Oscillate: Interview mit Milton Bradley

Diesen Samstag findet die erste Session von Oscillate statt.  Eine Party, die sich ganz der Musik widmet, sollte eigentlich logisch sein.  Keine Visuals, keine Deko und – zum Glück – Konfettiverbot. Sympathisch! Das Line-Up von Oscillate beweist, dass hier mit Liebe ausgesucht wurde. Musikaffines Publikum und gute Sets garantiert.

oscilate

Weil Oscilate den Anspruch erhebt, ein bisschen mehr als eine Party zu sein, habe ich Milton Bradley auf einen Kaffee getroffen. Ein Gespräch über Subkulturen, Emotionen und Ideale.

Bewegungen, wie der Punk z.B. waren eine Mischung aus Mode, Stil und Politik. Auf Techno kann man das nicht so ohne weiteres übertragen – aber wie überschneidet und beeinflusst Techno andere Felder (Mode, Kunst, Popkultur)?

Sicherlich bedienen sich viele Musikrichtung mehrere Felder, wie du es nennst. Am Anfang steht i.d.R. die Gegenbewegung, das Aufbegehren gegen z.B. den Mief der Elterngeneration. Dann kam ein politischer Aspekt dazu, um mehr Inhalt reinzubringen und den Protest zu manifestieren. Mode ging damit immer einher, weil die Kleidung und das Auftreten dabei helfen sich abzugrenzen und den Protest zu unterstreichen und/oder ein Lebensgefühl auszudrücken.
Auch wenn die ersten Punk-Rock Bands meist aus New York kamen, zu einer Bewegung wurde der Punk in England. Ich denke, die Musik traf genau den Nerv der Jugendlichen, die mit der damaligen, politischen und sozialen Situation unzufrieden waren. Punk war letztendlich auch eine Art Aufbegehren gegen die Elterngeneration, das Establishment und den Mief der Nachkriegszeit.
So wie auch Techno perfekt zum Zeitgeist der politischen Wende in Deutschland passte, so eine Art „Freiheitstanz“. Musikalisch gesehen war Punk mit seinem aggressiven, nonkonformistisch und dilettantischen Attitüden (es heißt ja: drei Akkorde reichen beim Punk aus) das Gegenstück zu der perfekten, mit viel Geld und Aufwand produzierten Mainstream Musik. Das war eine Art Liberalisierung. Nun war es nicht mehr nur Leuten mit viel Geld oder der Musikindustrie im Rücken, vorbehalten Musik zu machen. Techno war dann die nächste, größere Liberalisierung, weil es aufgrund der neuen, technischen Möglichkeiten noch einfacher war/ist eigene Ideen umzusetzen und Musik zu produzieren.
Man sagt immer Techno sei unpolitisch, was meiner Ansicht nach nicht stimmt. Zwar gibt’s bei dieser Musik keine direkte politische Botschaft, wie bei einem Protestsong, weil sie als Instrumentalmusik ohne Sprache lebt. Aber allein die Aussage: wir sind unpolitisch ist wieder politisch. Das ist ein Statement, mit dem man nach außen tritt. Denken wir mal an die ehemalige Berliner Loveparade und die Slogans, die sie sich auf die Fahnen geschrieben hatten, so cheesy die auch gewesen sein mögen,  aber es wurde zum ersten mal für und nicht gegen etwas demonstriert Das ist schon politisch und ein Protest gegen bestimmte Strukturen. Techno wollte gegen viele im Musikbusiness vorhandene, elitäre Strukturen angehen. Gegen die Notwendigkeit großer Plattenlabels, gegen Stars, gegen das Anhimmeln. Wer spielt, sollte keine Rolle spielen. Der DJ war einfach der Gast, der die Platten dabei hat. Diese Ideale wurden aber, der menschlichen Natur geschuldet, schnell verworfen. Menschen brauchen irgendwie immer eine Leitfigur und diesen Glamour-Aspekt.

Ist Mode dann eine Projektionsfläche, die ausgelagert fasst, was Techno als Instrumentalmusik abstrakt beschreibt?

Techno, als rein elektronische Musik, die von Maschinen gemacht wird (auch wenn Maschine in dem Kontext sachlich falsch ist) transportierte eine Art Zukunftsgefühl, eine Aufbruchsstimmung, das muss nicht immer über das gesagte Wort funktionieren.  Auch durch die Orte, an denen die Musik ursprünglich stattfand wurde das düstere, industrielle Bild dieser Musik geprägt.
In den Anfangsjahren gab es ja noch keine käufliche Clubmode. Klar war, das es egal ist, was du anhast und wie du aussiehst.
Jeder hatte seine eigene Interpretation zur Musik und den vermittelten Gefühlen. Der Grundtenor war aber i.d.R. gleich (Atomkraftwerk, die Zukunft, Weltraum etc) dies hatte dann natürlich auch die getragen Mode beeinflusst, da wurden Gas- und sonstige Schutzmasken, Schutzanzüge, Camouflage getragen, man denke nur an den berühmten Staubsauger auf dem Rücken. Besonders im Trance/Goa Bereich trug man diese bunten, an der Hippie-Kultur orientierten Sachen. Ich erinnere mich noch an diese unglaublichen Schlaghosen und Plateauschuhe, dazu die Stachelfrisuren in den End-90ern.

Da gibt’s bei Strobo eine süße Anekdote: Er beschreibt wie er als einer der letzten richtigen Raver in Schlaghose im Club tanzt.

Die wurden immer Neopren-Raver genannt, wegen der Anzüge. Irgendwie vermisse ich das. Die Leute hatten so eine gewisse liebenswerte Naivität und Euphorie, heute wirkt es auf mich so, als müsse oft alles nur noch cool, kontemporär und nicht zu auffällig sein. Aber gerade diese naive Freude über gewisse Dinge – das vermisse ich irgendwie.

Es gibt also einen Grundvibe: Katharsis, Hoffnung, Zukunft. Das sind abstrakte Gefühle, die in die Musik eingeschrieben sind – setzt sich das über die Geschichte von Techno hinweg fort?

Auch wenn die meisten Ideale und Vorsätze aus den Anfangstagen verworfen oder vergessen wurden, das Grundgefühl, die Grundidee bleibt bestehen. Das erschließt sich schon aus dem Wesen von Techno als eine, synthetisch erzeugte, rein elektronische Instrumentalmusik die meistens ohne Worte funktioniert und nach wie vor in meist düsteren Orten mit industriellem Charakter stattfindet. Neue Generationen greifen diese transportierten Ideen, Gefühle  (Industrie,  Endzeitstimmung, Futurismus, etc) auf, vermischen es mit eigenen Ideen oder Interpretationen. Da, durch die für  fast jeden verfügbare Technik und den damit verbundenen Möglichkeiten, nahezu jeder etwas beitragen könnte, sei es als Produzent, DJ, Grafiker, Labelbetreiber, und so weiter, herrscht durchaus ein Gemeinschaftsgefühl, das man in damaligen, meist sehr cheesy anmutenden, aber durchaus eine gewisse Wahrheit beinhaltenden Slogans wie „Peace Love and Unity“ oder „we are one family“ zu finden glaubt.

Gerade die letzten beiden Jahre waren da markant. Es gibt immer mehr Leute, die ganz in Schwarz in die Clubs ziehen. 

Schwarz mag ja am ehesten Ausdruck der so called „Darkness“ sein, was zu der, in die Musik interpretierten Endzeitstimmung passt. „Darkness is a state of mind“ sage ich immer, wenn man es nicht fühlt, sollte man es nicht leben. Vieles aber sieht nach Modeerscheinung aus, das kommt dann so einer Art Uniformität gleich. So etwas passt nicht ganz zu einer Welt, die nach Individualität schreit. Auch nur in einen bestimmten Club zu gehen, weil der jetzt gerade im Fokus steht, finde ich fragwürdig. Aber im Endeffekt soll jeder machen was er will, wichtig ist nur, das er glücklich damit ist und es aus freiem Willen macht.

Geht’s da noch um die Musik?

Da geht’s möglicherweise unterbewusst viel um den Schein, sich herausstellen, oder eben das dazugehören wollen, was auch menschlich ist. Aber im Endeffekt soll jeder machen was er will, wichtig ist nur, dass er glücklich damit ist und es aus freiem Willen macht.

Kannst du dem Schein etwas Positives abgewinnen? Führt der Schein neue Gruppen an die Musik heran, wird dann vielleicht sogar, ktischig gesagt, zum Sein?

Um sich anzupassen, braucht man ein Vorbild, ein Beispiel, an das man sich anpassen kann. Da wird Techno einer der vielen Einflüsse, denen ein Mensch sich aussetzt. Es gab schon viele, die mal eben aus sozialen Gründen zu einer Technoparty mitgegangen sind, und letztendlich begeistert waren und hängengeblieben sind. Man sucht sich ja das raus, was einen unbewusst weiterbringt, wo man sich gut mit fühlt. Zumindest sollte es so sein.

Hast du das Gefühl, dass die jüngere Geschichte der Stadt der Musik und der Szene da ihren Stempel aufgedrückt hat? Die Stadt verliert ihre Freiräume und damit auch die Naivität?

Da stellt sich mir die Frage ob die Musik jetzt durch die Stadt verändert wurde, die Stadt durch die Musik oder ob sich nicht beide gegenseitig beeinflusst haben. Berlin ist zwar nicht die Geburtsstadt von Techno, aber eine unglaubliche Brutstätte, die durch den Mauerfall, den dadurch existierenden Freiraum, der auf einmal da war, begünstigt wurde. Berlin hat ein bisschen den Charme von Detroit, dieses Verfallene, Verlassene, deswegen hat es so gut funktioniert diesen Sound nach Berlin zu transportieren. Das keimte dann hier auf, denn Möglichkeiten und Anarchismus waren da. Ich finde, dass Berlin den Großteil seiner Popularität der Clubkultur zu verdanken hat. Die Leute kommen ja nicht wegen der Einkaufszentren in die Stadt, sondern wegen der Feierkultur und den gewissen Freiheiten, die damit einhergehen und die es sonst kaum noch gibt. Damit hat die Musik die Stadt geprägt. Jetzt wo mehr Geld in die Stadt fließt, verändert sich die Stadt, weil Clubs schließen müssen und das ist eine Veränderung für die Musik. Neue Wege müssen gefunden werden.

Das sind Prozesse, die in anderen Städten bereits erstarrt sind und in Berlin verspätet ankommen. Berlin als letzte Bastion, die jetzt vom Kapital eingenommen wird.

Man kann das gut mit New York vergleichen, auch wenn es dort die Hiphop-Kultur war, die die Stadt geprägt hat. Darum gab es eine ganze Szene aus Kunst, Subkultur und so weiter. Heute ist die Stadt viel zu teuer und die Subkultur zum Großteil verdrängt. Andere Vorzeichen hier in Berlin, aber die Entwicklung hat durchaus Parallelen, finde ich.

Hast du ein Grundnarrativ für deine Sets, eine persönliche Philosophie oder eine Geschichte, die du erzählst?

Da gibt es einen Unterschied zwischen Produktion und Set, der ist mir wichtig. Als DJ spielst du nur Musik aus der Konserve. Produktionen dagegen basieren bei mir meist auf Emotionen. Mit dem Produzieren haben ich in einem ganz düsteren Moment meines Lebens angefangen. Auf der Suche nach einem Weg das auszudrücken und zu verarbeiten, bot sich die Musik an. Ich versuche Momente und Stimmungen in die Sounds einfließen zu lassen. Am Ende bekommt der Track einen Namen, der das Gefühl am Entstehungsmoment umschreiben soll.  Als DJ sehe ich mich mehr als Entertainer. In erster Linie unterhältst du als DJ, das heißt, ich möchte keinen Egotrip fahren. Meine Philosophie ist, runtergebrochen, verschiedene Stile zu vereinen, weil es so so viel elektronische Musik gibt, die ich mag und das dann so spielen, dass eine Interaktion mit der Tanzfläche entsteht.

Wie kamst du zu deinem Projekt „The End of All Existence“?

Das schwirrte schon länger in meinem Kopf rum. Gewisse Momente, ein gewisses Gefühl kommt da durch und dann kam dieser Slogan auf: The End of All Existence. Das wollte ich mir merken und einen passenden Soundtrack dazu bauen. Weltuntergangsbegleitmusik, zu einem fiktiven, abstrakten Ende der Welt. Das Projekt soll auch irgendwo einen mahnenden Charakter haben.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Kontakt mit elektronischer Musik?

So zirka 1988 hatte ich eine BRAVO in die Hand bekommen und da war ein Bericht über die ACID-Welle, der mir gefallen hatte. In der Zeit wurde ACID gerade groß ausverkauft und war überall präsent, jedenfalls klang das interessant und ich wollte diese Musik hören. Irgendwann habe ich eine Tape bekommen, dann gräbt man weiter… Als dann die Grenzen aufgingen, habe ich gleich Leute kennengelernt, die auch Tapes hatten und so kam eins zum anderen. Man wollte mehr und mehr. Die Musik entsprach Vorstellungen, die irgendwie unterbewusst in mir zu schlummern schienen. 

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Links:
Grounded Theory
Oscillate
beatrausch

Danke an beatrausch, Henning Baer und Milton Bradley für die Möglichkeit, das Gespräch zu führen.