Zu niedrige Ansprüche. Eine Bitte um mehr kritische Kulturrezeption.

Es ist leider nicht die Hauptsache, dass die Leute irgendwas machen. Wer so denkt, der hat leider eine wichtige Funktion von kultureller Produktion aus den Augen verloren, denn die Banalisierungstendenzen haben sein Gehirn vernascht. Das Regime der „Hauptsache“ ist auf einem großen Haufen Mist gewachsen, der, meiner Meinung nach, auf einem Missverständnis beruht. Wenn man seinen Freunden immer (kategorisch: immer) sagt, dass alles (alles alles alles), was sie machen, toll ist (toll toll toll), nur weil sie irgendwas (wirklich: irgendwas) auf die Beine gestellt haben und das öffentlich präsentieren, nehmen wir ihnen die Möglichkeit an sich zu wachsen. Wie verhätschelte Kinder behandeln wir sie dann, die niemals lernen werden mit der Welt umzugehen, die es leider nicht immer gut mit ihnen meinen wird. All die Events, die auf Facebook gelistet sind, die irgendjemand irgendwo gerade macht, ziehen meistens doch nicht mehr als die Peers aus einem bestimmten Milieu an, was per se nicht schlimm ist, aber schlimm wird, wenn kritische Auseinandersetzung durch geheucheltes Verhätscheln ersetzt wird.

Kritik ist ein Modus der gelernt werden muss. Ein Dialog, den beide Seite beherrschen müssen. Sie zu empfangen ist genauso schwierig wie zu artikulieren und beides setzt Vertrauen voraus. Kritik setzt voraus, dass sich jemand weiterentwickeln will und es um mehr geht, als lediglich eine leere Geste: Komm wir spielen mal Kunst! Komm wir spielen mal Kritik! Kritik ist wie Dünger, der vorsichtig eingesetzt, zu besserem Wachstum führt. Kritik ist nicht die Hauptsache, aber sie ist notwendig. 

Wer Kritik übt, der lehnt sich manchmal aber leider weit aus dem Fenster und wird dann auch noch geschubst. Die Unfähigkeit Kritik zu akzeptieren und die Argumente, die Kritik nach sich ziehen, zeigen, wie gleichgeschaltet und belanglos viel der kulturellen Überproduktivität gerade ist. Ausstellungen, Lesungen, Performances, Parties – sie alle werden attended, vielleicht sogar besucht, es wird beglückwünscht und es geht weiter mit dem Zirkus der Eitelkeiten und Einfallslosigkeit. Eine transzendente Ebene fehlt. Eine Ebene, die über die Befriedigung darüber den eigenen Namen als Gastgeber auf einem Facebook-Event zu lesen, hinaus geht, fehlt und manchmal blinken die €-Zeichen in den Augen von Leuten, die ohnehin schon genug Kohle von Mami und Papi in den Arsch geschoben bekommen.

Wer Kritik übt, der wird nieder gemacht, weil es war ja so viel Arbeit, das aufzustellen. Es war ja so viel Arbeit hinter den Kulissen! Die Kritik sei unreif, heißt es dann, oder nicht reflektiert oder nur Kritik um der Kritik willen. Alles Abstraktionen von Diskussionen, natürlich, aber ich hoffe der Punkt wird klar. Die leere Produktion wird durch leeres Gezeter verteidigt. Wem das bekannt vorkommt, der darf sich verstanden fühlen.

Wenn die Hauptsache ist, dass jemand etwas macht, sich etwas traut, dann beraubt die Person, die diese Aussage trifft, kulturelle Produktion oder die Kreativität ihrer organischen Fähigkeit zu wachsen. Was ist Kunst, wenn sie nicht kritisch ist? Sterile Dekoration bestenfalls. Was ist eine Party, die mit einem überschwänglichen Text über die Befreiung von Gendernormen angekündigt wird, auf der aber Sexismus beklagt wird? Eine schlechte Party bestenfalls. Was sind Menschen, die alles gut finden, ohne kritisch zu reflektieren? Keine guten Freunde jedenfalls. Vielleicht noch nichtmal gute Menschen…

Alles wird zur banalen Geste mit ner Prise Kunst: Parties, Demonstrationen, CSDs, Mauerfälle.

Ja, auch Mauerfälle, zumindest in der Rezeption, weil die Installation mit den Ballons war, trotz ihrer ästhetischen Vorzüge, am Ende doch nur eine banal rezepierte Inszenierung, die vor allem dazu diente, dass die Menschen aus aller Welt mir ihrem Smartphone ein Selfie von diesem unvergesslichen Moment machten. So leer wie die Ballons fühlte sich das Spektakel an, zumindest für mich, zufällig am Checkpoint Charlie vorbeigekommen, weil alle, außer denen, die bereits von vorne herein emotional involviert waren, sich einfach dem historischen Moment als weiterem Sticker im Highlight-Sammelalbum für Selfies widmeten. Austauschbar und seiner historischen Bedeutung beraubt, nichts weiter als ein flüchtiges, wegwischbares Zeichen auf einem Glasbildschirm. Es ist also nicht immer nur die Produktion, sondern zuweilen die Modi  Rezeption, die die Entfaltung von kritischer Wirkung verbauen.

Selbstreferenziell und Selbstbeweihräuchert ist der Blick über den Tellerrand hinaus schwer. Es muss ja nicht immer der große Wurf, die große Vision sein, aber die Freude an der Kritik und die Freude am weiterkommen macht es schwer die kulturelle Überproduktivität für mehr als nur vergeudete Zeit von verrottenden Richkids zu halten. Überreife Früchtchen, die in Berlin mal mit Farben spielen wollen, bevor sie von Papa Heim in die Fabrik geholt werden, um zu führen.

Wenn unsere Freunde, deren Arbeiten wir mögen, sich selbst ausbeuten, um etwas zu produzieren, sie aber vielleicht besser sein könnten und wir ihnen diese Kritik vorenthalten – dann berauben wir sie der Möglichkeit an sich zu wachsen. Wenn wir mit Menschen zusammenarbeiten, die eine Ego-Show, statt einer Ausstellung, abziehen auf Kosten anderer, wir ihnen das aber nicht sagen, dann stehen wir am nicht klüger da, nur weil wir nachgeben.

Kritik ist bestenfalls fundiert, aber nicht fundamental, was viele gerne verwechseln, weil das Regime sagt: alles toll! Und wer gegen das Regime verstößt, wer nicht alles toll findet, der muss alles gleich scheiße finden, weil es keine Abstufungen gibt, keine Feinjustierungen und damit auch kein kritisches Wachsen. Wir leben nicht in einer Welt, in der wir es uns erlauben können, alles toll zu finden. Sind wir denn so privilegiert, dass die kulturelle Produktion der kritischen Pflicht entbunden wurde?

Es gibt so viel leere Kunst, leere Gestik und banale Produktion, dass es schwer ist, die guten Events zu finden, in einer urbanen Kultur, die alles, was passiert, in eine Facebook-Veranstaltung pressen muss. Das auf endlos gestellte Spektakel, die dauernde Notwendigkeit ein Event zu besuchen, kann mich nur noch aus dem Haus locken, wenn man mir etwas bietet, das mich reizt und weiterbringt – nicht meinen Kulturpessimismus fördert und die Frage aufkommen lässt: Wer will sich in 100 Jahren an dieses Berlin erinnern, in das alle strömen, das aber nichts auf die Reihe kriegt? 

Ich muss nicht immer alles gut finden und die Hauptsache ist für mich, dass jemand sich etwas dabei gedacht hat, nicht, dass etwas gemacht wurde. 

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Bild via tumblr.

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