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CTM: Monolake Live Premiere 2015. Review.

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Der Rezeptionsmodus von elektronischer Musik in öffentlichen Räumen ist für mich an meinen Körper und seine Reaktion gebunden. Viele Körper in einem öffentlichen Raum (beispielsweise ein Club), die die durch die Anlage gejagte Musik, den Schall und die Vibration, durch codierte Bewegungen wiedergeben, beschreiben und entlang fahren. Tanzen ist eng mit dem Konsum elektronischer Musik verbunden, oft auch der, die experimenteller ist, weniger tanzbar dadurch, aber das Stehen vertreibt man sich dann mit verschränkten Armen und wippt hin und her, versiertere Zuhörer und Tänzer tanzen trotzdem.

Techno im Theater dagegen ist eine wunderbar befreiende Erfahrung. Den Körper vom Zwang der Korrespondenz mit der Musik befreit, kann man im Stuhl sitzen, sich zurück fläzen und dem Geist überlassen mit der Musik zu interagieren (Gummibärchen essend, drogenfrei, rückenfreundlich). Robert Henke, der eigentlich mit seinem Lasershow-Projekt Lumière die Bühne verzaubern wollte, trat am letzten Donnerstag stattdessen als Monolake auf und präsentierte Work-in-progress mit Visuals von Tarik Barri. 

Barri und Henke standen nicht zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne und als eingespieltes Team konnte man ihnen in den kleinen Momenten der Absprache den gegenseitigen Respekt ansehen und die Ehrfurcht, dabei aber auch den Spaß, am eigenen Arbeiten spüren. Das Publikum in der Volksbühne profitierte von dieser Energie, denn die komplexe Performance der beiden lebte genau davon.

Die Performance, die die Volksbühne, deren Anlage überraschend Techno-tauglich war, zum Beben brachte, begannen mit einem Stück, das das Publikum durch typische Monolake-Elemente auf die kommende Soundreise einschwor. Weder zu treibend noch zu flächig, und unterstützt durch das durchweg große Kino der Visuals, die in organisch-kristallinen Molekülmustern auf der riesigen Leinwand live entstanden, holte Henke das Publikum, das noch von Amir Zeks Konzert die Dissonanzen in den Ohren sitzen hatte, gekonnt ab . Die Performance tastete sich immer weiter nach vorne und die Visuals wechselten die Stimmung, wie auch ihre Auflösung, ihre ganze Bildsprache, zusammen mit dem Sound, der immer tiefer bohrte.

Henke, der seit den 90er Jahren als Produzent und DJ unterwegs ist, hat eine interessante Affinität zur Inszenierung von elektronischer Musik außerhalb des Clubkontexts. In einem Essay  aus dem Jahr 2007, macht er sich Gedanken über die Performance von elektronischer Musik – ihre Theatralik und stellt die Frage: was sieht das Publikum eigentlich? Einen Typen, der auf seinen Computer und vielleicht ein paar andere Instrumente einhackt, aber die Komplexität der Musik steht nicht im Verhältnis zu dem, was man sieht. Sieben Jahre später hat vielleicht mehr Gewöhnung eingesetzt und die begleitenden Visuals sind zum Teil wohl auch Ablenkungsmanöver, was sie nicht weniger zu einer eigenen Kunstform macht oder ihre ästhetischen Mehrwert runterreden soll. Auch das einhacken auf den Computer macht eine Live-Performance möglich und die Instrumente, die alle durch Software und Simulation, ganz Maschine geworden sind, brauchen immer noch den Menschen, der sie bedient. Henkes Konklusion: auch wenn man sich mit dem roughest möglichen Equipment besoffen auf die Bühne stellt, ist die Sehnsucht des Publikums nach Authentizität nicht immer kohärent mit den musikalischen Ansprüchen des Performers – und transzendierend auch der Zuhörer, die keine Zuschauer sein müssen.

Egal ob Zuschauer oder Zuhörer, die Performance von Monolake entführte tief in die intellektuellen Gefilde der elektronischen Musik. Smarte Sounds und mit Verve aufgeführte Visuals machten den Abend rund. Mit dem Fuß wippend konnte man nicht anders als die kristallklaren und episch gestrickten Flächen goutieren. Und gerade als man in den stillen Momenten irgendetwas komplett Existenzialistisches dachte, pfiff oder klatschte jemand, aber, ohne Robert Henke etwas unterstellen zu wollen, der Mann hinter dem Sounds zusammenrechnenden Computer knallte dann einfach wieder die Bassline rein, um die Leute, die wahrscheinlich auch bei der Landung eines Flugzeugs klatschen, zum Schweigen zu bringen. Die Reise ging weiter und gelandet wurde erst nach knapp einer Stunde und einer kurzen Zugabe.

Ich verließ die Volksbühne kathartisch gereinigt, glückselig grinsend, als hätte ich gerade einen Darkroom verlassen, in dem ich richtig gut durchgenommen wurde. Und genauso fühlte ich mich: bummsbesoffen, technotrunken und wenn das ein Vorgeschmack auf das Jahr 2015 war, dann ist die Zukunft vielleicht düster, aber schön.

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