Follow up! Rebecca Brodskis.

Rebecca Brodskis war die erste Künstlerin, deren Arbeit auf diesem Blog vorgestellt wurde. Grund genug ihr nach fast zwei Jahren noch einmal über die Schulter zu schauen.

Wir treffen uns in einem immer überfüllten Café in Mitte und nehmen mit zwei Kaffee Platz an der Theke. Zwischen Lernstress und einem Galeriebesuch nimmt sich Rebecca Zeit für ein Gespräch mit mir. Wir sprechen über ihr Schaffen, ihre bisherige Lebensgeschichte und die kleinen Vorteile, die das Leben und Arbeiten in Berlin mit sich bringt.
(Dezember 2012)

Dieses Mal treffen wir uns nicht in einem überfüllten Café in Mitte, sondern in einem Künstlerhaus ein wenig außerhalb des Rings, den die S-Bahn um den immer teurer werdenden zentralen Teil Berlins zieht. The Greenhouse besteht seit einem Jahr. Mit einer Galerie auf dem Dach, einem veganen Restaurant in der Mitte und einer Hertz-Autovermietung ganz unten, beherbergt das Haus eine Vielzahl von Bewohnern, die meisten davon allerdings irgendwo Künstler. Das ehemalige Jobcenter wirkt wie ein nach dem Zusammenbruch des Systems besiedelter Fels, der jetzt von kreativen Moosflechten besetzt wird. Tatsächlich kann nicht jeder hier ein Atelier bekommen. „Wir wollen keine Tacheles-Leute“ wird mir der Verwalter des Hauses später sagen.
Nach der S Hermannstr. setze ich mich in einen Bus und laufe in die falsche Richtung, als ich mich aber umdrehe sehe ich schon von weitem das große Gebäude und verstehe, warum das Greenhouse so heißt: es ist schlichtweg ein hässliches, grünes Verwaltungsgebäude. Mit dem Aufzug fahre ich nach oben und treffe Rebecca, die auf Socken und mit Farbe verschmierter Jeans über die mit Teppich ausgelegten, verwinkelten Flure läuft.

Rebecca Brodskis, geboren 1988 und die Enkelin der Künstlerin Jaqueline Brodskis, hat im Greenhouse ihr kreatives Zuhause gefunden und teilt sich ihren Raum mit einer Produktdesignerin. Es riecht nach Ölfarbe und Verdünnungsmittel. An der Wand hängen ausgedruckt Bilder von Kriegsverwundeten aus dem Ersten Weltkrieg. Bizarre Gesichter, beinahe ihrer Menschlichkeit beraubt, hängen da an der Wand.

Aufgewachsen in Paris, die Großmutter Malerin, war das Zeichnen und Malen für Rebecca immer Teil ihres Lebens. Sie studierte zunächst Malerei in Paris und wechselte dann zum St. Martin‘s College in London. Sie kam mit hohen Erwartungen, die allerdings enttäuscht wurden: anstatt Freiheit, verpasste man ihr ein einschränkendes Korsett an Unterrichtseinheiten und Vorschriften, viel Technik und wenig Theorie. Sie wechselte noch in London von der Malerei zum Video, verlässt St. Martin‘s und geht nach New York, wo Sie für den Videokünstler Lars Laumann arbeitet. Schließlich kommt sie 2010 nach Berlin und bleibt.(Dezember 2012)

„Wenn an den Anfang des 20. Jahrhunderts schaut, sieht man, dass viel dort seinen Anfang nahm. Diese Männer sind der Anfang der plastischen Chirurgie“, sagte sie und reicht mir eine Marloboro Light, die ich annehme, obwohl ich nicht mehr Rauche. Die zerstörten Gesichter rechtfertigen einen Nikotin-Rückfall. Ich bin froh, dass die Ausdrucke so schlecht sind. Diese Männer, die teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, mit bizarren Hautlappen und Schläuchen im Gesicht, mussten zum Teil Suizid begehen, erzählt Rebecca. Der soziale Druck war zu groß, sie bekamen nicht einmal eine Rente: sie konnte ja noch Arbeiten.

 

Rebecca hat eindeutig das autobiographische Arbeiten verlassen. Ihre letzte Show beschäftigte sich noch zum Teil in düsteren, flächigen und wenig figurativen Bildern mit Szenen, die man Traumsequenzen nennen könnte, so abstrakt, dass man nur ätherisch-empathisch Zugang zu ihnen findet. Ihre Arbeit war nicht kryptisch, aber dennoch chiffriert. Letztes Mal sprachen wir über Arbeiten, die auf der Grundlage von Arbeiten der Künstlerin Irina Ionescu entstanden. Zerfließende Gestalten, in denen die Farbe als Material eine große Rolle spielte, vielleicht um die fotografische Grundlage zu brechen.

Zuletzt stellte sie in Neukölln aus: Mother/Mutter. Gemeinsam mit befreundeten Künstlern bearbeitete sie das Thema Mutter und zeigte Bilder, inspiriert von Irina Ionescos arbeiten. Diese wurde in den 1970er Jahren durch Fotografien ihrer Tochter bekannt, die sie erotisch in Szene setzte. Das Verschwommene, Vage von Rebeccas Bildern ist wie ein Schleier den die Zeit über die Aufnahmen Ionescos gelegt hat. Ihre Bilder haben etwas von der Suche nach einer Essenz. Sie sind scharf, wollen das kindliche pietätlos erotisiert in Szene setzen, wollen einfangen, festhalten. Rebeccas Gemälde hingegen verbleiben im Unscharfen, scheinen eine Essenz zu verneinen – und gewinnen gerade dadurch an Intensität.
(Dezember 2012)

Aber die Beschäftigung mit einem historisch so weit zurückliegenden Thema, wie die endgültig ausbrechende Moderne, die sie zu Recht als einen Nullpunkt sieht, ist neu in ihrer Arbeit. Ihr Stil hat sich weiterentwickelt – die Figuren sind klarer, die Farben sind distinguierter. Auch das Thema ist weniger überkomplex, dafür politischer. Sie verwebt keinen Kunstskandal mehr mit ihrer eigenen Biographie, sondern widmet sich einem Thema, dessen Implikationen sich dem Betrachter erschließen. Die „Broken Faces“, wie sie ihre Serie nennt, funktionieren als Serie, als Malerei, weil sie das Verstörende, das Monströse der Vorlage in ein Medium überführen, dem wir das groteske dieser Gesichter eher abnehmen. Wir haben weniger Angst vor dem Gemälde, weil es – dank der Krise der Repräsentation – nicht zeigen muss, was wirklich passiert ist. Natürlich sind diese Portraits irgendwo auch Interpretation, aber sie hintergehen die Krise der Repräsentation, indem sie eigentlich zeigen, was wirklich passiert ist. Es ist also nicht die Repräsentation, die in der Krise steckt, sondern die Welt, so sehr, dass wir nicht sehen wollen, was mit den Menschen passiert ist, die aus dem Ersten Weltkrieg als Enstellte zurückkehrten. Die Moderne beginnt also bereits als Krise, als Schock und als körperpolitisches Scharmützel. 100 Jahre nach dem Ausbruch dieses Kriegs schafft Brodskis in dieser Serie eine Archäologie der Perversion. Perversion, weil wir erst in der Malerei diesen Männern ins Auge sehen können. Pervertiert auch (weil verdreht), denn irgendwo sind diese Männer auch schön. „Eigentlich ein hübscher Mann, oder?“ sagt Rebecca und hält den unteren, zerfetzten Teil eines Gesichtes mit der Hand verdeckt. Ich nicke und drücke meine Zigarette aus, bevor ich gehe.

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http://www.rebeccabrodskis.com/

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