Spaaace.

Die Aufnahme vom Sing-Sang des Kometen, einer muss es ja sagen, ist doch die perfekte Vorlage für Techno-Tracks. Hätte ich irgendwie Ahnung davon, wie man mit Ableton umgeht, würde ich dem Post hier einen Track anhängen und nicht auf das Soundcloudprofil der ESA verlinken. Der Sound wurde vom Sounddesigner Manuel Senfft so kompiliert, dass er für das menschliche Ohr hörbar ist. Der Komet selbst singt also gar nicht, so schön das klingt, er produziert lediglich Frequenzen, die so manipuliert wurden, dass man sie auf ein für Menschen hörbar macht.

Die anderen Sounds des ESA-Profils wurden nur einen Bruchteil so oft angeklickt wie der Sing-Sang des Kometen, der klingt wie ein Wal mit starkem Akzent.  Jetzt schon ein Klassiker. Auch wenn hier Raumfahrtsgeschichte geschrieben wurde, wurde der Post auf Facebook in meiner Timeline nur von bestimmten Menschen geteilt. Menschen, die ohnehin solche Posts machen, die sich an der Erhabenheit von Natur freuen und weniger an der Fluffigkeit von Tieren in einer Buzzfeed-Liste. Die Affinität zum Weltraum hat aber ihre Vorzüge, weil er als Objekt der Prokastination so viel Platz bietet.

Der Weltraum, unendliche Weiten, wie schön. Die Faszination dieser abstrakten Ereignisse, die Teilhabe der Medien an diesen Ereignissen aus der Wissenschaft, sind wie ein Brückenschlag zwischen dem faustischen Trieb den Kern des Pudels, in diesem Fall des Kometen, und der Lebensrealität. Erhabenheit liegt in diesen Entdeckungen, der Geruch von Zukunft und die kindliche Neugierde, weil, auch wenn wir lange nicht alles über einen Großteil des Planeten wissen, viel ist entzaubert im 21. Jahrhundert. Die letzten Orte des Trosts liegen in Bereichen, die fast schon esoterisch sind, wie die Quantenphysik im winzig Kleinen oder die Erforschung des Weltalls im radikal Großen.

Nichts als radikale Akzeptanz kann ich empfinden, wenn ich bedenke, dass da ein Automat ins Weltall geschickt wurde, um mit seinen vielen Gadgets den demütig-vermessenen Versuch zu unternehmen einen Kometen zu verstehen, der beispielsweise auch voller Bärchen sein könnte. Ja, kleine Bärchen, so klein, dass man sie nur mit de Mikroskop sieht. Space-Bärchen, eigentlich Bärentiere, sind Mikroorganismen, die theoretisch auch im All überleben könnten und damit auch auf Kometen reisen. Sie könnten der Ursprung des Lebens sein – oder zumindest eine zustellungsfreundliche Art das Leben durch das All zu transportieren. Sie überlegen nicht nur extreme Kälte oder Radioaktivität, sondern sind auch dazu in der Lage, wie Bärchen auch, zu Überwintern, wenn es unangenehm wird. Ich schweife ab, weil ich Space-Bärchen so toll finde. Da kommen zwei Dinge zusammen: süß und spacey. Zwei Projektionsflächen, die tröstlich sind, weil sie die Müllhalde für Affekte sind.

Was süß ist, ist nicht gefährlich und lässt die Angst vergessen.
Wir sind keine Space-Bärchen, die einfach einschlafen, wenn es zu gefährlich wird – das nennt man bei Menschen mittlerweile Depression. Wir sind eigentlich Fluchttiere oder Angriffswesen, einfach einpennen bringt uns wenig.
Was spacey ist, ist nicht von dieser Welt und das ist per se erstmal interessant, weil diese Welt einem heftig auf den Sack gehen kann. Einfache Faustformel. Wenn nicht’s mehr geht: eine Planeten-Doku hilft immer.

Der Space klingt auch immer noch nach Zukunft, the hippest place to be, und weil die Zukunft immer auch ein bisschen im Jetzt spielt, eigentlich nie mehr als eine Projektionsfläche für die Gegenwart ist, die selbst verschwindet, sobald wir sie mit Gedanken fassen wollen, ein stets angezählter Moment, macht die Zukunft so viel Spaß. Sie spendet Trost, weil sie noch kommt und – wenn wir sie begrüßen – auch keine Angst verbreitet.

Wie ein guter Techno-Track, entführt der Space uns. Er heilt, weil wir den Ort, an dem wir gerade sind, mental verlassen und, zumindest auf der emotionalen Ebene, Hoffnung auftanken dürfen. Ich darf mich dann agitiert fühlen, den Körper zu abstrakten Geräuschen reagieren lassen, die Emotionen widerspiegeln, die die Musik mir injiziert. Dabei sind wir an einen Punkt gekommen, dass die Vision der Zukunft, das was spacey klingt, kulturell akquiriert eine Zitation der Vergangenheit ist. Die Zukunft der Vergangenheit ist gleichzeitig nostalgisch besetzt und noch immer dazu in der Lage eine Zukunft zu versprechen. Spacey ist ein Modus, der eigentlich nur von Design und von Musik produziert werden kann:

Zu viel Space tut auf Dauer wohl auch nicht gut, aber am Ende der Lesezeit dieses Textes wirst Du in einen anderen Tab springen, oder aus der U-Bahn steigen, oder kurz Pipi machen und wieder mit der Welt interagieren. Der Space als Ort der seelischen Naherholung steht Dir aber immer gewiss offen und der Gedanke an kleine, sweete Space-Bärchen, die ein Äonen-langes Nickerchen auf Kometen machen, bringt zumindest mir immer ein bisschen Freude in den Alltag.

 

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Foto: ESA, CC.

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