Einladung zu einer Präsentation an, bei der Snowboard-Jacken an, ähm, Fachpublikum, verschenkt wurden. Da die Snowboard-Jacke den dreifachen Wert der Jeans hatte und mir das Geld für eine Winterjacke fehlte, nahm ich an, fühlte mich ein bisschen käuflich, aber fand auch witzig, dass ich für eine kaputte Jeans eine tatsächlich hochwertige Jacke bekam. Ich fühlte mich wie eine wütende Hausfrau, warf meine Konsumkritik über den Haufen und gab Ruhe. Das Thema Qualität bekannter Labels ließ mich dennoch nicht los, für mehr als eine genervte Mail an die Agentur und einen Facebook-Post reichte es letztlich aber nicht. Der Kommentar einer Mitarbeiterin der Agentur, die mir die Jacke aushändigte, klingt jetzt nocht nach: „Na, Cheap Monday halt, ne?“ – als ob mir klar sein müsste, was für ein Ramsch die Beine so vieler Leute bekleidet. Dem ist aber nicht so:
Die erste Cheap Monday Jeans, die ich jemals hatte, hielt mehr als 5 Jahre, wurde intensiv getragen, reiste mit mir um die Welt und riss erst, nachdem sie so durchgerockt war, dass ich ihr das Ableben nicht verdenken konnte. Die letzte Cheap Monday, die ich hatte, war ein verwöhntes Miststück, das nie mehr als den Berliner Sommer und Frühherbst zu sehen bekam und mir diesen Winter leider nicht den Arsch warm halten wird, weil, wie oben erwähnt, selbiger komplett eingerissen ist.

Immerhin die gefühlt noch neuen Sneaker waren ja noch da, die, vom Mund abgespart, im Sommer zusammen mit der Jeans gekauft wurden. Immerhin ein Essential, das noch hielt.
Als hätte ich das Schicksal herausgefordert, verreckten genau diese Sneaker, als ich diese Woche auf dem Weg zu einem Retailer war, um mir da eine Jeans im Sale zu kaufen, weil der Geldbeutel nicht mehr hergibt, man aber munkelt, dass die Jeans da nicht ganz so scheiße seien, wie alles andere in dieser Preisklasse. Die Jeans war nötig, weil ich sonst nur noch in Jogginghose unterwegs sein könnte, Geld für eine bessere Jeans ist nicht da – und weil ich seit Jahren nur 50€ für Jeans ausgegeben habe, und damit eigentlich gut auskam, wollte ich damit nicht brechen.
Was aber brach, war der Damm an meiner Ferse, weil die Sneaker plötzlich, nach nicht einmal zwei Jahreszeiten, so durchgewetzt waren, dass ein Hartplastik-Teil durchkam, das mir die Ferse, nunja, abschabte. Im Retailer stand ich mit der neuen Bluejeans an den Beinen, die mir von einer ganz in schwarz angezogenen, motzigen Verkäuferin empfohlen wurde und schaute auf das verblutete Innenfutter meiner Air Max. Vollgerotzt mit Blut, wie eine Metapher für die mit Sicherheit nicht angenehmen Produktionsbedingungen dieses überteuerten Stück Plastikschrott.
Das Paar davor habe ich solange getragen, habe solange damit getanzt, habe so viel hinter Tresen damit gestanden, dass ich mir nur Neue kaufen wollte, damit ich die Alten noch ein paar Mal zu besonderen Gelegenheiten abfucken konnte. Ich weiß, man soll mehr als ein paar Jeans haben (dafür reicht die Kohle leider meistens nicht) und man soll mehr als ein paar Schuhe tragen (auch das ist nicht immer drin) – und ich geb zu, dass ich ein bissschen obsessiv mit meinen Basics umgehe. Aber der Zyklus, in dem ich Lieblingsteile beerdigen darf, ist mittlerweile so klein geworden, dass die Erinnerung an den Kauf so frisch ist, dass ich den Geldbeutel nicht wieder aufmachen will.
Ich fühle mich, gelinde gesagt, verarscht. Als mir die Bluejeans riss, wollte ich einen rotzigen Artikel schreiben, weil mich anpisste, wie ein eigentlich nettes Label plötzlich so durckommodizifiert wurde, dass man sich gleich auch bei Primark eindecken kann. Die Winterjacke hatte mir aber das Herz gewärmt. Jetzt, wo auch noch meine Sneaker am Arsch sind, aber die Abrechnung:

Liebe Agenturen, liebe Modeindustrie, liebe Blogger: wir wissen doch alle, dass wir einander verarschen. Mehr aber noch verarschen wir die Menschen, denen Trends eingepflanzt, die mit einer Qualität bespielt werden, die lächerlich ist. Ich kann mir nicht alle paar Wochen eine neue Jeans und ein paar neue Schuhe leisten. Ich will kein Blog, das mit Samples vollgeschmissen wird. Was ich aber will, ist Vertrauen und das ist mir, kurz vor Weihnachten, kurz vor der Fashion Week, endgültig verloren gegangen. Was ich von mir erwarte, ist Glaubwürdigkeit und die geht mir verloren, wenn ich über Labels schreibe, die so produzieren, dass ich die Sachen selbst nichtmal guten Gewissens tragen kann.

Liebe Leser: Vollgeblutete Schuhe, vernarbte Fersen und einen kalten Arsch ist, was ihr bekommt, wenn ihr euch auf das einlasst, was so unverfänglich als Basic daher kommt. Modejournalismus ist in weiten Teilen eingekaufter, industrienaher Singsang und warum es so weit kommt, habe ich selbst erfahren, obwohl ich dem Business nur Zaungast bin. Es tut mir leid. Ich werde mich bessern, die Qualität der Mode wird derweil wohl noch weiter sinken. Schlimmer ist allerdings, dass nicht ich das eigentlich Modeopfer bin, sondern der ganze Rattenschwanz an Schauerlichkeiten, der an der Produktionskette hängt.

(Erfahrungsberichte, Vorschläge für interessante Alternativen und andere Einblicke in den Kommentaren würden mich glücklich machen.)

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