Alltagsästhetik: Cocooning-Tee.

Wenn’s mir schlecht geht, dann erweitere ich meine Tee-Sammlung. Jetzt, in der neuen Wohnung Anfang des Winters in den kürzesten Tagen des Jahres, mit der neuen Küche, habe ich einen spießigen Orgasmus: Es gibt eine ganze Tee-Schublade. Darin: Brenneselltee, Ostfriesentee, Sencha, Mate aus Chile (die man aus diesen kleinen Bechern trinkt, die diesen Metallstrohhalm haben und die so schön zischen, wenn man das Wasser durch die Mate zieht), Guten-Abend-Tee, Lindenblütentee (die Madeleines noch ungebacken, weil die Texte noch nicht geschrieben sind, die mir entfleuchen, wenn ich diesen Tee trinke) – und seit neuestem auch: Cocooning-Tee.

Cocooning-Tee. Ich weiß. Die Fakten:

Ziehzeit: 8 Minuten. (Man kann aber vorher schon nippen).

Zutaten: Lavendelblüten, Fenchel, Anis, Melisse, Rooibos, Fliederblüten, Passionsblumen, Feigen. (Lavendel ist durchaus dominant, auch wenn Fenchel im Laufe der Ziehzeit an Kraft gewinnt. Anis gibt dem Bouqet etwas Weihnachtliches. Auch die Melisse kann ich schmecken, wobei Rooibos eher im Hintergrund bleibt. Die Fliederblüten rieche ich nicht, aber davon zu lesen erinnert mich an meine Kindheit und den üppigen Duft er Fleiderbäume, im Garten meiner Kindheit strategisch so aufgestellt wie eine Duft-Anlage, die den schweren Duft durch das ganze Viereck meines Spielereichs verteilte, Passionsfrucht und Feige, sorry, da komm ich nicht mehr mit.)

Limited-Edition, das war mir nicht aufgefallen, als ich bereits auf dem Weg zur Kasse noch schnell die lila Packung aus dem Angebotsständer in meinen Korb warf. Aufgefallen waren mir auch nicht die bizarren Figuren, die auf der Packung abgebildet waren. Eine Familie, oder so, gendernormativ, natürlich, im Mittelpunkt, eine „stylische“ Blonde. Nicht aber in Bildern, sondern gezeichnet, in einem Stil, der an Polly-Pocket-Werbung oder die „Power Puff Girls“ erinnert. Digital-Manga, mit zu großen Augen und tatsächlich richtig cheesy. Die Tee-Barbie hält eine Tasse in ihren behandschuhten Händen, die sich silbern von ihrer in pastell-rosa gehaltnen Kleidung abhebt. Dabei grinst sie so debil, wie ich nach der ersten Tasse, die zu lange gezogen hatte, weil Entspannung durchaus eintritt, wenn man davon trinkt. Ein wirklich gemütlicher Tee, nur das Marketing ist – gelinde gesagt – daneben.

„Cocooning ist ein Ausdruck für das Gefühl der Rückbesinnung auf innere Werte, Freunde und Familie.“ steht wörtlich auf der Packung. Konsumenten, die das Wort Cocooning bereits verstehen, wollen hoffentlich nichts von Rückbesinnung wissen und Käufer, die Cocooning nicht verstehen, sind wahrscheinlich schon besonnen genug und müssen gar nicht zurück zu inneren Werten, Freunden und Familie. Die digital gezeichnete Familie, die da so schön vor sich hin cocoont ist genauso fiktiv wie der Spruch daneben ist. Gäb’s die noch, würden die bestimmt FDP wählen! Aber huch, die sind ja lila, und der Mann trägt eine Schürze.

Das ist kein „Moment der Entspannung“, „Tasse der Sinnlichkeit“ oder „Anti-Stress-Mischung“ – das ist Nestwärme in Teeform. Ein mittelständides Unternehmen sieht sich wohl dazu gezwungen den durchaus leckeren Tee mit allen Regeln der Kunst auf einen Markt zu werfen, der nicht mehr nur Geschmäcker und Kräuter mit einer bestimmten Wirkung verkauft, sondern ganze Stimmungen und Szenarien. Tee, das wird mir klar, wenn ich diese Packung betrachte, ist ein umkämpftes Gebiet. Tee, das macht mir Angst, ist nicht nur ein Getränk, sondern eine ganze Ideologie-Maschine. Den Regeln des Kapitalismus und der Distinktion folgend gibt es jetzt also Cocooning-Tee, aber was im nächsten Winter? „Weihnachten-für-Singles“-Tee? „Beziehungende-Tasse“? Was im Jahr darauf? „Coming-Out“-Mate? Ich schweife ab. Tee, so kann man festhalten, ist nicht nur eine durchkomponierte Packung mit Ziehzeit, sondern eine affektmodulierendes Gesamtkunstwerk, das synästhetisch auf allen Ebenen der Vermarktung ziehen muss, um gekauft zu werden. Dabei spielt das Konzept des Tees auf der Klaviatur unserer Bedürfnisse: das am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen wie in einem Almodovar-Film, das Bedürfnis nach „Wellness“, wenn schon keine Zeit für Yoga, dann wenigstens einen Tee, der nach Yoga aussieht, das immer gestresste, dauerausgebrannte Gemüt – es braucht einen Tee, aber nicht irgendeinen, sondern den richtigen, situativ wie kräuterinhaltich perfekt abgestimmten. Postmoderne Magie, ein kleiner Heiltrank, weil sonst, ohje, drehen wir durch!

Ich hab mir den Cocooning-Tee trotz der Packung, trotz des Namens und trotz der ganzen Gedichte und Sprüche darauf gekauft. Einfach weil er schmeckt.

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.