your local girl gang! Auf einen Kaffee mit Ena Lind.

Die Girl Gang, die diesen Donnerstag das SchwuZ mit ihrem all-female Line-Up übernimmt, gehört zwar nicht zu den regulären Elektronischen Donnerstagen, aber wurde natürlich mit genauso viel Liebe zum Detail gebooked und zusammengestellt. Tatsächlich füllt die Party eine Lücke, die der 5-wöchige Oktober offen lässt. Jetzt zu sagen, das all-female Line-Up wäre eine Absage an männliches Publikum, würde Ena Lind, die neben Resom durchaus als Headliner der Party durchgeht, definitiv nicht unterschreiben.
Die Veranstalterin der Partyreihe MINT, die regelmäßig im Kreuzberger BiNuu stattfindet (zuletzt legte  unter anderem Lauren Flax, die auch vor kurzem im SchwuZ war, zu Ausgabe #10 auf), ist bereits seit 2007 als professionelle DJ unterwegs. Wie auch your local girl gang, ist MINT eine Party, die auf rein weibliches Line-Up setzt. „Es ist ein Missverständnis zu denken, dass MINT eine Lesbenparty wäre“ sagte Ena über einer Tasse Tee in einem Neuköllner Café. Auch ich bin der Idee auf den Leim gegangen und versuche mich im Gespräch zu entschuldigen, aber sie winkt ab. Kein Problem, sei es, sagt sie. Den Fehler würden viele machen und auch mir geht auf, wie kurz ich gedacht habe, als ich MINT als lesbisches Partykonzept las, auch wenn ich mich dort als Mann immer wohl fühlte. Meine Rechtfertigungen werden mir selbst peinlich und ich merke, dass ich mich gar nicht in die Nesseln setze, sondern das politische Kerngeschäft der Partymacherin in Ena Lind anspreche.
„Leute schreiben mir auch Mails und fragen, ob ihr männlicher Freund mitkommen wolle“, erzählt und lächelt dabei, amüsiert über die versehentliche Borniertheit der queeren Szene. MINT ist ein Raum für Musik, das stellt Ena klar – und gleiches gilt wohl auch für your local girl gang. Die beiden Konzepte ähneln sich zwar in ihrer Grundidee, aber der Standort und die aktivierten Netzwerke für das Party-Experiment sind ganz andere. Warum sollte man auch alle weiblich ausgerichteten Parties über einen Kamm scheren, wenn man das gleiche niemals mit den „männlich“ besetzten Turntable machen würde?

Während MINT seit über einem Jahr mit seinen Partyplakaten den visuellen Berliner Strassendschungel mit kecken Portraits aufwertet, die jeweils immer eine der gebookten DJs zeigen, ist your local girl gang eine Reaktion auf den Film „Sounds Queer“, der dieses Jahr nach über vier Jahren Produktionszeit anlief. „Sounds Queer“ ist eine einstündige Doku über drei Protagonistinnen der Berliner Techno- und House-Szene. Neben Tama Sumo, die bereits in den 90ern aktiv war und den Sound der Panorama Bar maßgeblich mitbestimmte, wirken unter anderem resom und Ena Lind in dieser feministischen Sozialstudie von Dahl Bahl mit. Der Film wird ab 22.00 Uhr vor your local girl gang im SchwuZ zu sehen sein.

Warum kommt also die Girl Gang so lokal zusammen, wenn es keine explizite Message an das Publikum ist, Gendersegregation (sic) zu betreiben? Tender to all gender, ja, aber leider gibt es im Booking-Universum ungeschriebene Regeln, die gerade abseits der queeren Clubs zu Kumpelgesellschaft und männlichen Seilschaften führen. Die Glasdecke für weibliche DJs ist weit unten eingezogen. Trotzdem gibt es auch unter den weiblichen DJs rege Cliquenbildung und genau gegen dieses Meta-Problem will MINT fresh vorgehen: all-female gerne, aber mit einem Publikum so gemischt wie fröhlich. „Die Leute haben Angst vor politischen Parties, das klingt wie ein Downer für viele“ sagt Ena. Gleichzeitig verwebt sie aber durch die implizite Message auch Politik. MINT ist ein feministisches Projekt ohne sich das auf die Fahne oder Plakate zu schreiben, aber durchdrungen von dieser Idee, drückt sich das im gesamten Konzept aus. Vom Booking bis hin zur Ästhetik der Flyer und Poster, zeigt MINT, wie man auch ohne explizite Ansprache implizit wichtige Ziele verwirklichen kann. Auch your local girl gang wird uns genau da abholen, wo wir stehen und getanzt über die Demarkationslinie unserer eigenen Vorurteile führen. Das Booking mischt verschiedene Cliquen weiblicher DJ-Kultur und verspricht, nach dem Input durch Sounds Queer, zu beweisen, wie man auch durch eine so spaßige Kulturproduktion wie eine Party kritische Interventionen starten kann.

MINT verselbstständigt sich gerade: die gebookte DJ will eine  Booking-Agentur aufbauen und die Auftritte in anderen Clubs wie dem Tresor oder der neue Residency im Kreuzberger Farbfernseher in Regelmäßigkeit überführen. Die Girl Gang – oder Konter-Seilschaften – sind also aktiv und wer sie nicht auf dem Radar hat, wird vielleicht von ihnen überholt, bevor er den Satz “Ich booke nicht, wen ich nicht kenne” zu Ende gesagt hat.

Das Netzwerk, das Ena Lind hinter sich aufgebaut hat, kommt von Jahren internationaler Bookings, von der Leidenschaft zur Musik und dem immer wieder gegenseitig Booken. Es braucht Ausdauer für einen Künstler, sich durchzusetzen, das gilt für alle sparten. Aber Ena Linds Beharrlichkeit drückt sich auch in ihren Sets aus: die Technik, mit der sie auflegt, ist präzise auf Höhepunkte abgestimmt. Ihr Zugang zu House mag es breit und zuweilen melancholisch, aber in Techno rutscht sie selten ab. Ena Lind ist eine DJ, die auf Lebensfreude setzt, ohne die dunkle Seite zu vermeiden – eine Party mit ihr ist immer eine durchtanzbare Veranstaltung.

Gleichzeitig ist your local girl gang der würdige Auftakt des größten und elektronischsten Wochenendes, das das (neue) SchwuZ bisher gesehen hat:

SAVE THE DATES:

Donnerstag:
your local girl gang

all-female Line-up mit Kaltès & resom, Chance&Dark (DJ-Team) & Ena Lind
FB // RA

Freitag:
1 Jahr Elektronischer Donnerstag im SchwuZ

Die Veranstalter des Elektronischen Donnerstags kuratieren mit ihrem Lieblingsbooking auf zwei Floors die Club-Primetime:
BRU/T vs. THE BARBERSHOP FLOOR (House/Techno):
FERNANDO POO, FATA KIEFER, VINCENT CARPENTIER & BERA
BOYOLA vs. SADO MASO DISCO
(Disco/House):
FRANZ UNDERWEAR, LAURA DE VASCONCELOS, YAM BATALLER & LUCAS GURGEL

FB // RA
Samstag:
Proxi Club mit u.a. Justus Köhncke & Rotciv, Av Skardi und Mauro Feola
FB // RA

Als Medienpartner stehen wolf auf tausend plateaus ein paar nette Spots auf der Gästeliste zur Verfügung. Einfach eine Mail an kevin (at) wolfauftausendplateaus.de mit der Party im Betreff und wer weiß, vielleicht ist ja noch was frei.

Portrait: Joie Iacono

Leave a Reply