Lumbersexual. Sex mit Holzfällern gefällig?

Schon vom Lumbersexual gehört? Oder besser gesagt: ihn gesehen? Alle sozialen Medien werden von diesem neuen, post-modernen Archetypen der Hypervirilität geflutet. Modejournalisten und Stilkolumnen laufen heiß. Alle schreiben über diesen sensiblen, verwegenen aber am Ende durch und durch kernigen neuen Männertypus, als wäre er die langersehnte Beute einer Jagd nach authentischem Bullshit.

Eine eigene Textgattung der journalistischen Beobachtung gibt es, die sich darauf spezialisiert hat, heteronormative Modephänomene von urbanen (straighten) Männern zu beschreiben und dann auszuschlachten. Irgendjemand prägt ein Wort, wie beispielsweise „metrosexuell“, das pseudo-wissenschaftlich beschrieben zum Modethema wird: im Sinne von Mode und als eigener Trend. Metrosexualität als Trend und Beobachtung dauerte von den 1990ern bis an den Anfang der 00er Jahre, bis das Phänomen auf allen Kanälen mit David Beckham als Galionsfigur schillerte. Der Hipster kam und wurde breit durchdiskutiert, der Spornosexual flackerte kurz auf (als Beschreibung für Körper, die so übertrainiert sind, dass sie eindeutig auf Sexobjekt gedrillt sind) – und jetzt kurz vor Weihnachten, wie ein Werbegag für die Flanellhemden der hippen Retailer, kommt der Lumbersexual aus dem Wald der Modesemiotik gekrochen und hackt alles mit seiner Axt nieder.

Der gemeine lumbersexuelle Mann sieht aus, das verrät das englische Wortspiel, wie ein Holzfäller: langer Bart, Karohemd zuweilen wohl auch ein bisschen rundlicher. Die Texte über diesen neuen „Männertypus“ kommen rasend schnell auf allen Medien, vor allem den anglophonen, und im Gegensatz zur Metrosexualität ist der schnelle Aufstieg des Holzfällers ein guter Pulsmesser für die blitzschnelle Verbreitung von Trends. Noch während man einen Artikel liest, und genau da spielt sich der Lumbersexual vor allem ab, auf Bildschirmen und in Medien, kopieren die Design-Abteilungen von Retailern gerade Karomuster und kaufen Karostoffe auf, damit in wenigen Wochen noch mehr von diesen Hemden auf den Stangen hängen, um den frisch geouteten lumbersexuellen die entsprechende Kleidung zur Verfügung zu stellen.

Wie ernst soll man den Lumbersexual nehmen? Leise Ironie schwingt in den Texten über ihn mit, denn er ist jetzt schon sein eigenes Klischee. Der Moment in dem der Trend benannt wird, ist der Moment, in dem der Trend stirbt. Die mediale Ausschlachtung wartet nicht bis der Holzfäller ausblutet, sondern streckt ihn mit der eigenen Axt nieder und verarbeitet seine Eingeweide noch während der Kadaver zuckt. Vielleicht haben einige heterosexuelle Männer (und nur auf sie bezieht sich der Trend, explizit) gerade über den langen Bart gefreut und sich in Flanell gekuschelt, aber sorry, ihr wurdet gespottet und jetzt gehen die hämischen Kommentare los. Niemand will so aussehen wie jemand, der in den Medien so hochgenommen wird.

Auch wenn ich persönlich dem Bart, dem Karo und Tattoos viel abgewinnen kann, hat das Gewucher in den Männergesichtern mein Gaydar ziemlich verwirrt. Natürlich soll gender fluide sein und so weiter, aber srsly: Warum müssen straighte Typen immer so übertreiben?

Was da so meta-männlich im Stil und Anziehen unter Männer, die Männer lieben, geschäkert wird, weiß auch immer um die Notwendigkeit von camper Distanz. Nicht so ganz vorne preschen und es ernst meinen. Der intellektuelle Überbau schwingt mit und man(n) weiß: wenn wir’s ernst meinen, mit dem ganzen Männlichkeitsscheiß, dann gehen wir zu weit.

Den längsten Bart müssen die Stragthies aber haben. Die meisten Karos müssen sie tragen. Mehr. Länger. Toller. Kein Bart, keine Competition. Und ehrlich gesagt: kein Vergleich. In die Höhle des Bären wagen alle Männer sich nämlich, die sich so anziehen. In eine ganz alte Tradition schreiben sich Männer ein, die sich so lumberlustig anziehen. Die Zitate sind eindeutig: die Bären-Subkultur, deren Ränder bereits innerhalb der schwulen Männer aufgeweicht und hip aufgewertet wurden, dient eindeutig als Blaupause für diesen Look. Kein Trend also, sondern mal wieder eine schwule Erfindung, die viel zu spät in den straighten Sphären landet. Wie so oft verliert sie dabei aber ihren Witz.

Sollte man die Existenz dieser Männer vielleicht sogar anzweifeln? Könnten die Medien falsch liegen, bei diesem Thema, dass sie wahrscheinlich in wenigen Monaten nicht mal mehr mit der Kneifzange anfassen werden? Ist das alles nur ein medial aufgeblasener Luftballon im Holzfällerformat?

Der Begriff selbst ist kritisch, denn er schreibt implizit eine Logik weiter, die da Attribut zu „sexuell“ zu einem Lifestyle und Charaktermerkmal macht. Die naive Erfindung einer „Lumbersexualität“ schreibt diesen Männer gewisse eigenschaften zu, die in diesem Begriff zusammenkommen: der Look, der Charakter, die Einstellung zum Leben. Sie werden vom Rest der Gesellschaft abgesondert und irgendwie belächelt. Aus schwuler Sicht ist das gefährlich, weil damit auch Homosexualität weiter als Charaktermerkmal und Spitze des Eisbergs funktionieren darf und nicht lediglich als Beschreibung einer sexuellen Performance. Letztlich zeigt der Begriff Lumbersexual die Einfallslosigkeit und Borniertheit der Mehrheitsgesellschaft, die sich nicht nur an Subkulturen bedient, ihr die kritischen Untertöne raushaut, und dann auch noch bei der Selbstbespiegelung diskriminierende Mechanismen fortschreibt.

Schwamm drüber, Jungs und Journalisten. Man kann das auch positiv sehen: Lasst euch weder beschimpfen, noch auslachen. Schaut euch mehr bei den Bären ab! Die Bärenkultur ist eine Kultur der Kumpelhaftigkeit und Liebe. Bärchen, das sind ganz tolle Männer. Und das wollt ihr doch sein, oder? Ein ganzer, toller Mann. Als nächstes werden alle Cowboys.

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